Teilnehmer einer NPD Kundgebung protestieren gegen ein Zeltlager für Flüchtlinge an der Bremer Strasse in Dresden am Freitag (24.07.2015) und geraten dabei mit der Polizei aneinander (Quelle: imago/Peter Blick)

Interview | Berichterstattung über Flüchtlinge und Proteste - "Der Begriff 'Asylgegner' verschleiert die Tatsachen"

Kennen Sie Menschen, die sich daran stören, dass in ihrer Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim gebaut wird? Und wie nennen Sie die? Politiker und Medien sprechen von "Asylkritikern". Ist das gerechtfertigt, wenn es Hunderte Angriffe auf Flüchtlinge gibt? "Asylkritiker" klingt zunächst harmlos, ist es aber nicht, sagt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

Herr Stefanowitsch, Sie warnen vor dem Gebrauch der Begriffe "Asylgegner" und "Asylkritiker". Wo sind sie Ihnen aufgefallen?

Diese Begriffe finden sich seit einigen Monaten immer wieder in den Medien und manchmal bei Politikern. In den letzten Wochen hat es noch einmal massiv zugenommen. Die Begriffe setzen die Tradition fort, die wir schon von der Pegida-Berichterstattung kennen. Dort war von Islamkritikern die Rede.  Sie setzen auch die Tradition fort, Antisemiten als Israelkritiker zu bezeichnen. Das sind allesamt verschleiernde und beschönigende Ausdrücke. Die Nachrichtenagentur dpa hat angekündigt, den Begriff "Asylgegner" nicht mehr zu verwenden.

Seit wann wird der Begriff "Asylgegner" verwendet?

Die Wörter finden sich in ihrer aktuellen Verwendung seit etwa 2013 bei rechten Gruppierungen, und seit 2014 in den Medien, verstärkt seit diesem Jahr. Der Begriff "Islamkritiker" ist etwas älter, aber auch erst mit der Pegida-Berichterstattung bekannter geworden. Statt sich zu überlegen, wer hier rassistisch, wer fremdenfeindlich motiviert ist, wurde der Begriff islamkritisch gewählt. Als ob irgendjemand bei diesen Demonstrationen in der Lage gewesen wäre, eine ausgefeilte Kritik einer Religion oder einer Kultur zu liefern.

Zur Person

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch forscht und lehrt am Institut für Englische Philologie Freie Universität Berlin. (Quelle: dpa/privat)

 

Anatol Stefanowitsch

1980 in Berlin geboren, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Auf seinem Blog sprachlog.de beschäftigen sich er und zwei andere Autoren mit aktuellen Themen und Trends rund um Sprache. Bei Twitter kommentiert Stefanowitsch mehrmals täglich.

Was sind die Folgen, wenn man diese Begriffe benutzt?

Die erste Folge ist, dass für Menschen, die tatsächlich legitime Kritik am Islam oder Israel üben möchten, kein Wort mehr da ist, weil das Wort Islam- oder Israelkritiker schon verbraucht ist für Menschen, die eigentlich fremdenfeindlich sind.

Und beim Begriff Asylkritiker?

Das ist ein merkwürdiger Begriff, weil es niemanden gibt, der tatsächliche Kritik an der Institution des Asyls äußert. Es sagt ja niemand, dass Asyl grundsätzlich falsch ist. Deshalb ist der Begriff Asylkritiker vielleicht so vielen Menschen aufgestoßen, weil das nicht einmal ein verharmlosender Begriff ist, sondern einer, der die Wirklichkeit verzerrt. Da sind Menschen, die sich daran stören, dass in ihrer Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim gebaut wird. Das hat mit Kritik an der Asylpolitik nichts zu tun.

Die zweite Gefahr: Man vermeidet Begriffe wie rechtsradikal, fremdenfeindlich, rassistisch und ersetzt sie durch Euphemismen - beschönigende Ausdrücke. Derjenige, der die Dinge beim Namen nennt, der sagt "Hier sind rassistisch motivierte Menschen am Werk", steht als polemisch da; aber das nur, weil sich alle daran gewöhnt haben, dass man diese unangenehmen Begriffe vermeidet.

Welche Folgen hat das?

Beim oberflächlichen Nachdenken und beim Konsumieren von Nachrichten werden die Tatsachen verschleiert. Es wird niemand gezwungen, sich mit dem tatsächlichen  Problem zu beschäftigen. Es gab schon 2014 Anschläge auf Flüchtlingsheime, die nicht hinnehmbar sind. Sie sind nie hinnehmbar, aber in dieser Frequenz wäre längst eine breite politische Gegenoffensive nötig gewesen – aber die kommt nicht, auch jetzt noch nicht. Das hat zum Teil damit zu tun, dass diese verharmlosende Sprache verwendet wird. 

Pauschalisiert man nicht, wenn man alle Ereignisse oder Kritiker rechtsradikal nennt?

