Heinrich Strößenreuther auf dem Fahrrad vor dem Brandenburger Tor (Quelle: Volksentscheid Fahrrad/ © Norbert Michalke)

Interview | Heinrich Strößenreuther über den "Volksentscheid Fahrrad" - "Der Vorwurf von Herrn Geisel ist natürlich Unfug"

Die Initiative "Volksentscheid Fahrrad" will eine neue Verkehrspolitik in Berlin für Fahrradfahrer. Dafür hat sie einen Gesetzentwurf ausgearbeitet und am Dienstag vorgestellt. Organisator Heinrich Strößenreuther ist überzeugt, dass auch Autofahrer etwas von den Vorschlägen der Initiative haben würden.

Herr Strößenreuther, im Dezember haben Sie mit Ihrer Initiative noch 100 Kilometer Fahrradstraßen für Berlin gefordert, inzwischen fordern Sie 350 Kilometer. Warum haben Sie Ihre Forderung noch einmal nach oben korrigiert?

Weil wir zum Teil viel Kritik bekommen haben, dass wir zu wenig für kindersichere Radwege tun. Deswegen haben wir beschlossen, dass da jetzt noch einmal 250 Kilometer oben drauf kommen, damit Kinder sicher in Nebenstraßen fahren können. Sichere Fahrradstraße heißt: fünf Meter breit, Vorfahrtsregelung – wo nötig – für die Radfahrer, wo es geht.

Das klingt für Fahrradfahrer nach einem Paradies. Verkehrssenator Andreas Geisel hat aber Ihren Entwurf schon vor Wochen kritisiert: Es soll nicht eine bestimmte Verkehrsart bevorzugt werden. Wie wollen Sie Fahrrad- und Autofahrer sowie Fußgänger unter einen Hut bringen?

Der Vorwurf von Herrn Geisel ist natürlich Unfug. Wir haben in Berlin die Situation, dass drei Prozent der Verkehrsflächen für Fahrradfahrer vorgesehen sind, 20 Mal weniger als für Autofahrer. Selbst wenn wir den Anteil der Radfahrer verdoppeln, haben wir immer noch deutlich weniger Flächen für Rad- als für Autofahrer.

Aber wenn wir uns die Zahlen von Herrn Geisel nochmal anschauen: In der Innenstadt hat der Autoverkehr einen Anteil von 17 Prozent, der Radverkehr 18 Prozent. Da wäre dann ja ein angemessener Flächenanteil Hälfte-Hälfte. Aber so weit gehen wir gar nicht.

Ziel ist, dass Autofahrer, die sich heute nicht trauen, künftig aufs Rad umsteigen. Und dann werden sich alle anderen fragen, ob sie zwangläufig aufs Auto angewiesen sind und vielleicht ein bisschen weniger im Stau auf der Avus stehen.

Sie haben insgesamt zehn Ziele bei Ihrem Radentscheid: unter anderem die Grüne Welle für Radler und Fußgänger, Busspuren sollen von Radspuren getrennt werden usw. Das würde zum Beispiel für den Kurfürstendamm bedeuten: je eine Spur für Busse, Radfahrer und Autos und der Parkstreifen muss weg. Unterschriften von Autofahrern werden Sie damit aber nicht kriegen, oder?

Auf dem Ku’damm ist es heute so, dass wir eine Park-, Rad-, Bus-, Halte- und eine Autospur haben. Diese Haltespur wäre dann nicht mehr da. Das heißt, die Autofahrer haben nach wie vor zwei Spuren, der Bus hat eine und das Fahrrad hat eine. Ich glaube, man kann sich da als Autofahrer nicht beschweren. Es hat ja keiner gesagt, dass Autos zwölf Quadratmeter groß sein müssen im Vergleich zum Fahrrad, das nur 1,2 Quadratmeter hat. Das sind halt die Nachteile, wenn man sich für diese Verkehrsart entscheidet.

Worum es uns geht, ist ein gutes Verkehrskonzept miteinander: Wenn man die Zahlen fortschreibt mit vier Millionen Einwohnern, dann wird Berlin in Zukunft 150.000 mehr Kraftfahrzeuge haben. Die würden nachts genau aufs Tempelhofer Feld passen. Und tagsüber ergießen die sich auf die Straßen Berlins. Das will auch kein Autofahrer haben, dass wir bald noch einmal so viel mehr Autos in der Stadt haben.

Das heißt, wenn man jetzt in der Verkehrspolitik umsteuert auf den Schwerpunkt Fahrrad, aber auch etwas für Fußgänger, Busfahrgäste und Autofahrer tut, dann haben wir ein Verkehrskonzept, das zu einem lebenswerten Berlin passt. Es bezieht das Thema "wachsende Stadt" ein und leistet einen Beitrag zum Klimaschutz. Der geht ohne massiven Ausbau des Radverkehrs gar nicht.

Weniger Autos und mehr Fahrräder heißt auch, dass wir mehr Stellplätze in Bahnhöfen und auf den Straßen brauchen. Das fordern Sie auch. Das alles kostet natürlich Geld. Der Senat lehnt die Initiative ab. Haben Sie neben Ihren Forderungen auch Ideen zur Finanzierung?

Das Ganze soll natürlich aus dem Verkehrsetat kommen. Unsere jetzige Abschätzung zeigt: Für den ganzen Volksentscheid gibt es einen Kilometer von der A100. Insofern glaube ich, dass das angemessen ist. Es ist die Frage, ob es machbar ist, das heißt, ob sich ein Senator traut, eine solche wichtige Zukunftsentscheidung zu treffen.

Das Interview führte Sonja Koppitz, radioeins

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