Abgeordnete und Senatoren sitzen am 26.11.2015 im Abgeordnetenhaus in Berlin (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 09.01.2016 | Florian Eckardt

25 Jahre Gesamtberliner Abgeordnetenhaus - Umzug ins "Café Größenwahn"

Eine Stadt, ein Parlament. Nach der ersten Wahl im wiedervereinten Berlin gründet sich vor 25 Jahren das Gesamtberliner Abgeordnetenhaus. Kurze Zeit später ziehen die Abgeordneten aus Ost und West in ihr neues Zuhause: den früheren Preußischen Landtag. Ein Rückblick von Florian Eckhardt

Jetzt aber schnell - "Frau Laurien, an die Arbeit bitte!". Der Aufruf galt Hanna-Renate Laurien (CDU), die gerade zur ersten Parlamentspräsidentin des ersten Gesamtberliner Abgeordnetenhauses gewählt worden war. Laurien eilte nach vorne und übernahm an diesem 11. Januar 1991 die Leitung der konstituierenden Sitzung.

Knapp sechs Wochen zuvor hatten die Berliner in Ost und West erstmals nach der Wiedervereinigung ein gemeinsames Parlament gewählt. Aus Ostberliner Stadtverordnetenversammlung und dem Abgeordnetenhaus, das noch im Rathaus Schöneberg tagt, wurde eine Volksvertretung für die ganze Stadt.

"Endlich mitmachen"

"Eine gute Stimmung" habe damals geherrscht, erinnert sich die damalige Präsidentin der Ostberliner Stadtverordnetenversammlung, Christine Bergmann (SPD). Besonders die jungen, die aus dem Osten kamen, hätten sich gefreut: "Endlich können wir hier mitmachen!"

Die konstituierende Sitzung fand ganz bewusst in der Nikolaikirche in Mitte statt. Hierher waren die gewählten Magistratsmitglieder schon 1809 bei der Wahl der ersten Berliner Stadtverordnetenversammlung prozessiert.

Von der Ruine zum Plenarsaal

Während das Abgeordnetenhaus erstmals zusammentrat, wurde das neue Domizil schon umgebaut. Bereits 1990 entschieden die Parlamentarier einstimmig, in den früheren Preußischen Landtag in der Niederkirchnerstraße in Mitte umzuziehen. "Das war eine ziemliche Ruine", erinnert sich Christine Bergmann. Im heutigen Plenarsaal besichtigte sie damals einen großen Gerümpelhaufen. "Da waren ausrangierte Tische und Stühle, ein paar Lenin-Bilder und Fahnen, die man jetzt nicht mehr brauchte."

"Es ist ein besonderes Haus", sagt Jochen Heger, der dort schon seit 1976 arbeitet. "Weil es vor einhundert Jahren für einen Zweck gebaut worden ist, den es heute noch erfüllt." Der Haustechniker tauscht gerade eine der gut 330 Lampen aus, die weit über dem Plenaraal über einer Glasdecke angebracht sind. Er hat den Umbau hautnah miterlebt. "Dieser ganze Bereich des Plenarsaals war bis zum märkischen Wüstensand ausgebuddelt", erzählt er. "Erst musste Grundwasser abgepumpt werden, damit der neue Saal auf Stahlstützen innerhalb der alten Mauern aufgebaut werden konnte."

Umzug ins "Café Größenwahn"

Am 29. April 1993 verließen die Abgeordneten das Provisorium Rathaus Schöneberg und zogen nach zweijähriger Umbauzeit in das neue Gebäude ein. Für Walter Momper, den früheren Regierenden Bürgermeister und späteren Abgeordnetenhauspräsidenten, hatte dieser Umzug enorme Symbolkraft. "Ich habe das Haus damals ein bisschen verspottet als 'Café Größenwahn'. Aber ich muss doch sagen, dass das Parlament diese Flächen gut nutzt und dass wir viele Gäste haben."

Heute besuchen bis zu 20.000 Menschen das Berliner Abgeordnetenhaus, darunter Staatsgäste, ausländische Delegationen und Bürger. Dabei erfahren sie, wie  geschichtsträchtig das Gebäude tatsächlich ist.

Erst tagte hier die bürgerliche zweite Kammer des Preußischen Landtags, 1918 gründete sich im Festsaal des Hauses die Kommunistische Partei Deutschlands. Während der Weimarer Republik nutzte der Preußische Landtag die Räume. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde im Plenarsaal der Volksgerichtshof gegründet, später wurde das Haus als Teil des Reichsluftfahrtministeriums als Offizierskasino genutzt und im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt.

Die DDR ließ das Gebäude teilweise wieder aufbauen. Bis 1953 war dort der Ministerrat der DDR untergebracht, später die Staatliche Plankommission. Das Ministerium für Staatssicherheit richtete dort einen Hochposten ein. Nach dem Mauerfall nutzte Bundeskanzler Helmut Kohl während seiner Berlinaufenthalte einen Saal im Erdgeschoss vorübergehend als Büro.

Vor 25 Jahren wiedervereint

Parlament als Provisorium?

Auch den Fall einer Länderfusion von Berlin und Brandenburg, die Anfang der 1990er Jahre diskutiert wurde, hatten die Architekten mitgedacht. "Man hat das Haus multifunktional gestaltet", erklärt René Rögner-Franke, der für die Öffentlichkeitsarbeit im Parlament zuständig ist. Wäre ein möglicher fusionierter Landtag nach Potsdam gezogen, hätte das Gebäude auch für Tagungen genutzt werden können. Übersetzerkabinen, Tonanlage und Logistik dafür sind vorhanden.

Inzwischen haben 149 Abgeordnete an der Niederkirchnerstraße ihre Büros. Dazu kommen Mitarbeiter der fünf Fraktionen und der Verwaltung. Beinahe täglich steht das Abgeordnetenhaus den Berlinern offen. Parlamentarier bieten hier Bürgersprechstunden an. Außerdem kann sich jeder als Besucher für die Ausschuss- und Plenarsitzungen anmelden, Führungen buchen und zusehen, wie Politik gemacht wird.

822 Gesetze hat das Gesamtberliner Abgeordnetenhaus seit 1991 auf den Weg gebracht. Im Plenarsaal wurden Eberhard Diepgen, Klaus Wowereit und Michael Müller im Amt des Regierenden Bürgermeisters vereidigt. Das Abgeordnetenhaus war, ist und bleibt für den heute amtierenden Präsidenten Ralf Wieland (SPD), "ein Ort von Debatte, von Streit, aber auch von dem Konsens, der unsere Demokratie ausmacht."

Beitrag von Florian Eckhardt

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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