Vivantes Komfortklinik am Humboldtklinikum in Berlin (Quelle: imago/Bernd Friedel)

Vivantes buhlt um Medizintouristen - "Das ist Zwei-Klassen-Medizin"

Wirtschaftssenatorin Yzer will mit einer Million Euro Steuergeld mehr Medizintouristen nach Berlin locken. Auch der kommunale Vivantes-Konzern buhlt mit seinen "Komfortkliniken" um die zahlungskräftige Klientel aus Saudi Arabien oder Russland. Doch laut Betriebsrat geht das zu Lasten der übrigen Patienten. Von Robin Avram

Die luxuriös ausgestatteten Zimmer bieten einen traumhaften Blick auf Gendarmenmarkt oder Reichstag, die Küchenchefs erfüllen jeden kulinarischen Wunsch und das Weinangebot wurde eigens von einem von Berlins führenden Sommeliers zusammengestellt. So wirbt der an der Friedrichstraße logierende private Klinikkonzern meoclinic um vermögende Medizintouristen, die den "höchsten Standard medizinischer Behandlung" suchen.

Der Medizintourismus, das hat auch der Berliner Senat erkannt, ist ein wachsendes Geschäftsfeld für Berliner Kliniken, Arztpraxen, Hotels und Kaufhäuser. 100 bis 150 Millionen Euro Umsatz pro Jahr spülen die 17.000 bis 21.000 internationalen Patienten, die nach Berlin kommen, jährlich in die Kassen. So steht es in der "Potenzialstudie Medizintourismus Berlin-Brandenburg", die die Wirtschaftsförderer von "Berlin Partner" kürzlich veröffentlichten. Die meisten Medizintouristen reisen demnach aus Russland, Ukraine und Kasachstan sowie aus den Golfstaaten in die Hauptstadt. Besonders nachgefragt seien kosmetische Chirurgie, Zahnmedizin, Augenlasern, Herzchirurgie sowie künstliche Hüft- und Kniegelenke. Auch Magen-Bypässe gegen Fettleibigkeit seien beliebt.

Yzer will Berlin zum "Medizintourismusstandort Nummer eins" machen

Das wirtschaftliche Potential, dass diese gut zahlenden Medizintouristen bieten, will Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (SPD) nun weiter ausreizen. Eine Million Euro aus den City-Tax-Einnahmen stellte sie dafür kürzlich zur Verfügung. Damit will der Senat unter anderem Messeauftritte, Roadshows und passgenaue Service-Angeboten finanzieren. Das langfristige Ziel: Berlin soll "Medizintourismusstandort Nummer eins in Deutschland werden", frohlockt Yzer.

Doch brauchen private Anbieter wie die Meoclinic wirklich staatlich finanzierte Werbung, um ihre Erlöse zu steigern? Der langjährige Arzt, Vivantes-Betriebsrat und Gesundheitspolitiker Wolfgang Albers (Linke) hält das für "Unsinn". Er kritisiert: "Der Senat fördert damit eine Spielart der Zwei-Klassen-Medizin. Wir holen uns Patienten hierher, die viel Geld bezahlen, um behandelt zu werden. Wichtiger wäre es, die Infrastruktur in ihren Heimatländern aufzubauen." Was Albers zudem stört: Auch die landeseigene Vivantes-Klinikgruppe mischt auf dem Markt für Medizintouristen kräftig mit.

Die Vivantes Koomfortklinik am Humboldt-Klinikum. (Quelle: Vivantes/Röhl)
Die Vivantes-Komfortklinik am Humboldtklinikum kostete rund 1,5 Millionen Euro

Wowereit bahnte Kooperation mit Saudi Arabien an

Rund 2.000 Auslandspatienten behandelt Vivantes laut Pressesprecherin Kristina Tschenett jährlich in den fünf Vivantes-"Komfortkliniken". So wie der Name es verspricht, können die internationalen Patienten hier einen besonderen Service in Anspruch nehmen: Im großen Speisesaal stehen mehrere Menüs zur Auswahl, in den Zimmern können die Patienten russisches oder arabisches Fernsehen empfangen, auf Wunsch bügeln Service-Kräfte die Hemden – und die Behandlung übernimmt selbstverständlich der Chefarzt. Vivantes legt dabei Wert auf die Feststellung, dass sich auch einheimische Privat- und Kassenpatienten gegen Aufpreis in den Komfortkliniken behandeln lassen können. Doch das sich hier viele Patienten aus Saudi Arabien tummeln - dafür hat sich Klaus Wowereit persönlich eingesetzt.

Im Jahr 2010 lud der Ex-Regierende den damaligen saudischen Prinzen Salman bin Abdul Aziz al Saud nach Berlin ein und hofierte ihn. Ein Jahr später reiste Wowereit selbst nach Riad, zusammen mit einer großen Wirtschaftsdelegation, der auch Vivantes-Vertreter angehörten. "Hand auf, Augen zu", kritisierte der Tagesspiegel damals die "Reise ins Zentrum der Zensur". Doch dank Wowereits Charme-Offensive konnte Vivantes bald darauf einen Kooperationsvertrag mit dem saudischen Gesundheitsministerium unterzeichnen. Der Deal: Vivantes-Manager sollten die Saudis beim Aufbau des "Imam Academic Medical Campus" beraten – einer luxuriösen Klinik in Riad - und im Gegenzug versprachen die Scheichs, zahlreiche Patienten zur Behandlung in die Berliner Vivantes-Kliniken zu schicken. Denn in Saudi Arabien zahlen die staatlichen Krankenversicherungen auch Auslands-Behandlungen.