Das ist interessant. Ich glaube, dass das bereits eine Konsequenz aus der Vermeidung der klareren Begriffe ist. Wir haben uns dran gewöhnt, dass immer eine möglichst wenig verunglimpfende, allgemeine Sprache verwendet wird - auch gegenüber Leuten, die eine solche "Verunglimpfung" verdient hätten.

Man muss nicht über die Motive von jemandem rätseln, der einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim verübt. Natürlich ist es wichtig, zu differenzieren und genau hinzuschauen, wann man die klareren Begriffe verwendet. Es ist keinem gedient, wenn wir die Begriffe Rechtsradikale oder Nazis zu inflationär benutzen, dann verlieren sie auch ihre Bedeutungskraft.

Aber man muss sich nur einmal vorstellen, wenn Menschen aus dem linken Spektrum jeden Tag einen Anschlag auf eine Bank verüben würden. Da hätte niemand Probleme damit, das als linksextremen Terrorismus zu bezeichnen. Oder wenn Muslime jeden Tag eine Kirche angreifen würden. Da würde jeder von muslimischem Terrorismus reden, und keiner würde sich fragen, ob man alle Angreifer persönlich anschauen muss, um zu sehen, ob da ein Mitläufer dabei ist.

Es lässt sich nicht ausschließen, dass da Leute dabei sind, die nicht besonders viel nachgedacht haben. Aber man kann auch sagen: Wer einen Brandanschlag auf ein Gebäude verübt, in dem Flüchtlinge untergebracht sind, der ist vielleicht kein ideologisch gefestigter Rechtsradikaler, aber er ist auf jeden Fall jemand, der von diesem Gedankengut durchdrungen ist. Das heißt nicht, dass er für Argumente unrettbar verloren ist, aber es gibt keinen Grund, das zu verharmlosen oder durch Begriffe wie Asylkritiker als eine legitime Position darzustellen.

Halten Sie die Bezeichnung rechtsradikale Terroristen in dieser Situation für angemessen?

Ich wundere mich, dass der Begriff rechter Terrorismus oder Terror zögerlich bis gar nicht verwendet wird. Sehr punktuell gibt es die ersten Medien, die diesen Begriff in die Debatte geworfen haben. Das wundert vor allem, weil gerade noch das Verfahren gegen die NSU-Terroristen läuft. Daraus hätten wir lernen müssen, dass es nichts bringt, sich jahrelang einzureden, dass nichts passiert ist und dass wir Dinge nicht beim Namen nennen.

In den 90er Jahren gab es schon einmal eine ähnliche Situation. Es gab rechte Proteste, Hetze gegen Flüchtlinge und eine Gegenbewegung. Wie war das damals?

Damals hat man die Begriffe "Asylgegner" und "Asylkritiker" in der Berichterstattung nicht verwendet. Man hat sich damals  - und tut das heute auch wieder  - sehr stark auf die angeblichen Sorgen derjenigen konzentriert, die dort vor Flüchtlingsheimen protestieren und die Flüchtlingsheime angreifen. Man hat damals auch schon gesagt, dass man diese Sorgen ernst nehmen muss. Man hat das damals auf eine Weise ernst genommen, dass man die Asylgesetzgebung in Deutschland sehr stark verschärft hat.

Diese Problematik sehe ich heute wieder. Durch die Begriffe "Asylgegner" und "Asylkritiker" kommt diese zusätzliche Dimension hinzu: Man tut so, als ob hier nicht nur Sorgen bestehen, die mehr oder weniger berechtigt sind, sondern als ob hier auch tatsächlich intellektuelle Positionen bestehen. "Asylkritiker" würde ja heißen, dass dort jemand kritisch nachgedacht hat über die Institution des Asyls und zu bestimmten Schlussfolgerungen gekommen ist. Das verstärkt eben die Tendenz, die man auch damals gesehen hat:  lieber an der Asylgesetzgebung herumzudoktern, anstatt diesem Hass, dieser Hetze und diesen unverzeihlichen inhaltlichen Positionen etwas entgegen zu setzen.   

Gibt es noch andere typische Begriffe oder Einordnungen, die Ihnen aufgefallen sind?

Ein Begriff  ist der von "sozial schwachen Stadtteilen", in denen diese Flüchtlingsheime sind. Der Begriff des "sozial Schwachen" ist ja selbst ein Euphemismus, eine Art verschleiernder Begriff für Armut. Da wird ein Zusammenhang zwischen der angeblichen sozialen Schwäche der dort lebenden Menschen und den Angriffen auf Flüchtlingsheime hergestellt. Dieser Zusammenhang ist aber sehr dünn und empirisch kaum belegt. Der Begriff des "sozial Schwachen" dient auch ein bisschen dazu, das eigentliche Problem wieder zu verdecken oder zumindest die Frage zu verhindern, ob nicht viel stärker systematischere Ideologien am Werke sind, als alle diese Begriffe vermuten lassen würden.

Das Gespräch führte Dena Kelishadi.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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