Polizeiwagen am Rande von Protesten gegen Asylbewerber (Quelle: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 28.10.2015 | Phillipp Manske

Cottbus: Asylbewerber beschreiben Klima der Angst - "Du sollst einfach weg von hier, ansonsten bist Du tot"

Nach fremdenfeindlichen Übergriffen im Umfeld einer Anti-Flüchtlings-Demo in Cottbus ermittelt die Polizei nun zu einer Vielzahl von Anzeigen. Asylbewerber berichten von einem Klima der Angst, Flüchtlingsaktivisten beschreiben eine Hatz auf Asylbewerber. Die Cottbuser Stadtverordneten verurteilten die Übergriffe als "unterste braune Schublade".

Nach einer Serie von teils fremdenfeindlichen Übergriffen in Cottbus in der Nacht von Freitag auf Samstag ist bei der Polizei eine Vielzahl von Anzeigen eingegangen. Das sagte Polizeisprecherin Ines Filohn am Mittwoch dem rbb. Polizei und die Cottbuser Staatsanwaltschaft machten allerdings zunächst keine Angaben über diejenigen, die die Anzeigen erstattet hatten. Die Ermittler beschäftigten sich nun intensiv mit einer Kette von Vorfällen, hieß es.

Zwei der Anzeigen stammen von syrischen Asylbewerbern, die in Cottbus wohnen. Einer von ihnen sagte dem rbb, auch er sei am Freitag von Unbekannten angegriffen worden: "Ich war einkaufen. Vor dem Markt standen Leute, die haben mich erst in Ruhe gelassen. Nach dem Einkauf haben sie auf mich gewartet, mir den Einkauf weggenommen und mich geschlagen." Als ihm ein Freund dann zu Hilfe kam, sei dieser ebenfalls geschlagen worden.

Angriff mit dem Elektroschocker

Zuvor sei er bereits auf der Straße von Unbekannten bedroht worden. "Du sollst einfach weg von hier, ansonsten bist Du tot." Von dem Angriff am Supermarkt soll es auch ein Video geben, gefilmt von einem Asylbewerber.

Mitarbeiter des Cottbuser Willkommenstreffs im Stadtteil Sachsendorf bestätigten, dass bereits mehrfach Asylbewerber vor Supermärkten bedroht wurden. Ali Kahled, Mitarbeiter des Treffs, sagte dem rbb, vor allem vor Supermärkten in der Nähe des Asylbewerberheims würden oft Neonazis lauern: "Und wenn die sehen, dass ein oder zwei Leute zusammen sind, dann: 'Los geht's!'"

Kahled erklärte, viele Flüchtlinge gingen aus Angst vor solchen Angriffen nicht mehr aus dem Haus: "'Ab 13 Uhr', haben die Neonazis gesagt, 'dürfen die Ausländer nicht mehr raus. Und wenn jemand allein raus geht, dann hat er's verdient.'" Er habe auch gefilmt, wie eine Kenianerin nach der Anti-Asyl-Demo mit einem Elektroschocker angegriffen wurde.

Stadtverordnete verurteilen Übergriffe

Auch in der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung (SVV) waren die fremdenfeindlichen Übergriffe am Mittwoch Thema. Für Gewalt gegen Flüchtlinge und das Verbreiten von Angst und Schrecken könne es keine Toleranz geben, erklärten die Stadtverordneten. Der SVV-Vorsitzende Rainhard Drogla (SPD) sagte, die Angst vor dem Unbekannten könne er nachvollziehen. Die komme allerdings daher, wenn man selber "nie rauskommt aus dem eigenen Saft". Und dafür trage jeder selbst die Verantwortung. Sozialdezernent Berd Weiße (parteilos) wies darauf hin, dass es in der 100.000-Einwohner-Stadt derzeit nur 800 Flüchtlinge gebe. Von einer "Flüchtlingswelle" könne also keine Rede sein. Der Linke-Abgeordnete André Kaun erklärte, was in Cottbus gerade geschehe, sei "unterste braune Schublade". Dafür könne man sich nur schämen.

Als "ungeheuerlich" bezeichnete Brandenburgs Sozialstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt die Vorfälle. Bei ihrem Besuch im Cottbuser Willkommenstreff sagte sie am Dienstag: "Hier müssen alle Menschen, die in der Umgebung sind, eingreifen und Zivilcourage zeigen."

Cottbuser Uni will Studenten besser schützen

Die Cottbuser Universitätsleitung hatte am Mittwochmorgen erklärt, in Reaktion auf die Angriffe auf Studierende im Rahmen der Demonstration am Freitag die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen.

Der Präsident der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), Jörg Steinbach, sagte dem rbb, es gehe dabei nicht darum, die Universität in eine Festung zu verwandeln. Doch Videoüberwachung oder mehr Sicherheitspersonal könnten zur Verhinderung solcher Angriffe und zur Aufklärung beitragen. “Es geht mir einfach nur darum, dass man so auch eine objektivere Sachlage darstellen kann." Als Vorbild für solch eine Überwachung zum Schutz der Beteiligten nannte Steinbach die Maßnahmen der Berliner Verkehrsbetriebe in den Bahnhöfen der Hauptstadt.

Mehrheit auf dem Campus fühlt sich sicher

Steinbach betonte allerdings auch, er sei überzeugt, dass sich die Mehrheit der Studierenden auf dem Campus sicher fühle. Am vergangenen Wochenende waren in Cottbus mehrere Asylbewerber sowie Studierende aus vermutlich rassistischen Motiven angegriffen worden. Die Täter hatten die Studenten dabei bis auf den Campus verfolgt.

Die nächste Anti-Asyl-Demonstration in Cottbus soll am kommenden Freitag stattfinden. Dann wird auch die NPD aufmarschieren.

Mit Informationen des Regionalstudios Cottbus

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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