Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (l.) und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (beide SPD), bei der Klausurtagung der Berliner SPD-Fraktion in Jena (Thüringen). (Quelle: dpa/Sebastian Kahnert))

Klausurtagung der Berliner SPD-Fraktion - Müller plädiert für duales Abitur

Wie können Jugendliche besser in die Arbeitswelt wechseln? Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller schlägt ein duales Abitur vor - parallel zur Ausbildung können die Azubis ihre Hochschulreife ablegen. Gleichzeitig müsse Berlin alles dafür tun, dass noch mehr gute Arbeitsplätze entstehen, forderte Müller. Sein Ziel: die Vollbeschäftigung.

Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) hat sich für die Einführung eines dualen Abiturs ausgesprochen. "Es ist wichtig, viel früher als bisher deutlich zu machen, welche Chancen man im Betrieb hat", sagte er am Samstag auf einer Klausur der Berliner SPD-Fraktion in Jena. Die Wirtschaft habe in der Hauptstadt innerhalb kürzester Zeit 1.000 Ausbildungsplätze geschaffen, finde jedoch keine Bewerber dafür. Dabei seien auch eine betriebliche Ausbildung oder ein Handwerksberuf ein guter Lebensweg.

Auch freiwilliges industrielles Jahr möglich

Bei einem dualen Abitur würden Jugendliche eine Ausbildung in einem Unternehmen beginnen und parallel - mit etwas längerer Schulzeit - ihr Abitur ablegen. "Sie haben dann später die Chance zu entscheiden, wie sie weitergehen", erklärte Müller. Einen ähnlichen Modellversuch gab es beispielsweise bereits in Sachsen.

Er könne sich auch die Einführung eines freiwilligen industriellen Jahres vorstellen - analog zu den bereits existierenden sozialen und ökologischen Angeboten, sagte Müller. Junge Leute fänden darüber oft den Weg in entsprechende Berufe. So ein niederschwelliges Angebot könne auch der Industrie helfen.

Müller: Ziel ist Vollbeschäftigung

Wie verändert sich die Arbeitswelt - und was kann die Politik dabei tun? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Berliner SPD-Fraktion am zweiten Tag ihrer Klausurtagung. In seinem Vortrag zum Thema "Berlin: Stadt der Arbeit - Stadt des Arbeitens" thematisierte Müller neben der Ausbildung auch die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. "Wir müssen alles tun, damit noch mehr Menschen in Arbeit kommen und noch mehr gute Arbeitsplätze entstehen", so der Regierende Bürgermeister.

Das Ziel sei die Vollbeschäftigung. Das bedeute aus seiner Sicht eine Arbeitslosenquote von zwei bis vier Prozent, sagte Müller weiter. Derzeit liegt die Quote bei 10,1 Prozent. Im Vergleich aller 16 Bundesländer steht Berlin damit auf dem drittletzten Platz. Die niedrigste Arbeitslosenquote hat Bayern mit 3,4 Prozent. Allerdings wächst die Berliner Wirtschaft seit einigen Jahren überdurchschnittlich stark. Müller betonte, diese Entwicklung müsse man nutzen.

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren

Der Regierende Bürgermeister forderte auch, dass Berlin bei der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik noch besser werden muss. "Nur über diesen Weg werden wir viele Integrationsprobleme lösen können", sagte er. Wichtig sei, dass die 180.000 Arbeitslosen nicht gegen die Flüchtlinge ausgespielt würden, die bald neu auf den Berliner Arbeitsmarkt drängten.

Eine echte Konkurrenz zwischen arbeitssuchenden Flüchtlingen und anderen Arbeitslosen sehe er nicht, sagte Arbeitsagentur-Vorstand Detlef Scheele als Gast. Wettbewerb werde es allenfalls zwischen schon länger in Deutschland lebenden Migranten und neu angekommenen Flüchtlingen sowie in bestimmten Sektoren wie dem Hotel- und Gaststättenbereich geben.

DIW-Chef: Junge Unternehmen besser unterstützen

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, forderte auf der Fraktionsklausur eine bessere Unterstützung für Berliner Start-ups. Junge Unternehmen mit guten Ideen hätten ein Problem mit der langfristigen Finanzierung, erklärte Fratzscher am Samstag. Zwar hätten sie in den vergangenen zwei Jahren im europäischen Vergleich am meisten Risikokapital erhalten. "Bei der Folgefinanzierung sind sie aber nicht gut aufgestellt", so der Ökonom. Es sei schwierig, Wachstumskapital zu bekommen, damit die Ideen marktfähig und die Unternehmen nicht nach wenigen Jahren aufgekauft würden.

Vorschlag zu kostenloser Hortbetreuung stößt auf Kritik

Am ersten Tag der Jahresklausur hatte sich die SPD-Fraktion für die Abschaffung der Hortgebühren und ein kostenloses Schulessen ausgesprochen. "Es ist ja der sozialdemokratische Anspruch, dass wir eine gebührenfreie Bildungskette zur Verfügung stellen können, von der Kita bis zur Hochschule", sagt Müller.

Der Koalitionspartner CDU kritisierte den Vorstoß zur gebührenfreien Hortbetreuung. In den gerade abgeschlossenen Haushaltsberatungen habe die SPD das kein einziges Mal angesprochen, kritisierte Generalsekretär Kai Wegner. "Wenn das nicht der Ruf nach einem Nachtragshaushalt ist, dann ist es wohl in erster Linie Wahlkampfgetöse." Hortbetreuung gebe es längst nicht an allen Schulen - das müsse Priorität haben.

Die Erziehergewerkschaft GEW verurteilte die Diskussion als "scheinheilig", solange nicht jedes Kind einen Anspruch auf einen Platz in der Ganztagsschule habe. "Natürlich tritt die GEW Berlin für kostenfreie Bildung und Erziehung ein", erklärte die Vorsitzende Doreen Siebernik. Wichtiger sei aber die pädagogische Weiterentwicklung.

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