Archiv: Afrikanische Straße in Wedding (Foto: Imago / Lars Reimann)

Streit um Straßennamen im Afrikanischen Viertel - Der eine Nachtigal - oder der andere?

Die Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding erinnern an den deutschen Kolonialismus.  Das Projekt "Lern- und Gedenkort Afrikanisches Viertel" des Bezirks Mitte sollte die Perspektive schwarzer Menschen auf dieses Kapitel sichtbar machen. Zugleich ist aber der Streit um die Umbenennung von Straßen neu aufgeflammt. Von Tina Heidborn

Das Projekt "Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel" ist ein Erfolg. Das zumindest galt als unstrittig bei der Abschlussfeier in dieser Woche: In den drei Projektjahren ist zum Beispiel eine öffentliche Bibliothek speziell für Schwarze Literatur gegründet worden, in der Togo-Straße wurde ein Afrika-Spielplatz eingerichtet und eine Internet-Seite sowie eine Handy-App informieren über die Straßennamen im Afrikanischen Viertel, dem größten Gebiet mit kolonialen Straßenbezeichnungen in Deutschland.

Auf der Webseite ist auch ein Eintrag zum Nachtigal-Platz zu hören. "Gustav Nachtigal wurde 1884 als Reichskommissar mit dem Auftrag nach Westafrika geschickt, um dort alle noch nicht besetzten Gebiete, die für den deutschen Handel interessant schienen, mit Hilfe der Reichsmarine unter deutsches Protektorat zu stellen. Nachtigal (…) wurde als Begründer der deutschen Kolonien in Afrika geehrt", heißt es dort.

Menschen in der Kameruner Straße in Berlin-Wedding (Foto: Imago / Jürgen Ritter)
Passanten im Afrikanischen Viertel

Umwidmung statt Umbenennung

Doch den schon seit mehr als 15 Jahren andauernden Streit über die Frage, ob man den Nachtigal-Platz heutzutage umbenennen muss, konnte auch das Projekt "Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel" nicht lösen. Die Auseinandersetzung ist erneut aufgeflammt. Denn die CDU in Mitte hat gerade den Vorschlag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eingebracht, den Namen Nachtigalplatz beizubehalten. Doch damit soll in Zukunft nicht mehr der Kolonialaktivist Gustav Nachtigal gemeint sein, sondern der Platz soll dann einen anderen Herrn namens Nachtigal ehren: den Theologen und Schriftsteller Johann Karl Christoph Nachtigal, gestorben 1819, also lange vor der deutschen Kolonialzeit. "Wir sehen den Vorschlag als eine Möglichkeit, den Streit zu entschärfen, indem wir die Straßen umbenennen ohne sie umzubenennen. Das ist in Wedding schon einmal passiert mit der Petersallee", meint der CDU-Fraktionsvorsitzende Thorsten Reschke.

Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen (Foto: dpa)
Tahir Della kämpft für die Umbenennung

Doch statt zu entschärfen hat Reschkes Vorschlag auf Seiten der kolonialismuskritischen Aktivisten für viel Empörung gesorgt. Dass sei gerade keine aufklärende Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte, sondern deren Verschleierung, sagt zum Beispiel Tahir Della vom Bündnis "Decolonize Mitte": "Das ist ein absurder Vorschlag, der Name bleibt erhalten und kein Mensch schert sich um eine Umwidmung. Es muss eine ernsthafte Aufarbeitung geben und das bedeutet die Umbenennung aller Straßen, die mit kolonialen Verbrechern geehrt werden." Das Beispiel der Petersallee, die seit 1986 nicht mehr den Begründer der „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“, Carl Peters, ehrt, sondern den NS-Widerständler und CDU-Politiker Hans Peters findet Tahir Della alles andere als nachahmenswert.

Anwohner wollen Namen behalten

 Doch einige Anwohner im Afrikanischen Viertel sind da anderer Meinung, sie haben sich in der Bürgerinitiative "Pro Afrikanisches Viertel" zusammengeschlossen: Sie wollen die Namen behalten, aber umwidmen. Ihren Vorschlag hat jetzt die CDU Mitte aufgegriffen. Es sei wichtig, die Anwohner zu berücksichtigen, sagt Thorsten Reschke von der CDU Mitte. Er vermisst die Bereitschaft zum Kompromiss – auf Seiten der kolonialismuskritischen Aktivisten.

Die ihrerseits beklagen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihre Befindlichkeiten einfach übergehe, ihre Sichtweise und Opfer-Perspektive ignoriere. Deshalb fordern sie Umbenennungen, zum Beispiel nach afrikanischen Freiheitskämpfern. "Es wird sich nur ungern damit auseinandergesetzt, dass Deutschland eine koloniale Geschichte hat. Doch die Geschichte wirkt bis heute nach auf die Nachfahren der ehemals versklavten und kolonialisierten Bevölkerungen. Die schwarze Diaspora wird vor allem im öffentlichen Raum nach wie vor damit konfrontiert", meint Tahir Della. "Deswegen ist es nötig, die Betroffenen einzubeziehen und zu hören."

Symbol für Deutungsmacht im öffentlichen Raum

Das Projekt "Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel" hat genau das gemacht, was Tahir Della und seine Mitstreiter fordern: Es hat konsequent die Sichtweise schwarzer Menschen eingebunden und zur Dialoggrundlage gemacht.  Bei der Benennung von Straßen ist das jedoch viel schwieriger: Hier lässt sich zwischen den verschiedenen Sichtweisen nur schwer vermitteln. Am Ende muss ein Name her, und der symbolisiert die Deutungsmacht im öffentlichen Raum.

Thorsten Reschke von der CDU Mitte glaubt deshalb nicht, dass die Bezirksverordnetenversammlung noch einen Entschluss in der Sache fasst, zumindest nicht mehr bis zu den Wahlen im Herbst. Und Tahir Della gibt deutlich zu verstehen, dass er weiterkämpfen werde für eine Umbenennung. Wie man sich je einigen können soll, wissen beide nicht.

Das Afrikanische Viertel im Berliner Ortsteil Wedding (Bezirk Mitte). (Quelle: rbb-online/Mitya)
Das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding

Beitrag von Tina Heidborn

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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