Eine Sprechstundenhilfe sortiert Patientenakten (Quelle: imago/Olaf Döring)

Service für dringende Facharzttermine gestartet - Terminvermittlung für Ärzte startet verhalten

Wer dringend einen Facharzttermin braucht, kann sich seit Montag auch an eine Vermittlungsstelle wenden. Doch es gibt Kritik, auch an den sehr unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern. In Berlin und Brandenburg kam es am ersten Tag nicht zu einem Ansturm. Die regionalen Ärzte-Vereinigungen sehen die Stelle ohnehin als überflüssig.

Patientenschützer und Ärztevertreter kritisieren die am Montag gestarteten Terminvergabestellen für Fachärzte. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, beklagte ein Organisationswirrwarr: Bundesweit gebe es große Unterschiede bei der Erreichbarkeit des Telefonservice oder bei der zumutbaren Anfahrt zum Facharzt. "Wir brauchen für die Patienten ein bundesweit einheitliches System bei der Terminvermittlung für Fachärzte", erklärte Brysch.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wies zwar die Kritik an der Arbeit der Servicestellen zurück, forderte aber ebenfalls für alle Terminservicestellen dieselben Standards. Es gehe jetzt darum, die Umsetzung der Servicestellen eng zu begleiten, damit von Anfang an im Sinne der Patienten gearbeitet werde, sagte er der "Bild"-Zeitung (Dienstagsausgabe).

Notwendigkeit der neuen Stellen umstritten

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin kommentierte am Sonntag in der rbb-Abendschau: "Leider ist es unsere Pflicht, ein weiteres Bürokratiemonster zu errichten." Die niedergelassenen Ärzte bemühten sich auch ohne Terminservicestelle schnell und unkompliziert um Termine für Patienten, hieß es.

Thorben Krumwiede von der unabhängigen Patientenberatung betonte dagegen in der rbb-Sendung Brandenburg aktuell, für die neu eingerichteten Terminstellen gebe es tatsächlich Bedarf bei den Patienten. Positiv sei auch, dass es nun schnell auffalle, wenn es, beispielsweise durch Ärztemangel, Probleme bei der Terminvergabe gebe. Krumwiede kritisierte allerdings auch die Organisation der Terminservicestellen, zum Beispiel die Telefonzeiten, die in jedem Bundesland anders sind.

Unterschiedliche Service-Zeiten in den Regionen

Seit Montag sind sogenannte Terminservicestellen eingerichtet, die dafür sorgen sollen, dass Kassenpatienten schneller an Termine bei einem Facharzt kommen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) waren gesetzlich zur Einrichtung der Terminservicestellen verpflichtet worden. Um lange Wartezeiten zu vermeiden, können sich gesetzlich Versicherte von der KV in ihrem Bundesland einen Termin innerhalb der nächsten vier Wochen beschaffen lassen. Voraussetzung dafür ist eine Überweisung von einem anderen Arzt, auf der ein spezieller Code vermerkt ist, der die Behandlung als dringlich kennzeichnet. Ausgenommen von der Terminvermittlung sind Vorsorgeuntersuchungen und sogenannte Bagatellkrankheiten.

Allerdings ist die Ausgestaltung der Servicestellen regional unterschiedlich. In Berlin startet die Servicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung mit drei Mitarbeitern und ist wochentags zwischen 10 und 15 Uhr unter der Nummer 030/31003-383 erreichbar.

In Brandenburg ist die Servicestelle montags, dienstags, donnerstags und freitags von 9 bis 11 Uhr sowie mittwochs von 12.30 bis 14.30 Uhr unter 0331/98 22 99 89 besetzt.

Letzte Option Krankenhaus-Ambulanz

Patienten müssen jedoch bei der Terminvermittlung auf ihr sonst geltendes Recht der freien Arztwahl verzichten. "Es wird geprüft, welcher Facharzt der jeweiligen Fachrichtung in der jeweiligen Region tätig ist und wer in den nächsten vier Wochen eine freie Kapazität hat", erklärt Christian Wehry, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB). "So wird der Termin dann vermittelt."

Laut Gesetz muss die Entfernung zwischen dem Wohnort des Versicherten und dem vermittelten Facharzt "zumutbar" sein. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Krankenkassen einigten sich darauf, dass der Weg bei der Terminvermittlung im Bereich der allgemeinen fachärztlichen Versorgung in der Regel maximal 30 Minuten länger sein darf als zum nächstgelegenen Fachkollegen. Darunter fallen: Augenarzt, Frauenarzt, Hautarzt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Neurologe, Orthopäde, Urologe, Chirurg. Für bestimmte Spezialisten, etwa Radiologen, gilt die Zeit bis zum nächstgelegenen Facharzt plus 60 Minuten. Diese Zeitangaben beziehen sich auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Wird diese sogenannte zumutbare Zeitgrenze überschritten, muss ein Behandlungstermin in einem Krankenhaus angeboten werden.  

