Besuch von Erzbischof Heiner Koch im Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (MILES), von links: Inana, Lesbe aus Damaskus, Jouana Hassoun von MILES, Erzbischof Heiner Koch, Bodo Mende, Vorstand Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD), Jörg Steinert, Geschäftsführer LSVD, Maggy, Transexuelle aus dem Libanon, (Quelle: Carmen Gräf)

Erzbischof Koch besucht Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule - Kirche verspricht Schutz für transsexuelle Flüchtlinge

Sie fliehen aus ihren moslemisch geprägten Heimatländern - und kommen vom Regen in die Traufe. Schwule, lesbische und transsexuelle Flüchtlinge werden auch in Berlin verstärkt Opfer von Gewalt. Die katholische Kirche will sich jetzt dafür einsetzen, dass diese Gruppe mehr Schutz erfährt: Erzbischof Koch macht das zur Chefsache. Von Carmen Gräf

Yomna und Dina sind vor anderthalb Monaten aus Beirut nach Berlin gekommen. Silvester wurden die beiden Transsexuellen in Neukölln von einer Männergruppe überfallen, erzählt Dina. Die Männer hätten sie gestoßen und beschimpft: "Selbst als die Polizei kam, machten diese Typen noch Fotos von uns und sagten: Glaubt nicht, dass Ihr uns entkommt. Wir regieren hier, und glaubt nicht, dass die Polizei euch rettet. Wenn Ihr weg rennt, wissen wir, wie wir Euch kriegen."

Erzbischof Heiner Koch im Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (Quelle: Carmen Gräf)
Berlins Erzbischof Heiner Koch

Viele homo- und transsexuelle Flüchtlinge berichten von ähnlichen Erlebnissen. 95 von ihnen haben sich deswegen in den letzten fünf Monaten an den Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg gewendet. Die Dunkelziffer der Gewalttaten dürfte jedoch um ein Vielfaches höher sein.

Erzbischof zeigt sich betroffen

Erzbischof Koch zeigt sich beim Besuch des Zentrums für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) bestürzt über die Verletzung, die Menschen dieser Gruppe erfahren: "Natürlich sind sie zunächst mal Flüchtlinge – sie teilen das Schicksal vieler anderer, das ist schon schlimm genug. Einige wollen auch nicht an die Öffentlichkeit gehen, weil sie zu schlimme Erfahrungen gemacht haben." Diese doppelte Not und Angst mache ihn sehr betroffen, erklärt der Erzbischof.

Das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) schlage schon seit längerer Zeit Alarm, betont Jörg Steinert. Er ist Geschäftsführer des Lesben und Schwulenverbandes und meint, die Situation sei in Berlin seit dem Sommer katastrophal: "Es gibt immer wieder Gewaltvorfälle gegen Flüchtlinge vor allem in den Unterkünften. Es gibt Diskriminierung durch Sicherheitspersonal, es gibt inkompetente Sprachmittler, die, statt zu übersetzen, den transgeschlechtlichen Flüchtlingen unpassende Fragen stellen oder den homosexuellen Flüchtlingen ihr Moslem-Sein absprechen."

Vorwurf an die Berliner Verwaltung

Dass sich die Situation in den letzten Monaten nicht verbessert habe, liege auch an der Verwaltung des Berliner Senats, meint Steinert: "Herr Allert [ehemaliger Leiter des Lageso, d.Red.] hatte uns eine Ansprechperson für gleichgeschlechtliche Lebensweisen beim Lageso versprochen, so wie es sie bei Polizei und Staatsanwaltschaft gibt, was sehr wichtig ist – bis heute gibt es das nicht. Es gibt auch noch keine Unterkunft für besonders Schutzbedürftige."

Auch der Integrationsbeauftragte des Senats, Andreas Germershausen, habe kein großes Interesse an der Thematik gezeigt, als Vertreter des Lesben- und Schwulenverbandes bei ihm vorsprachen, sagt Steinert. Dabei sei es wichtig, die Gewalt zu bekämpfen und Präventionsarbeit zu leisten.

Die Caritas will unterstützen

Nun hat sich der Lesben- und Schwulenverband an die Caritas gewandt. Die arbeitet eng mit dem Lageso und den anderen Behörden zusammen. Caritas-Direktorin Ulrike Kostka will jetzt auf Probleme hinweisen und Lösungsvorschläge machen. Beispielsweise will sie dafür sorgen, dass das eigene Personal im Umgang mit dieser Gruppe geschult wird – und sich dafür einsetzen, dass selbiges auch mit dem Sicherheitspersonal beispielsweise vor dem Lageso geschieht. Auch bei den Übersetzern gebe es Schulungsbedarf, sagt Kostka: "Dass die wirklich neutral übersetzen und nicht die Lebensorientierung irgendwie bewerten und kommentieren und auch die religiöse Orientierung."

Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule, die Transsexuelle Maggy aus dem Libanon (rechts) und Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (Quelle: Carmen Gräf)
Jörg Steinert, Geschäftsführer des LSVD Berlin-Brandenburg und Maggy, Transsexuelle aus dem Libanon

Erzbischof Koch will sich bei Müller einsetzen

Erzbischof Heiner Koch hat versprochen, sich persönlich beim Regierenden Bürgermeister für die homo- und transsexuelle Flüchtlinge stark zu machen. Trotz vieler Differenzen bleibt der Lesben- und Schwulenverband für ihn - wie schon für seinen Amtsvorgänger Kardinal Woelki - ein wichtiger Gesprächspartner, sagte Koch:

"Ich halte das für notwendig, um auch unsere Überzeugungen darzulegen, die wie ich finde, auch eine große Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit haben, aber ich bin natürlich auch offen, von ihren Erfahrungen, von ihren Sichtweisen zu lernen – das ist mir ganz wichtig."

Für die 26-jährige Maggy klingt das ermutigend. Die Transsexuelle ist vor neun Monaten aus dem Libanon geflohen und lebt derzeit in einem Heim in Buch, wo sie vielen Diskriminierungen ausgesetzt ist: "Es ist wirklich übel. Wir treffen jeden Tag viele homophobe Menschen und hören böse Worte von ihnen." Deshalb hofft Maggy, wie viele andere homo- und transsexuelle Flüchtlinge, aus dem Heim bald wegzukommen – mit Hilfe der Caritas und des Lesben- und Schwulenverbandes.

Beitrag von Carmen Gräf

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