"Prostitution unter Zwang", am Sonntag (11.01.16) um 23:00 Uhr im ERSTEN. Auf dem Straßenstrich in Berlin (Quelle: rbb)

Reportage über Zwangsprostitution in Berlin - Bordell zu eröffnen "leichter als eine Pommesbude zu betreiben"

Über viele Monate haben Nadya Luer und Jo Goll für ihre Reportage "Ware Mädchen" Kontakte zu Opfern von Zwangsprostitution aufgebaut. Am Montag ist ihr Film in der Sendereihe "Die Story im Ersten" zu sehen. Im Interview erzählen die beiden Reporter von schwierigen Recherchen und ungeheuerlichen Schicksalen.

Frau Luer, Herr Goll, Sie haben ein Jahr lang zur Zwangsprostitution recherchiert. Wie ist es, wenn einen ein solches Thema so lang begleitet?

Luer: Als uns dieses Thema angetragen wurde, hatte ich erst große Berührungsängste. Aber je mehr ich darüber erfahren habe, je mehr ich mit den Mädchen in Kontakt gekommen bin, desto besser konnte ich damit umgehen. Es ist wichtig zu wissen, was bei uns um die Ecke passiert: Dass auch in Schöneberg oder Spandau die Mädchen auf der Straße stehen. Der Drang, dagegen etwas zu tun, besiegte bei mir die Furcht.

Wie beginnt man eine solche Recherche?

Goll: Bei so einem Thema braucht man sehr viel Geduld. Hier kann man nicht einfach bei einer Initiative anrufen und sagen: Wir kommen morgen vorbei, bringt uns mal zwei Zwangsprostituierte. Man braucht einen langen Atem, muss Vertrauen aufbauen, damit die Leute nicht denken, wir kommen, um die schnelle Sensationsgeschichte zu machen. Gerade bei diesen sehr jungen Frauen. Deshalb hat es auch über zwölf Monate gedauert, bis wir alle Kontakte hatten und die Gespräche führen konnten. Es war auch wichtig, dass wir Mann und Frau sind, dass also Nadya den Draht zu den Frauen aufbauen konnte.

Was haben Sie über Zwangsprostitution in Berlin herausgefunden?

Luer: Die Ausmaße sind schon beträchtlich. Es gibt immer mehr Frauen, die seit der EU-Erweiterung aus Rumänien und Bulgarien herkommen und ausgebeutet werden. Das hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verstärkt.

Goll: Vieles hängt auch mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 zusammen. Damals hatte man die Vorstellung, Prostitution zu einem ganz normalen Beruf machen zu können. Das Idealbild der selbstständig arbeitenden, sozialversicherten Prostituierten vernebelte der Politik den Sinn für die Realität. Jetzt ist die Situation die, dass Prostitution ein Gewerbe ohne jede Regeln ist. In Deutschland ein Bordell zu eröffnen, ist heute leichter als eine Pommesbude zu betreiben. Der Berliner Zoll schätzt, dass allein in Berlin jedes Jahr 70 Millionen Euro mit der sexuellen Ausbeutung von Frauen umgesetzt wird. Die Große Koalition streitet nun seit mehr als zwei Jahren um Details eines neuen  Prostituiertenschutzgesetzes, doch da gibt’s keine richtigen Fortschritte. Es geht um eine Anmeldepflicht für die Frauen und um regelmäßige Gesundheitsberatung, zudem um die Heraufsetzung des Mindestalters. Doch offenbar können sich die Koalitionspartner hier nicht einigen, was wir in unserem aktualisierten Film für die ARD zeigen werden.

Sie haben während Ihrer Recherche auch mit den jungen Prostituierten gesprochen. War das gefährlich?

Luer: Nein. Die Interviews fanden innerhalb der Hilfsorganisationen statt. Doch bis zum Interview war es ein langer Weg: Manchmal hatten wir mit den jungen Opfern Termine verabredet, die sie einen Tag oder eine Stunde vorher wieder abgesagt haben. Weil es ihnen schlecht ging oder weil sie Angst hatten. Nach einem dreiviertel Jahr konnten wir schließlich mit einem Opfer in Berlin und einem in Plauen sprechen. Die Frauen waren meistens noch sehr jung, hatten sehr schlimme Dinge erlebt und konnten nicht so gut Deutsch. Aus denen herauszulocken, was sie erfahren haben, was sie dabei gefühlt haben, wie sie in diese Situation geraten sind, war sehr schwer.

