Schulanfänger werden in Berlin womöglich bald von Österreichern oder Holländern unterrichtet (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 17.02.2016 | Boris Hermel

Berlin sucht Grundschullehrer in Österreich und den Niederlanden - "Küss die Hand, gnä' Schüler"

Nachdem Berlin auf der Suche nach Lehrern schon die deutschen Bundesländer abgegrast hat, will das Land nun auch in Österreich und in den Grenzregionen der Niederlande werben. Das Problem: Vor allem Grundschullehrer fehlen, GEW und Opposition kritisieren die mangelhafte Planung von Senatorin Scheeres. Die weist die Kritik zurück.

Um genug Lehrer für Berlins Grundschulen zu bekommen, will das Land Berlin jetzt auch in Österreich oder in den Niederlanden suchen. Laut der Bildungsverwaltung könnten schon innerhalb der nächsten drei Wochen entsprechende Anzeigen geschaltet werden.

Zuvor hatte die "Berliner Zeitung" berichtet, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) erwäge Anzeigen in Print- oder Onlinemedien in Österreich und in der niederländischen Grenzregion. Zur Begründung hieß es, dort könnten viele Menschen sehr gut Deutsch sprechen. Überlegungen, auch in der Schweiz um Lehrer zu werben, habe man allerdings verworfen. Schweizer seien einfach ein höheres Lohnniveau gewohnt, hieß es.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Berlin auch in größerer Entfernung Lehrer gesucht. Damals wurden gezielt in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen Anzeigen geschaltet. Darin hieß es beispielsweise: "Revierwechsel gefällig? Kohle gibt's auch bei uns".

Auch Brandenburg wirbt inzwischen gezielt um Lehrkräfte aus dem Ausland, vor allem aus Polen.

Der Bedarf an Grundschullehrern war absehbar

Es mangelt vor allem an Grundschullehrern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Opposition im Abgeordnetenhaus kritisieren, dass nicht gut geplant wurde. 1.000 Grundschullehrer müssten allein diesem Jahr neu eingestellt werden, an Berliner Universitäten beenden in diesem Jahr aber nur 200 Referendare ihr Studium. Schuld daran sei Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). "Sie hatte 2013 Lehrerbedarfsprognosen. Schon da war klar, dass wir in den nächsten Jahren pro Jahr 800 bis 1.000 Grundschullehrer brauchen. In den Hochschulverträgen, die sie nach den Prognosen abgeschlossen hat, kommt die Grundschule mit keinem Wort vor", sagte die Grünen-Abgeordnete Stefanie Remlinger der rbb-Abendschau. Auch die GEW kritisiert, dass die Senatsverwaltung bereits vor drei Jahren mehr Ausbildungsplätze hätte einplanen müssen, sagte ein Sprecher dem rbb. Aus einer einer parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 2013 (pdf) geht hervor, dass der Bedarf damals schon absehbar war - und in den Grundschulen zum Schuljahr 2017 insgesamt 3.750 mehr Lehrer eingestellt werden müssen als noch 2012.

Scheeres entgegnete in der rbb-Abendschau, dass das Land in dieser Legislaturperiode 8.300 Lehrkräfte eingestellt habe, allein zum Halbjahresbeginn seien es 1.000 gewesen. Auf die Frage, warum man Studienplätze nicht vorausschauend erhöht habe, antwortete Scheeres, dass die Hochschulen ihre Kapazitäten im Grundschulbereich 2014/15 von 150 auf 300 verdoppelt hätten. Eine detaillierte Festlegung finde in den Hochschulverträgen nicht statt, das sei auch bei ihren Vorgängern nicht der Fall gewesen. Sie habe die "Zielzahlen der Absolventen in die leistungsbasierte Finanzierung aufgenommen". Diese Zahlen seien an die Finanzierung geknüpft. Scheeres sagte weiter, dass man aber auch mehrgleisig fahre müsse, indem man auch Quereinsteiger einstelle. Diese schmeiße man auch nicht ins kalte Wasser.

344 neue Grundschullehrer gefunden

Wie Bildungssenatorin Sandra Scheeres Anfang Februar im Interview mit dem rbb erklärte, müsse Berlin allein in diesem Jahr 2.100 Lehrkräfte einstellen. 900 davon seien - wie geplant - zum Beginn des neuen Halbjahrs gefunden. Damit hätten alle Schulen ihre "Lehrkräfte an Bord", so Scheeres - auch die Grundschulen.

Der steigende Bedarf hat vor allem zwei Gründe: In die wachsende Stadt ziehen viele Familien mit Kindern, außerdem müssen immer mehr Flüchtlingskinder beschult werden. Gleichzeitig gehen viele Lehrer in Pension. Daher habe man 344 Stellen für die Grundschulen ausgeschrieben - "und diese konnten wir auch besetzen", so Scheeres.

Unter den neuen Grundschullehrern sind Scheeres zufolge zahlreiche Quereinsteiger. Diese haben keine volle pädagogische Ausbildung und müssen berufsbegleitend studieren, während sie schon unterrichten. Nach Angaben der "Berliner Zeitung" ist unter den neu eingestellten Grundschullehrern jeder vierte ein Quereinsteiger. Darüber hinaus seien viele Studienräte, die für das Gymnasium ausgebildet worden sind, nun als Grundschullehrer engagiert worden.

Berlin konkurriert mit ganz Deutschland um Lehrer

Die Senatorin betonte, dass es bundesweit einen großen Fachkräftebedarf im Grundschulbereich gibt. "Wir stehen hier in der Konkurrenz", fügte sie hinzu.

Um dem Mangel zu begegnen, müssten nach den Vorstellungen der Senatorin die Ausbildungskapzitäten von 300 auf 600 Studienplätze verdoppelt werden. Sie sei dahingehend mit den Hochschulen im Gespräch - "mein Ziel ist so schnell wie möglich", so Scheeres. Ein weiterer Schritt, um dem Lehrermangel zu begegnen, sei allerdings ein Weiterbildungsinstitut, das sie noch in diesem Jahr auf den Weg bringen wollen. Dort sollen die "Quereinsteiger qualitativ gut begleitet werden", sagte die Senatorin.

Der "Berliner Zeitung" zufolge will die Senatorin Quereinsteiger künftig auch länger halten. Kandidaten, die kein Mangelfach studiert haben, sollen demnach künftig unbefristet übernommen werden, wenn sie ein halbes Jahr als Vertretungslehrer und in einer Willkommensklasse erfolgreich gearbeitet haben. Scheeres wolle zudem auch pensionierte Lehrer zurückholen, heißt es, sowie Teilzeitkräfte dazu bewegen, mehr zu arbeiten und Gymnasiallehrer in Kooperationsstunden an Grundschulen einsetzen.

Keine Verbeamtung und 500 Euro weniger

Der Mangel an Grundschullehrern wird allerdings nicht nur auf eine zu geringe Zahl an Studienplätze in den vergangenen Jahren zurückgeführt: Sie verdienen monatlich 500 Euro brutto weniger als Studienräte an Gymnasien. Außerdem verbeamtet Berlin seine Lehrer nicht mehr, was in den meisten anderen Bundesländern noch immer der Fall ist.

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