Sascha Lobo (l.) und PCK-Sprecherin Vica Fajno beim Neujahrsempfang (Quelle: PCK)

Interview | Sascha Lobo über Gerüchte im Netz - "Ich dachte, wir wären aufgeklärter"

Riesige Kessel, Kabel und Röhren - bei einem Besuch in Schwedt zeigt sich der Berliner Blogger Sascha Lobo beeindruckt von der dortigen Raffinerie. Energie für sein "geliebtes Internet"! Allerdings haben ihn die Falschmeldungen, die jüngst über soziale Medien verbreitet wurden, stark ernüchtert.

Katja Geulen hat den Berliner Blogger Sascha Lobo beim Neujahrsempfang der Schwedter PCK-Raffinerie interviewt. Ein Gespräch über High-Tech, Fehlinformationen - und seltene Vögel.

rbb: Herr Lobo, sind Sie zum ersten Mal in Schwedt?

Tatsächlich bin ich vorher schon mal durch Schwedt durchgefahren. Aber was ich jetzt erst bei der Beschäftigung mit Schwedt festgestellt habe, ist, dass mein Lieblingssee, der Parsteinsee, nur 15 Kilometer entfernt ist. Da fahre ich seit ein paar Jahren jeden Sommer bestimmt zehn Mal hin.

Sie haben gerade eine Rundfahrt durch das Raffinerie-Gelände gemacht, das ja immerhin noch einmal die Fläche von Schwedt hat. Viele Rohrleitungen, Türme, oben drüber die Fackelflamme.

Mein Eindruck ist, dass das noch viel größer ist, als ich ohnehin schon dachte. Ich bin ja ein Fan von Infrastruktur. Also ich mag, wenn Dinge funktionieren. Und was da für Leistungen hinter stehen, dass die Gesellschaft funktioniert, das begreift man erst, wenn man eben hinter die Kulissen schaut.

Und da ist so eine Raffinerie – genauso wie große Kraftwerke – ein Punkt, wo man merkt: Damit die Gesellschaft funktioniert, oder damit ich in mein geliebtes Internet rein kann, dafür brauch ich Energie, die muss irgendwo herkommen. Und dann stehen da so riesige Apparaturen dahinter - das ist schon eindrucksvoll.

Zum Internet und zur Gesellschaft gehören zwingend die sozialen Medien. Inwieweit haben sich dort die Dinge verselbständigt, im Bezug auf Informationen und ihre Nachvollziehbarkeit? Sprich: Wer blickt da noch durch und was passiert da überhaupt gerade?

Soziale Medien sind ein neues gesellschaftliches Phänomen und wo und wie die wirken, das ist eigentlich gerade erst im Entstehen. Es gibt inzwischen ein wenig Forschung, wie sich Gerüchte verbreiten, wie sich falsche Informationen verbreiten. Und das kann sehr erstaunlich und manchmal sogar bedrohlich sein.

In Deutschland ist es noch nicht so weit, dass hier deshalb tatsächliche Katastrophen passieren. In anderen Ländern gab es da schon schlimmere Geschichten. Zum Beispiel bei den Wahlen in Kenia 2009 und 2013 haben sich Gerüchte so verbreitet, dass es am Ende zu gewalttätigen Übergriffen mit insgesamt bis zu tausend Toten gekommen ist. Allein über Gerüchte, die sich im Internet verbreitet haben!

Da merkt man: Wenn so etwas geschieht, muss man auf das Phänomen genau schauen: Was hat das für eine Macht, für eine Wirkung? Und natürlich: Wie lässt sich die negative Entwicklung eindämmen und die positive weiter betonen? Denn beide gibt es und es hängt von der Gesellschaft ab, wie sie die Entwicklung vorantreibt.

Haben Sie konkrete Vorschläge?

Es gäbe einen nahe liegenden konkreten Vorschlag, den ich schon seit ungefähr zehn Jahren vor mir her trage: nämlich die Einführung eines Schulfachs Interneterziehung. Ich glaube, ein wichtiger Teil der Probleme, die wir heute mit dem Netz haben ist, dass die meisten Eltern nicht mit dem Internet aufgewachsen sind und da ein tieferes Verständnis nur eingeschränkt entwickeln konnten.

Und trotzdem müssen junge Leute heute lernen, wie sie damit umgehen. An der Oberfläche können sie das phantastisch. Ich halte nichts davon zu erzählen, die Jugend sei doof. Im Gegenteil, die ist intelligent. Und trotzdem gibt es Dinge, die man erst versteht, wenn man dahinter schaut.

Und das könnte die Aufgabe der Schule sein. Nicht wie man das Internet nutzt, sondern was da für Mechanismen dahinter stehen. Und so ein Schulfach wäre ein Teil davon, wie man den negativen Entwicklungen entgegentreten kann.

Was die angesprochene Verbreitung von Gerüchten angeht, ist das aber auch nicht nur ein Problem der Jugendlichen.

Das ist richtig, Erwachsene sind genauso so anfällig dafür und insofern wäre es natürlich wünschenswert, wenn die auch ein Schulfach Interneterziehung besuchen könnten, aber das ist wohl ein frommer Wunsch. Aber mediale Aufklärung wäre gut, wie genau, darüber forsche ich gerade – mir ist nur klar, dass etwas passieren muss.

Wirklich gefährliche Gerüchte oder falsche Informationen sind ja beispielsweise: Flüchtlinge bekommen im Supermarkt alles umsonst. Oder: Der XY ist ein Vergewaltiger. Warum wird alles so schnell geglaubt?