Die rbb Reporter - Ware Mädchen; Nadya Luer (Mitte) im Gespräch mit einer Prostituierten in Bukarest © rbb
Reporterin Nadya Luer und ihr Team bei den Filmarbeiten zu "Ware Mädchen"

Welche Geschichte hat Sie am meisten bewegt? Was ist Ihnen aus der Recherche besonders in Erinnerung geblieben?

Luer: Am meisten bewegt hat mich, dass alle Mädchen sehr jung und sehr naiv sind und mit diesen positiven Erwartungen hierher kommen. Die wollen ihren Familien helfen und stehen plötzlich vor einer Situation, in der sie sich prostituieren müssen. Eine dieser jungen Frauen war sogar noch Jungfrau und musste sich dann ein Jahr lang prostituieren. Sie hat ja danach überhaupt kein Vertrauen mehr. Das finde ich sehr berührend.

Goll: Mich hat ein Fall in Rumänien sehr getroffen. Dort haben die Familien selbst aus der Not heraus ihre Töchter verkauft - mitten in der EU. Wir haben eine junge Frau von 13 Jahren getroffen, die von ihrem Vater an einen Zuhälter verkauft wurde und jeden Tag Männer bedienen musste. In Rumänien wird darüber kaum geredet und auch nicht in den Medien berichtet. Die Nachfrage aber nach dieser "Ware" Mädchen kommt aus Deutschland. Berliner Bordelle werben offensiv auf rumänischen Webseiten um junge Prostituierte. Eine Journalistin aus Bukarest hat für uns einen Lock-Anruf bei einem Berliner Bordell gemacht. Sie sagte: "Ich bringe noch eine jüngere Freundin mit, die ist noch nicht volljährig." Die Antwort, die sie vom deutschen Betreiber bekam war: "Das kriegen wir schon hin". Das ist nicht nur eine Straftat, sondern zeigt: In diesem Gewerbe gibt es keine Moral, keine Spielregeln. Das ist so unmenschlich, das beschäftigt einen sehr.

Wenn dieses Problem offiziell bekannt ist, warum unternimmt niemand etwas dagegen?

Luer: Dieses Gesetz von 2002 soll ja- wie gesagt – nun überarbeitet werden, daran arbeitet die Bundesregierung. Da gab es auch  Druck von der Polizei und der Justiz, weil diese Instanzen wenig Spielraum haben, gegen Zwangsprostitution vorzugehen. Nun soll das Gesetz dahingehend verschärft werden, dass beispielsweise eine Konzessionierung eingeführt werden soll. Das heißt, dass Bordelle leichter kontrolliert werden können und sollen, beispielsweise von der Polizei. Bislang ist es so, dass Gewerbeämter keinen Zutritt in Bordelle haben. Hinzu kommt: Selbst vorbestrafte Zuhälter dürfen bislang in Deutschland nahezu ohne Auflagen ein Bordell eröffnen. Das soll nun alles geändert werden, doch momentan ist nicht so recht abzusehen, wann das Prostituiertenschutzgesetz nun endlich in Kraft tritt.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich durch Ihren Film etwas verändert?

Luer: Ja. Ich finde, schon wenn 100 Leute durch den Film anders denken, hat der Film etwas gebracht.

Goll: Wir können nur aufklären, zeigen, wo die Missstände sind. Daran etwas ändern, das müssen andere tun, die Politiker. Am Ende sind wir nur Beobachter und können den Frauen leider nicht direkt helfen.

Das Gespräch führte Tim Schwiesau

Das rbb Fernsehen strahlte den Film erstmals am 16. Dezember 2014 aus. In einer aktualisierten Fassung sendet Das Erste die Dokumentation am 11. Januar 2016 in der Reihe "Die Story im Ersten".

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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