ARCHIV - Kerzen mit Bildern der am 7. Februar 2005 erschossenen Hatun Sürücü stehen am 07.02.2015 in Berlin an dem Gedenkstein. (Bild: dpa/Lukas Schulze)

Prozess in Istanbul beginnt - Der Fall Sürücü erneut vor dem Richter

Elf Jahre nach dem Mord an der Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü in Berlin-Tempelhof verhandelt seit Dienstag nochmals ein Gericht die Tat - dieses Mal in Istanbul. Angeklagt sind die beiden älteren Brüder der damals 23-Jährigen, die sich nach einem Prozess in Deutschland 2007 in die Türkei absetzten. Von Jo Goll und Torsten Mandalka

Mutlu Sürücü ist ein großer, kräftiger Mann mit einem gepflegten Vollbart. Er hat eine ruhige, höfliche und gleichzeitig bestimmte Sprache und eine durchdringende, ernsthafte Art, dem Gesprächspartner in die Augen zu blicken. "Ja, ich habe Hatun geschlagen", räumt er im Gespräch mit den rbb-Reportern ein. "Und ja, Hass war schon da."

Geschossen hat dann aber damals der jüngste Bruder Ayhan, und das Landgericht Berlin hat ihn auch wegen Mordes verurteilt.

Heilmann drängte auf Verfahren in der Türkei

Jetzt sind Mutlu und Alpaslan, die beiden älteren Brüder, des Mordes an ihrer Schwester angeklagt, allerdings in Istanbul. Mutlu soll die Waffe besorgt, der jüngere Alpaslan Schmiere gestanden haben. Die beiden waren bereit 2007 in die Türkei ausgereist, als der Bundesgerichtshof das Verfahren gegen sie neu aufrollen wollte. Im Verfahren vor dem Berliner Landgericht waren die beiden im April 2006 aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden.

Berlins Justizsenator Thomas Heilmann hatte immer wieder bei der türkischen Justiz darauf gedrängt, das Verfahren gegen die beiden Brüder neu aufzurollen. Im Frühjahr 2013 forderte die Hauptstaatsanwaltschaft der Republik Türkei dann bei der Berliner Justiz den gesamten Aktensatz an. In mühsamer Kleinarbeit wurde jedes Wort ins Türkische übersetzt, jeder Hinweis, jede Spur aus dem alten Verfahren ausgewertet. Am Ende stand die Anklageschrift, die den Brüdern unerlaubten Waffenbesitz und – in etwas gestelzter türkischer Juristensprache - "die Begehung eines Mordes zum Nachteil einer Familienangehörigen" vorwirft.

"Nach den Schüssen habe ich mich besser gefühlt"

Mutlu Sürücü ist ein strenggläubiger Moslem, so etwas wie der religiöse Kopf der Familie Sürücü. In Berlin hat er Abitur gemacht, ein paar Semester an der Uni studiert. Einst trug Mutlu Sürücü auch eine deutsche Uniform – als Gefreiter der Bundeswehr. Doch das ist lange her, mit Deutschland und deutschen Werten hat der zweifache Familienvater nicht mehr viel am Hut. "In einem islamischen Land gibt es ein Strafverfahren. In einem solchen Verfahren hätten vier unabhängige Zeugen belegen müssen, dass Hatun Unzucht begangen hat. Dann hätte der Richter entschiedenen. Nach Allahs Gesetz wäre diese Strafe für Unzucht die Steinigung." Das sind Sätze, die aufhorchen lassen.

Der so genannte Ehrenmord an Hatun Sürücü  hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt und eine hitzige Debatte über misslungene Integration ausgelöst. Der damals 18-jährige Ayhan gab als Motiv den westlichen Lebensstil seiner Schwester an: "Sie hatte einen zu offenen Umgang mit Männern, da waren mehrere Beziehungen, das Nachtleben. All das hat mich dazu bewegt, diese Tat zu begehen." Mit diesen Worten schilderte der so genannte Ehrenmörder 2010 rbb-Reportern im Gefängnis die Gründe, aus denen seine Schwester sterben musste. Zudem habe sie zeitweise einen deutschen Freund gehabt, auch das habe ihn in seinem Ehrgefühl verletzt. Erst nach den Schüssen habe er sich besser gefühlt.

Aus dem Gefängnis direkt in die Türkei

Ayhan Sürücü ist ein zumeist freundlicher und höflicher junger Mann, ein Dreitagebart rahmt sein hageres, blasses Gesicht ein. Seine Bewegungen sind langsam, überlegt. Seine Sätze nicht immer: "Mir war klar, dass ich sie töten werde, ich war damals regelrecht besessen", erzählte er im Knast. Seine Jugendhaftstrafe von neun Jahren und drei Monaten in der JVA Charlottenburg musste er bis zum letzten Tag absitzen.  

Eine Beteiligung seiner Brüder an dem Mord hat Ayhan stets vehement verneint. Auch seine Eltern hätten nichts geahnt. Im Sommer 2014 wurde Ayhan Sürücü direkt aus der Haft in die Türkei abgeschoben. Seither lebt der inzwischen 28-Jährige im Haus seines älteren Bruders Mutlu in Istanbul, mittlerweile betreibt er einen Köfte-Imbiss.

Die ehemalige Kronzeugin wird wohl kaum aussagen

Im Verfahren in Istanbul wird vieles davon abhängen, ob es der Staatsanwaltschaft gelingt, die Aussage der Kronzeugin Melek A. aus dem Berliner Prozess ins Zentrum der Beweisaufnahme zu rücken. Melek A. war die Freundin von Ayhan Sürücü. Sie belastete im ersten Verfahren in Berlin auch die beiden Brüder Mutlu und Alpaslan schwer. Vater und Mutter Sürücü seien in den Plan, Hatun zu ermorden, ebenfalls eingeweiht gewesen – so die damals 18-jährige Melek A. 2005 im Moabiter Kriminalgericht. Die  junge Frau trug bei ihrer Aussage im Gerichtssaal eine kugelsichere Weste, denn sie wurde von der gesamten Sürücü-Familie massiv angefeindet und bedroht.

Sicherheitsexperten des LKA schätzten die Lage für die junge Frau als so bedrohlich ein, dass sie umgehend mit einer neuen Identität in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde. Gemeinsam mit ihrer Mutter lebt sie bis heute an einem unbekannten Ort - irgendwo in Europa.

Melek A. wird in Istanbul wohl kaum erneut aussagen, das Sicherheitsrisiko ist zu groß. Und so bleibt erst einmal offen, wie dieser Prozess enden wird. Eines scheint aber sicher: Die türkische Justiz wird den riesigen Aufwand für dieses Verfahren kaum auf sich genommen haben, um die beiden Sürücü-Brüder als freie Männer aus dem Gerichtssaal zu entlassen.

Der Fall Hatun Sürücü

Beitrag von Jo Goll und Torsten Mandalka

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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