Leere Stühle für Gäste auf dem muslimischen Teil des Friedhofs Berlin-Gatow, wo eine tote Syrerin bestattet werden sollte (Quelle: dpa)
Audio: radioBERLIN 88,8 | 17.06.2015 | Interview mit Christian Hanke

Künstlergruppe kündigt Demo und Beisetzung an - Bezirk wappnet sich für mögliche Bestattung am Kanzleramt

Mit der Beisetzung einer zuvor exhumierten Flüchtlingsleiche in Berlin-Gatow sorgte das Zentrum für politische Schönheit am Dienstag bereits für Aufsehen. Nun plant die Künstlergruppe weitere provokante Aktionen in den nächsten Tagen, darunter Bestattungen vor dem Kanzleramt. Der Bezirk Mitte hat sich dazu bereits klar positioniert.

Nach der Bestattung einer ertrunkenen Flüchtlingsfrau auf dem Friedhof Berlin-Gatow am Dienstag planen die Organisatoren weitere Aktionen in dieser Woche. So wollen die Organisatoren - das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) - ähnliche Beisetzungen abhalten. Die Orte und Termine würden aufgrund der "politischen Sprengkraft" jeweils erst sechs Stunden zuvor bekannt gegeben, heißt es in einem Video auf der Webseite der Aktivisten.

Für Sonntag kündigten die Aktivisten zudem an, im Regierungsviertel Leichen von ertrunkenen Flüchtlingen im Rahmen einer Demonstration zu bestatten. Tote sollen direkt bis vor das Kanzleramt gebracht werden, heißt es in dem ZPS-Video. Einer der bedeutendsten Plätze der Bundesrepublik werde "in ein Friedhofsfeld verwandelt, auf dem die Opfer der militärischen Abriegelung Europas direkt vor den Augen der politischen Entscheidungsträger bestattet werden". Unter dem Motto "Die Toten kommen" will das Zentrum so gegen die europäische Flüchtlingspolitik protestieren.

Bezirk will Bestattung notfalls polizeilich verhindern

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke (SPD), zeigte sich am Mittwoch allerdings überzeugt, dass es keine Bestattung von Flüchtlingsleichen vor dem Kanzleramt geben wird. "Natürlich wird es nicht dazu kommen", sagte der Politiker. "Ich denke, dass die Künstlerinnen und Künstler sehr hoch pokern."

Die Beerdigung in Gatow habe offenbar noch einen "vernünftigen rechtlichen Rahmen gehabt", sagte Hanke. Die Aktion weise auch zu recht auf den Skandal hin, dass das Mittelmeer zu einer großen Begräbnisstätte geworden sei. Es könne nicht sein, dass ein, zwei Millionen Flüchtlinge in Nordafrika versuchen, sich und ihre Kinder zu retten - und von 740 Millionen Europäern nicht aufgenommen werden. Es sei gut, wenn auch in Berlin mit politischen Aktionen auf das Problem hingewiesen werde.

"Aber klar ist natürlich auch, dass vor dem Bundeskanzleramt keine Leichen bestattet werden", sagte Hanke. "Wir werden sehen, wie ernst die Künstler das meinen - aber die Gesetze sind klar." Leichen müssten auf den dafür vorgesehenen Friedhöfen bestattet werden, mit der entsprechenden Ehrfurcht. "Mit Leichen spielt man nicht", stellte Hanke fest. "Natürlich wird auch die Polizei vor Ort sein, das Geschehen beobachten und dort, wo gegen Pietät und Gesetze verstoßen wird, eingreifen."

Bagger soll bei der Demonstration mitfahren

Der Berliner Polizei liegt laut ihrem Sprecher Stefan Redlich für kommenden Sonntag eine Anmeldung für einen Aufzug unter dem Titel "Mahnwache für ertrunkene Flüchtlinge im Meer" vor. 500 Teilnehmer sollen von 14 bis 16 Uhr vom Boulevard Unter den Linden bis zum Forum vor das Kanzleramt laufen.

Redlich sagte rbb online, das ZPS habe auch mehrere Fahrzeuge für den Aufzug angemeldet. So seien drei Kleinbusse und ein Bagger angekündigt worden. Zudem seien vom ZPS auch Tote angekündigt worden. "Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so etwas schon einmal bei einer Demonstration hatten", so Redlich.

Am Mittwoch soll es ein Treffen zwischen Polizei und Aktivisten geben. Bereits am Dienstag hatten sich die Gesundheitsämter der Bezirke verständigt, wie man mit dem Protest umgehen will, hieß es.

"Würdiger Ort um die Würde zurückzugeben"

Justus Lenz rechtfertigte die bereits vollzogene Bestattung in Gatow und die geplanten weiteren Aktionen am Dienstag im rbb-Sender radioBERLIN. "Das Ziel dieser Menschen war Berlin, ein Leben in Freiheit", sagte Lenz. "Und wir sind der Meinung, dass Berlin - insbesondere das Regierungsviertel - ein würdiger Ort ist, um diesen Menschen die Würde zurückzugeben, die ihnen an den Außengrenzen Europas genommen wurde."

Aktivisten entwendeten Mauerkreuze

Auf dem muslimischen Teil des Friedhofs in Berlin-Gatow hatten Aktivisten am Dienstag die Bestattung eines im Mittelmeer ertrunkenen weiblichen Flüchtlings zelebriert. Im Beisein eines Imams wurde ein Sarg in die Erde eingelassen, in dem sich der Leichnam einer vierfachen Mutter aus Syrien befunden haben soll. Helfer des "Zentrums für Politische Schönheit" wollen die Tote auf der italienischen Insel Sizilien exhuminiert und nach Berlin überführt haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass die politische Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) mit seinen Aktionen provoziert und die Aufmerksamkeit auf brisante Themen lenkt. Zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November des vergangenen Jahres hatte die Gruppe 14 Kreuze an der Gedenkstätte "Weiße Kreuze" entwendet, um auf die Lage der Flüchtlinge an der europäischen Grenze aufmerksam zu machen. Bundesweit hatte die Aktion für Aufsehen und kontroverse Debatten gesorgt.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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