Falls der Terminservice keinen Facharzt-Termin innerhalb der Frist vermitteln kann, können Patienten die Ambulanz eines Krankenhauses aufsuchen. Die Kosten der Krankenhausbehandlung werden dann vom Budget der niedergelassenen Ärzte abgezogen. Hiermit will der Gesetzgeber bewirken, dass die Fachärzte auch wirklich freie Termine melden.

Ruhiger Start der Stellen in der Region

Da in Brandenburg diese Zeitvorgaben mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht realistisch seien, dürfe der vermittelte Arzt hier maximal 30 bzw. 60 Kilometer weiter entfernt sein als der nächstgelegene Facharzt, sagte Christian Wehry, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung
Brandenburg (KVBB), rbb online. In Berlin gilt laut der dortigen KV die 30-Minuten-Regelung.  

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte am Montag, dass die zumutbare Entfernung zum Facharzt in den Bundesländern unterschiedlich ausgelegt werde, und die Erreichbarkeit der Servicestellen ebenfalls sehr unterschiedlich sei. Die KVBB steht einer bundesweiten Vereinheitlichung laut Wehry jedoch sehr ablehnend gegenüber: "Das wäre das Schlechteste, was wir kriegen könnten." In jedem Bundesland gebe es anderen Rahmenbedingungen. Diese sähen in einem reichen Land wie etwa Baden-Württemberg anders aus als in Brandenburg.

Der Start bei den neuen Termin-Vermittlungsstellen in der Region war eher ruhig. Den Service der KV Berlin nutzten laut deren Sprecherin Susanne Roßbach am ersten Tag 80 Patienten. Allerdings hätten nur 20 Anrufer die Voraussetzungen für die Vermittlung an einen Facharzt erfüllt. Knapp 30 Menschen hätten nur allgemeine Fragen gestellt und wünschten keine Terminvermittlung.

Auch in Brandenburg sei es laut KVBB-Sprecher Christian Wehry nicht zu einem Patientansturm gekommen. "Es wurden die ersten Termine vermittelt. Ein massives Telefonaufkommen hat es jedoch nicht gegeben". Drei Mitarbeiterinnen, die bislang die Service-Hotline der KVBB betreuten, seien im Einsatz.

KVBB: "Rein populistische Maßnahme"

Die KVBB rate Versicherten jedoch, selbst einen Termin beim Facharzt zu vereinbaren, erklärte Wehry. So könnten Sie Arzt als auch Zeit selbst bestimmen. Generell werde die Vermittlungsstelle nicht gebraucht. "Das ist eine rein politisch-populistische Maßnahme", betonte Wehry. Die Vierwochenfrist sei nicht medizinisch begründet. So bräuchten Notfallpatienten sofort Hilfe und bekämen diese auch. Zudem ändere das Bundesgesetz nichts an dem Mangel an Fachärzten in Brandenburg. Im Land kommen 1.378 Patienten auf einen Facharzt. Damit sei die Mark bundesweit Schlusslicht. Die KVBB habe bereits vor Einführung der Servicestellen ein "kleine Bonusregelung" für Fachärzte gestartet. Für jeden behandelten Patienten mit einer Dringlichkeits-Überweisung gebe es bis zu fünf Euro - egal, ob sie ihren Termin selbst oder über die Servicestelle vereinbarten. "Wir wollen die Ärzte dazu motivieren, Termine für diese Patienten zu blocken", so Wehry.

Problem des Ärztemangels im ländlichen Raum

Politik und gesetzliche Krankenversicherungen (GKV) wollen nun genau überprüfen, ob die Terminvergabe funktioniert. "Sollte es mehr als vereinzelte Probleme geben, müsste ernsthaft über eine systematische Überprüfung nachgedacht werden", sagte die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer, der dpa.

Mit Blick auf die Versorgung des ländlichen Raums sagte die GKV-Chefin: "Eine Terminservicestelle pro KV-Region sollte ausreichen. Ich gehe davon aus, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen mit den besonderen Versorgungsanforderungen der jeweiligen Regionen zurechtkommen."

Mit Informationen von Lisa Steger

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