Viele Gerüchte werden auch deshalb weitertransportiert, weil man sie gerne glauben möchte. Und gegen diese Art von Wunschkommunikation ist fast kein Kraut gewachsen. Selbst wenn man den Menschen erklärt, worauf sie bei Informationen achten sollten. Wenn eine Information da ist, - und das geht fast jedem so – die einem in den Kram passt, da verbreitet man sie weiter.

Da ist es nicht allein mit Medienkompetenz getan – da braucht man auch noch Gesellschafts-, Welt- und Lebenskompetenz und ich muss ehrlich sagen, da bin ich etwas enttäuschst, ernüchtert. Ich dachte, wir wären schon weiter. Ich dachte bis vor ein paar Jahren, wir wären aufgeklärter und würden souveräner mit so etwas umgehen und wären nicht so vorurteilsbeladen.

Bleiben wir mal bei der Internetkompetenz: Ist denn dort wo mehr Internet ist, auch mehr Kompetenz? Das ist ja – zumindest auf dem Land, auch hier in der Uckermark – durchaus immer noch ein Problem: die so genannten weißen Flecken, die Täler der Ahnungslosen. Teilt das die Gesellschaft auf?

Die Grundvoraussetzung für das Internet ist auf jeden Fall die Infrastruktur. Also Kabel im Boden, platt gesagt. Und da ist Deutschland hintendran und zwar auf verstörende Weise. Wir haben was Glasfaser angeht einen soliden 28. Platz von 28 EU-Ländern. Hier muss massiv in die Infrastruktur investiert werden. Einzelne Bundesländer tun das schon. Aber das muss gerade dort passieren, wo man mit Landflucht zu tun hat.

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Landflucht von Jugendlichen und schlechter Datenanbindung. Das ist kein Wunder, wenn man Youtube begreift als das Medium von Jugendlichen, und man kriegt nur so ein leichtes Tröpfeln von Youtube hin, dann ist es ziemlich klar, dass sich da kein Jugendlicher wohl fühlt. So einfach es sich anhört, so einfach ist es oft auch. Auch die Möglichkeit, auf dem Land digital angebunden zu sein, so dass man von überall arbeiten könnte, die geht natürlich Hand in Hand mit dem Breitbandausbau.

Aber trotzdem weiß man ja auch, nur weil man Internet hat, wird man nicht klüger, menschenfreundlicher, gebildeter. Es gehört eben mehr dazu: Neugier auf die Welt und Sachkenntnis im Umgang mit der digitalen Sphäre.

Gibt es denn da große Unterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern?

Dazu kann ich gar nicht so viel sagen. Mein Kontakt mit Landbevölkerung beschränkt sich meistens darauf, dass ich jemand, den ich zufällig in Brandenburg treffe, frage, wo es zu einem bestimmten Naturschutzgebiet geht. Ich fahre fast jedes Wochenende mit meiner Frau raus, um Tiere in Brandenburg zu fotografieren.

Das ist dann so Ihr Ausgleich zum digitalen Leben? Und kommt dann dabei wild-cat-content heraus?

Ja, genau so. Natürlich ist man nicht besonders digital unterwegs, wenn man irgendwo durch den Wald in Brandenburg kraucht, wo kein Empfang ist. Das ist das Gegenteil von Vernetzung. Aber weil wir ja doch Internet-Menschen sind, haben wir eine kleine Website eingerichtet [Link], wo wir die Bilder online stellen. Und so hab ich es geschafft, sogar meine Offline-Zeit wieder ins Netz zu bringen.

Sind Sie auf ein Bild besonders stolz?

Das schönste Foto, das ich gemacht habe, ist von einem seltenen Vogel auf einem Truppenübungsplatz bei Jüterbog. Gehört zu der Familie der Nachtschwalme und man sieht ihn so selten, weil er so gut getarnt ist. Und natürlich steht er auf allen möglichen roten Listen, kommt nicht besonders häufig vor, weil er warmen Sand braucht. Das Foto ist mir nur geglückt, weil der vor mir auf dem Boden lag und aufgeschreckt ist. Der schlief nämlich tagsüber – beinahe wäre ich draufgetreten.

Das Interview führte Katja Geulen

Veränderung bei Gesellschafter-Anteilen des PCK

In der PCK Raffinerie steht in diesem Jahr eine weiterere Veränderung bei den Gesellschafter-Anteilen bevor. Danach wird der russische Ölkonzern Rosneft mit rund 54 Prozent die meisten Anteile am Schwedter Standort haben. Bisher hatte Rosneft 18,75 Prozent der Anteile.

Im Dezember hatte Rosneft die Anteile des französischen Mineralöl-Unternehmens Total übernommen (16,67 Prozent). In diesem Jahr will Rosneft nun noch in einer Art Ringtausch die durch BP beteiligten Briten in Schwedt ablösen. Mit 54,17 Prozent wäre Rosneft dann Mehrheitsgesellschafter. Shell bleibt weiterhin mit 37,5 Prozent im Boot.

Der Standort ist für den russischen Konzern besonders interessant, weil hier die Pipeline Druschba endet, also letztlich das eigene Öl verarbeitet wird. Für die Produktion von Treibstoffen in Schwedt hat der Wechsel zunächst keine Auswirkungen, lediglich die Infrastruktur der Computersysteme müsste angepasst werden, so PCK-Sprecher Jos van Winsen. Auch die zur Zeit eingeschränkten Wirtschaftsbeziehungen mit Russland tangieren die Arbeit in der Raffinerie nicht.

Mit Informationen von Katja Geulen

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