König Salman von Saudi-Arabien © dpa/EPA/SPA
Der saudische König Salman war 2010 in Berlin ein gern gesehener Gast

Betriebsrat: Ärzte haben weniger Zeit für reguläre Patienten

Spätestens seit Salman al Saud, inzwischen selbst saudischer König, im Januar diesen Jahres 47 "Terrorverdächtige" hinrichten ließ und damit internationale Empörung auslöste, liegt ein Schatten über dieser Kooperation. Die Einnahmen durch die arabischen Patienten sind bei Vivantes jedoch immer noch willkommen – schließlich verbleiben die "Geschäftsergebnisse im Unternehmen und werden zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Berliner Patientinnen und Patienten komplett in die Klinikstandorte von Vivantes reinvestiert", schreibt Vivantes-Sprecherin Tschenett auf Anfrage von rbb online. Die Behandlung von Auslandspatienten nutzt also auch den Berlinern, lautet die Botschaft.

Doch der Vivantes-Betriebsratschef Giovanni Ammirabile ist da anderer Meinung. "Vivantes hat für die Komfortkliniken zwar zusätzliche Krankenschwestern und Service-Personal eingestellt, aber meines Wissens nach keine zusätzlichen Ärzte. Die Chefärzte und der ärztliche Dienst haben durch die Behandlungen, die sie in den Komfortkliniken durchführen, deshalb weniger Zeit für die Patienten auf den regulären Stationen", sagt Ammirabile rbb online. Vivantes-Sprecherin Tschenett widerspricht: Sie verweist nochmals auf den erwirtschafteten Gewinn, der auch in neues Personal investiert werde.

Die Internetpräsenz der Vivantes Komfortkliniken. (Quelle: www.vivantes-klinikum.de, Screenshot: rbb)
Die Internetpräsenz der Vivantes Komfortkliniken

Vivantes will laut Geschäftsbericht weitere Komfortkliniken einrichten

Doch wie hoch dieser Gewinn überhaupt ausfällt, dazu will Vivantes offziell keine Angaben machen. Ein Blick in den jüngsten Geschäftsbericht der "Vivantes Komfortklinik GmbH" liefert ein ernüchterndes Bild. 2013 erzielte die Vivantes-Tochter demnach 1,7 Millionen Euro Gewinn. 2014 waren es sogar nur noch rund 600.000 Euro, weil die Patientenzahlen in den Komfortkliniken sanken. Trotzdem plant die Vivantes-Geschäftsführung, so steht es im Geschäftsbericht, weitere Komfortkliniken einzurichten und die bestehenden Kapazitäten zu erweitern, "um das Leistungsspektrum des Konzerns auszubauen".

Der Betriebsrats-Chef Ammirabile kritisiert diese unternehmerische Entscheidung: "Die Versorgung von gutzahlenden ausländischen Patienten gehört nicht zu unserem Auftrag", sagt er. Der Senat sieht das offenbar anders, er will die Zahl der Medizintouristen schließlich erhöhen. Doch der Linken-Politiker Albers zweifelt daran, dass das die Einnahmen von Vivantes erhöht. "Die Vorstellung des Senats, mit Marketing bei Vivantes die Zahl der Auslandpatienten zu steigern, halte ich für gewagt. Wenn ich krank wäre und viel Geld hätte, würde ich dann in eine Vivantes-Komfortklinik kommen wollen?"

Lungen- und Suchterkrankungen nehmen in Saudi Arabien zu

Mit dem Luxus, der in der Meoclinic an der Friedrichstraße geboten wird, kann Vivantes tatsächlich schwerlich mithalten. Dort bucht das "Guest Relation-Team" den Patienten nach dem erlesenen Menü mit ausgesuchten Weinen auf Wunsch gern auch Opern-Karten - oder organisiert einen Limousinen-Service, der jederzeit zur Verfügung steht.

Andererseits winken laut Potentialstudie des Senats aus Saudi Arabien, dem Partnerland von Vivantes, steigende Patientenzahlen. "Die klassischen Zivilisationskrankheiten der arabischen Welt, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen, nehmen auch in Saudi Arabien kontinuierlich zu. Hinzu kommen Atemwegserkrankungen, insbesondere Lungenerkrankungen durch Tabakkonsum sowie Suchterkrankungen infolge verstärkten Alkohol- und Drogenkonsums. Es ist daher anzunehmen, dass auch in den nächsten Jahren die Nachfrage nach Behandlungen im Ausland weiter steigt", heißt es wörtlich.

Beitrag von Robin Avram

Das könnte Sie auch interessieren