Thomas Böhm-Christl, Leiter des Referats für Ausschuss- und Plenarprotokolle im Abgeordnetenhaus, gibt am 08.01.2016 dem rbb ein Interview. (Quelle: rbb Fernsehen/Abendschau)

Interview | Protokollant im Berliner Abgeordnetenhaus - Der Zwischenruf als Salz in der Suppe

Seit fast 30 Jahren protokolliert Thomas Böhm-Christl Ausschuss- und Plenarsitzungen im Abgeordnetenhaus. Erst im Rathaus Schöneberg, seit 1993 im Gebäude des Preußischen Landtags. Ein Job im Hintergrund, ohne den der Parlamentsbetrieb nicht funktionieren würde, erzählt Böhm-Christl im Interview.

Herr Böhm-Christl, Sie leiten das Referat für Ausschuss- und Plenarprotokolle im Abgeordnetenhaus mit 15 Mitarbeitern. Was genau ist Ihre Aufgabe, wenn Sie ein Plenarprotokoll verfassen?

Unsere Aufgabe im Plenarsaal ist, das ganze Geschehen und die Atmosphäre abzubilden, in der sich die Politik abspielt. Dazu kommt das, was man auch als Salz in der Suppe betrachten kann. Das sind die spontanen Äußerungen, die nicht über das Redemikrofon laufen, sondern in die laufende Debatte hineingeschleudert werden - mit mehr oder weniger Lautstärke und Aufregung. Die versuchen wir auch einzufangen.

Wie wichtig ist es den Abgeordneten, dass ihre Zwischenrufe protokolliert werden?

Das ist eine Aufgabe, die die Abgeordneten selbst auch sehr wichtig nehmen. Man hat das Gefühl, dass eine gewisse Rate von Zurufen gewissermaßen vom Plenum und den Abgeordneten erwartet wird als Ausweis, dass es auch eine lebendige Debatte war.

Gibt es bestimmte Zwischenrufe, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Es gibt Zwischenrufe, die hauen mit einem Dampfhammer zu, indem sie gleich die ganze Rede als "Quatsch" abqualifizieren. Das ist relativ beliebt. Oder auch "Blödsinn". Der Parlamentspräsident achtet darauf, dass keine ehrverletzenden Zurufe kommen. Das Stichwort "Lügner" wird geahndet. Wenn man sagt, dass etwas "die Unwahrheit ist", dann ist es noch machbar. Aber Lügner grenzt schon an Beleidigung und wird gerügt.

Vor 25 Jahren wiedervereint

Wie behalten Sie eigentlich den Überblick, wenn mehrere Abgeordnete durcheinanderrufen?

Wenn fünf Zurufe gleichzeitig kommen, versucht man einen zu verstehen und die anderen noch nebenbei. Denn wenn man versucht, alle zu verstehen, dann versteht man vielleicht gar nichts. Und man muss sich eine Gelassenheit bewahren und realisieren, dass man selbst nicht Ziel der Zwischenrufe ist. Wenn man im Plenum Aggressionen verspürt gegenüber dem Redner, vor dem wir ja wie ein Schutzwall sitzen, dann gehört es zur Berufserfahrung und Konstitution, dass man differenzieren und sich distanzieren kann.

Thomas Böhm-Christl, Leiter des Referats für Ausschuss- und Plenarprotokolle im Abgeordnetenhaus, sitzt am 08.01.2016 auf dem Protokollantenplatz im Gebäude des Preußischen Landtags. (Quelle: rbb Fernsehen/Abendschau)
Die Protokollanten sitzen während der Sitzung direkt vor dem Redner

Sie sitzen ja nur zehn Minuten im Plenarsaal und protokollieren. Was machen Sie danach an Ihrem Schreibtisch?

Beim Zuhören mache ich eine Redaktion und verwandle die gesprochene Rede in eine geschriebene Rede. Es gibt ja Unregelmäßigkeiten, die die gesprochenen Sprache mit sich bringt, wenn sich der Redner etwa verhaspelt, vielleicht das falsche Wort gebraucht oder einen Satz nicht zu Ende bringt. Das versuchen wir zu kompensieren, damit die Rede am Ende gut lesbar ist und der Redner nicht etwa düpiert oder lächerlich gemacht wird.

Das Protokoll entsteht also, während die Sitzung noch läuft?

Das Verfahren ist in der Geschäftsordnung, dass nur stilistische Änderungen gemacht werden dürfen, aber keine inhaltlichen. Ich bin dafür verantwortlich, zu überwachen, dass das nicht geschieht. Übrigens kommen solche Änderungswünsche nicht nur von den Abgeordneten, sondern auch vom Senat.

Wie hat sich Ihre Arbeit denn verändert in all den Jahren?

Gerade bei der Umsetzung von Reden kommen manche auf den Gedanken, dass man das mit automatischer Spracherkennung machen könnte. Das geht natürlich nicht, weil es ein großer Unterschied ist, eine Rede eins zu eins abzubilden. Das wird nicht automatisch gehen. Wir haben uns gefreut, als ziemlich zu Anfang ein Pirat getwittert hat: "Der Plenardienst hier ist so fucking fast". Das fanden wir ganz gut. Denn die waren schon überrascht, dass sie nach zwei Stunden ihre Rede in einer ordentlichen und nicht zusammengeschusterten Form auf den Tisch bekommen haben.

Welches Feedback bekommen Sie von den Abgeordneten?

Man sitzt in den Sitzungen mit dabei, man ist überall dabei, aber als Person praktisch nicht vorhanden. Manchmal ist es schade, dass man sogar gar nicht begrüßt wird. Da darf man sich aber nichts draus machen. Wenn ich eine Rede gut schreibe, dann sagt der Redner "Ich habe ja eine prima Rede gehalten". Wenn ich eine Rede so schreibe, wie er sie gehalten hat, dann fragt er: "Was hat denn der Protokollant daraus gemacht? Das ist ja furchtbar". Das ist eine schöne Sache, wenn man von einem Abgeordneten gelobt wird. Wenn unter ein Protokoll geschrieben wird: "Wunderbar, was Sie aus meiner Rede gemacht haben". Diese Dankesworte werden dann aufgesogen von allen, weil es davon nicht sehr viele gibt.

Das Interview mit Thomas Böhm-Christl führte Florian Eckhardt, rbb Landespolitik

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

Blick auf die Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel (Quelle: dpa/Oliver Mehlis)

"Verwahrvollzug mit Internet" - Streit um Stellenabbau in der Brandenburger Justiz

Es ist ein Kleinkrieg, den sich die rot-rote Landesregierung und die CDU zum Strafvollzug in Brandenburg liefern. Zuletzt stellte die Union eine Große Anfrage mit 369 Einzelfragen - die Beantwortung dauerte acht Monate. Nun steht neuer Ärger an: Dabei geht es um die von Rot-Rot geplanten Stellenstreichungen in den Brandenburger Gefängnissen.