Heroes: Sozialpädagogin Martina Krägeloh und Deniz, Ali, Koray und Ilhan (v.l.n.r.) (Bild: Siebert/rbb)

Männergruppe "Heroes" in Berlin-Neukölln - "Ehre ist, wenn man nur für sich selbst entscheidet"

Traditionelle Zwänge, überkommene Ehrbegriffe und das Verhältnis zwischen Mann und Frau: Themen, die die Männergruppe "Heroes" beackert. Seit neun Jahren sind in Berlin-Neukölln junge türkische und arabische Männer auf der Suche nach ihrer Identität in Deutschland. Und sie unterstützen viele andere, denen es genauso geht. Von Wolf Siebert  

Das Heroes-Hauptquartier liegt in der Neuköllner Hermannstraße. Es ist eine schmucklose Ladenwohnung, das Licht der Neonröhren ist nicht gemütlich. In den Männer-Gruppen, die sich hier treffen, wird an schwierigen Themen gearbeitet: "Identität" steht in großen Buchstaben auf einer Wandzeitung. Auf ein Flip-Chart hat jemand die vier Worte "Werte-Normen-Moral-Gesetze" geschrieben.

Über was werden wir da reden?

Mit diesen Begriffen konnte Ali Ahmad wenig anfangen, als er vor sechs Jahren mit 19 zum ersten Mal zu "Heroes" kam. Der erste "Heroe", Deniz, habe ihn damals angesprochen, erzählt Ali: Es solle eine neue Gruppe geben, und ob er nicht Interesse habe, da mitzumachen. "Ich hatte so ein mulmiges Gefühl: Über was werden wir denn da reden? Hmm, okay, hab ich gedacht, aber ich schaue es mir wirklich nur an. Bin dann erst mal hingekommen, hab dann die ganzen Getränke Cola, Fanta, Sprite und Schokolade und Chips auf dem Tisch vorgefunden, was mich dazu angeregt hat, erstmal zu bleiben."

Ali ist geblieben - nicht nur wegen Schokolade und Chips. Im Laufe der Zeit habe es viele Gespräche über Ehre, Ehrenkulturen, Ehrenmorde und Sexualität gegeben, und ihm sei klargeworden, wie tiefgreifend diese Themen seien: "Durch den Mord an Hatun Sürücü habe ich gemerkt, dass das die Spitze des Eisbergs ist, und dass da die Ursache herausgefunden werden sollte."

"Es hat mit Tradition zu tun, nicht mit Kultur oder Religion"

Gemeinsam mit anderen jungen Männern und begleitet von den Mitarbeitern von "Heroes" ging Ali also auf die Suche nach der Ursache. Zum Beispiel diskutierte er zum ersten Mal über Männer- und Frauenrollen, und über patriarchalische Strukturen und ihre Ehr-Begriffe.

Dadurch würden Männer und Frauen viel stärker geprägt als durch den Islam, sagt Ali. Es habe vor allem mit Tradition zu tun, damit, wie die Eltern und Großeltern groß geworden seien und welche traditionellen Zwänge eine Rolle gespielt hätten: "Es hat auf jeden Fall mit der Tradition zu tun, ist also weder ein kultureller Aspekt noch ein religiöser. Oft wird das vertauscht: Tradition mit Kultur und Kultur mit Religion."

Männer müssen auch mal in die Opferrolle

Heute sind auch Deniz, Asman und Koray da. Sie haben türkische beziehungsweise türkisch-kurdische Wurzeln. Zusammen mit ihnen geht Ali in Schulen und Jugendtreffs und macht dort Workshops. Dabei geht es immer auch um Begriffe wie "Ehre". Die "Heroes" wollen Fragen stellen, Zweifel wecken und auch über die Zwänge reden, in denen sie als Brüder und Söhne stecken.

Ganz wichtig dabei ist immer ein Rollenspiel. Dabei geht es um einen familiären Konflikt, bei dem ein junger Mann seine Schwester maßregelt. Die "Heroes" suchen sich für die Mädchenrolle, die Schwester Senep, immer einen männlichen Jugendlichen aus dem Publikum, erklärt der 18-jährige Koray: " Wir versuchen immer, das Alphatierchen rauszuziehen und ihn die Tochter, das Mädchen, spielen zu lassen, damit er sich mal in die Opferrolle versetzt."

In der Alltagsszene, die so nachgestellt wird, erkennen sich viele Jugendliche wieder. Sie beginnen oft, über die Enge des Alltags und über die Weite ihrer Träume zu reden - und über das Korsett des Ehrbegriffs, der immer über die Frau und über die Familie definiert wird.

Koray und seine Freunde setzen einen anderen Ehrbegriff dagegen: Dass jeder für sich selbst entscheidet und nicht für jemand anders. "Deshalb braucht man gar nicht über Familienehre oder über irgendetwas anderes zu reden, da jeder im Endeffekt für sich selbst lebt", sagt Koray.

"Heroes" setzen bei den Jugendlichen an

Die "Heroes" setzen bei den Jugendlichen an, weil viele Eltern aus ihren traditionellen Strukturen nicht mehr ausbrechen können. Deniz Ince, einer der ersten "Heroes" ist inzwischen 26 und Gruppenleiter. Er merke an sich selbst, wie schwer es sei, Traditionen abzulegen ohne die Identität zu verlieren, sagt er. Er lerne immer noch – genau wie die anderen aus der Gruppe: "Ich würde sagen, dass keiner in dem Projekt an dem Punkt ist zu sagen: Das ist abgeschlossen, wir sind jetzt beim Nonplusultra und wir sind jetzt perfekt."

Koray Diler und Asmen Ilhan von "Heroes" (Bild: Siebert/rbb)
Koray Diler und Asmen Ilhan von "Heroes"

Beim Thema „Gleichberechtigung“ hat Ali, der heute Wirtschaft studiert, am meisten in der eigenen Beziehung gelernt: Wie man den anderen Partner respektiere: "Bei den heikelsten Themen fängt man dann an zu sagen: Hmmh – war das, was ich gesagt habe, eigentlich okay? Sind wir auf der Ebene eigentlich gleichberechtigt oder nicht?"

„Heroes“ wird mittlerweile auch vom Senat finanziell gefördert. Erfolge sind in einer Community, in der Respekt noch allzu häufig über Angst vermittelt wird, nur langfristig zu erreichen. Deniz, der Sozialarbeit studiert, wird weitermachen: "Wenn du Heroe bist, dann ist das nicht nur ein Job. Wenn es dich wirklich erreicht, dann trägst du es auch mit in den Alltag, dann gibt es auch mal Konflikte - was dazugehört - und dann geht’s auch mal einen Schritt zurück, aber zwei vorwärts."

"Ich bin auch ein Teil deutscher Identität"

Asmen, ein angehender Psychologe, wünscht sich, dass auch die Mehrheitsgesellschaft einen Schritt macht – einen Schritt vorwärts auf ihn zu und auf Ali, Deniz, Koray und all die anderen: "Mir ist wichtig, dass wir auch als Teil dieses Landes begriffen werden, also dass ich auch Teil der deutschen Identität bin. Wenn das nicht bei unserer Generation ist, dass zumindest  unsere Kinder sagen können: Wir sind Deutsche. Wir sind in diesem Land geboren, aufgewachsen und können sagen: Wir gehören zu diesem deutschen Wir."

Beitrag von Wolf Siebert

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