Polizisten sichern am 14.08.2013 in der Rigaer Straße in Berlin die Durchsuchung von Wohnungen der linken Szene ab (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 09.02.2016 | Interview Tom Mannewitz

Interview | Extremismusforscher zu linker Gewalt in Berlin - Die unbekannten Linksaußen

Sie kamen mit Skimasken, teils auf Fahrrädern und zündeten Autos an. In einem Bekennerschreiben wurden nach den Taten vom Wochenende weitere angekündigt. Was geht in den Köpfen dieser zumeist jungen Menschen vor? Extremismusforscher Tom Mannewitz spricht von sehr unterschiedlichen Tätern - wenig erforscht und sehr schwer zugänglich.

rbb: Herr Mannewitz, Berlins Innensenator Frank Henkel spricht von einem linken Mob. Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Phänomen linker Gewalt. Wer steckt hinter solchen Taten, über welches Täterprofil reden wir hier?

Das ist eine gute Frage. Es handelt sich um einen Bereich der Forschung, der sehr schwer zugänglich ist, weil das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen wie der Polizei, Behörden oder auch Forschern sehr groß ist. Die Vorbehalte sind sehr, sehr groß, deshalb gibt es nicht wenig ganz gesicherte Ergebnisse. Man ist sich relativ sicher: Es handelt sich um junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren. Vornehmlich aus einem akademischen Hintergrund und - generell nicht überraschend in Berlin- aus dem studentischen Milieu. Was die konkreten Vorfälle in Berlin angeht, kann ich keine genaueren Angaben machen, weil die Erkenntnisse noch ungesichert sind.

Geht es den Tätern darum die Welt zu verbessern, beispielsweise gegen steigende Mieten zu kämpfen - oder geht es um die Lust an Gewalt?

Die Motive vermischen sich, weil es nicht um ein homogenes soziales Milieu handelt. Wir haben es mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun. Dazu gehört das, was man 'Feierabendterrorismus' nennt, wobei ich mich scheue das Wort Terrorismus hier zu benutzen. Gemeint ist eine gewisse Vermischung von Alltagsleben und der politischen Aktion am Abend. Dann haben wir relativ unpolitische Jugendliche, für die das Ganze einen gewissen Erlebniswert hat. Und dann haben wir einen ideologisch sehr verhärteten Kern, der dann auch längere Zeit dabei ist und sich das Thema nicht im Laufe des Lebens sozusagen verwächst. Da haben wir es mit festen ideologischen Zielen zu tun, die wir alle aus dem Linksextremismus kennen. In Berlin waren Anti-Gentrifizierung, Anti-Kapitalismus, Anti-Repression  die klassischen Handlungsfelder, die am Wochenende zutage getreten sind.

Würden Rechtsextremisten durch die Stadt ziehen und Autos anzünden, wäre das ein Riesenthema, eine große Empörung. Aber bei der linksextremistischen Szene ist das nach meinem Eindruck etwas gedämpfter. Wird die Gefahr von extrem links unterschätzt?

Der Eindruck trügt nicht. Auch aufgrund der deutschen Vergangenheit sind die Vorbehalte in der Zivilgesellschaft gegenüber dem Rechtsextremismus zu Recht sehr stark ausgeprägt. Traditionell hat es Rechtsextremismus sehr schwer - völlig zu Recht. Das Problem ist, dass die Sensibilität gegenüber Linksextremismus bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie das bei Rechtsextremismus der Fall ist. In der politischen Kultur Deutschlands haben wir einen Anti-Rechtsextremismus, einen Anti-Linksextremismus haben wir nicht und das schlägt sich natürlich auch in der Wahrnehmung nieder.

Was kann man tun, wir kommt man an den harten Kern dieser linksextremen Gruppen heran?

Das ist ganz, ganz schwierig. Ein Zugang wie bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus über Aussteigerprogramme und dergleichen greifen nicht. Solche Programme funktionieren über das Milieu, über die brutale Tat des Einzelnen gegenüber Ausländer oder Homosexuelle, die zu den typischen Feindgruppen Rechtsextremer gehören. Diese Präventionsstrategien sind ganz schwierig auf den Linksextremismus zu übertragen. Man muss auch ehrlich sagen, dass die Präventionsforschung in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen steckt. Das ist nicht nur in den letzten drei, vier Jahren, sondern in den letzten Jahrzehnten ganz viel sträflich vernachlässigt worden. Wir Sozialwissenschaftler wissen deshalb selber nicht so richtig, wie man an diesen Kern herankommt.  Das ist ganz schwer!

Mit Tom Mannewitz sprach Leon Stebe für Inforadio. Das Gespräch können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

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