Ein Schwerbehindertenausweis liegt auf einem Parkausweis für behinderte Menschen. (Quelle: imago/Eibner)

Überlastung des Lageso trifft auch Schwerbehinderte - Sechs Monate warten auf einen neuen Rollstuhl

Wegen des Chaos bei der Flüchtlingsregistrierung gerät fast in Vergessenheit, dass das Berliner Lageso noch eine Vielzahl weiterer Aufgaben hat. Etwa die Versorgung Schwerbehinderter. Wer einen neuen Rollstuhl braucht, muss sich an die Behörde wenden - und landet in einer monatelangen Warteschleife. Von Susanne Bruha 

Andrea Kühns acht Jahre alter Elektrorollstuhl ging im Spätsommer kaputt. Sofort stellte Kühn bei der zuständigen Stelle im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) einen Antrag auf die Finanzierung eines Neuen. Damals habe man ihr gesagt, die Bearbeitung dauere mindestens drei Monate, erklärt Kühn. "Ich hab dann gefragt, ob die Flüchtlingsangelegenheiten Auswirkungen auf die Bearbeitungszeit meines Antrags hätten, da hieß es: 'Nein, damit haben wir nichts zu tun.' Inzwischen weiß ich es besser."

Durchschnittliche Bearbeitungsdauer: sechs Monate

Andrea Kühn heißt anders und es geht auch nicht um ihren Rollstuhl, sondern um ein anderes Hilfsmittel. Kühn will aus Sorge um ihren Antrag lieber anonym bleiben. Zwei Monate nachdem sie den Antrag eingereicht hat, telefoniert Kühn mit ihrem völlig erschöpften Sachbearbeiter. "Der war gerade mit seinem Büro aus der Turmstraße ausgezogen, weil dort mehr Platz für die Asylbearbeitung gebraucht wurde. Nach dem Umzug konnte er tagelang seinen Computer nicht richtig benutzen, der Mailaccount funktionierte nicht, die Mails der Vorwoche waren weg usw.", erinnert sich Kühn an das Gespräch. "Und zu mir sagte er: Bis mein Antrag genehmigt ist, können noch weitere 6 Monate vergehen. Denn er versinke in Aktenbergen."

Im Lageso wurden in den vergangenen Jahren 500 Stellen abgebaut. Seit dem Sommer wurden immer wieder Mitarbeiter aus dem Schwerbehindertenreferat für die Bearbeitung von Asylanträgen abgesandt. Das räumt der Personalchef und kommissarische Leiter der Behörde, Michael Thiel, ein. Die Bearbeitung von Schwerbehinderten-Angelegenheiten dauert ihm zufolge durchschnittlich etwa sechs Monate, teilweise etwas länger.  "Da gibt es einen Aufwuchs bei den Bearbeitungszeiten. Da würden wir uns immer wünschen, zu den Zeiten zurückzukehren, die wir vorher schon erreicht hatten", so Thiel.

Selbst Neueinstellungen belasten die Behörde

Ein bis drei Monate Bearbeitungszeit für Hilfsmittel waren das. In den letzten Monaten wurden im Lageso für die Asylbearbeitung 230 neue Mitarbeiter eingestellt. Das brachte aber nicht sofort Entlastung, im Gegenteil: Es mussten Einstellungsgespräche geführt werden, neue Arbeitsplätze und Computer wurden eingerichtet. Für diese Organisation, IT-Fragen und Personal ist der sogenannte Querschnittsbereich verantwortlich – und für den habe es kein zusätzliches Personal gegeben, erklärt Thiel. "Und das rächt sich jetzt etwas."

Denn statt dass das Amt nun bei den Asylanträgen schnell entlastet würde, herrscht zunächst eine deutliche Mehrbelastung bei der Stammbelegschaft in der Verwaltung. Für die Einrichtung des neuen Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten hofft Michael Thiel händeringend auf neues, eigenes Personal für besagten Querschnittsbereich. Sonst ändere sich an den langen Bearbeitungszeiten auf Dauer nichts.

Andrea Kühn beantragt jetzt einen Kredit, den dringend benötigten Rollstuhl finanziert sie aus eigener Tasche vor.

Beitrag von Susanne Bruha

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