Presse und Nebenklageanwalt Roland Weber nach der Urteilsverkündung im Mordfall der schwangeren Maria. Hinter ihm der Nebenkläger, Marias Bruder. (Quelle: rbb/Ulf Morling)

Interview | Berlins Opferbeauftragter Weber - "Viele Opfer kennen ihre Rechte nicht"

Roland Weber ist Deutschlands einziger Opferbeauftragter. Seine Aufgabe ist es, die Zusammenarbeit zwischen Hilfsorganisationen, Polizei und Justiz zu koordinieren. Opfern soll es dadurch leichter fallen, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Im Interview erzählt er vom Umgang mit traumatisierten Familien, den Rechten, die Opfern zustehen - und wie er es schafft, trotz seiner belastenden Arbeit abends abzuschalten.  

Herr Weber, Ihren Job als Opferbeauftragter gibt es nur in Berlin und sonst nirgendwo in Deutschland. Wird Ihre Position Schule machen?

Das wird die Zeit zeigen, wir können nichts dazu sagen, was in den anderen Bundesländern geschehen soll. Dort wird selbstverständlich auch einiges für den Opferschutz getan, nur auf eine etwas Art und Weise als hier. In Berlin hat Justizsenator Thomas Heilmann die Idee eines Opferanwalts im Jahr 2012 entwickelt. Dahinter stand der Gedanke, dass ein Außenstehender das Ministerium möglichst objektiv beraten kann. In den anderen Bundesländern sind das regelmäßig Staatsanwälte, Richter, die in gewisser Zeit in die jeweiligen Ministerien abgeordnet werden und sich dann dort schwerpunktmäßig um den Opferschutz kümmern.

Sie waren als Anwalt kürzlich bei dem Prozess einer verbrannten jungen Frau dabei und haben die Hinterbliebenen vertreten. Wie gehen Sie mit deren Traumatisierungen um?  

Es lässt sich im Vorfeld nie abschätzen, wie die Einzelnen reagieren. In dem furchtbaren Fall, den Sie angesprochen haben, ist das Opfer tot. Hier geht es um die Frage, wie es den Hinterbliebenen geht, ob und wie schwer die Hinterbliebenen traumatisiert sind. Hier müssen wir uns andere Gedanken machen als in den Fällen, in denen die Opfer glücklicherweise überleben. Dort müssen wir auch erst einmal sehen, um was für eine Art von Straftat es sich handelt, mit was für Folgen die Opfer zu kämpfen haben und wie dem Einzelnen individuell geholfen werden kann.

Bei vielen Tätern wird ein großes Augenmerk auf die Resozialisierung gelegt. Was können Sie konkret für die Opfer erreichen?

Tatsächlich wurde für die Opfer von Seiten des Gesetzgebers in den letzten Jahren ziemlich viel gemacht. Die Rechte der Opfer wurden permanent ausgebaut, auch jetzt ist ein neues Gesetz in Kraft getreten. Das Hauptproblem sehe ich darin, dass die wenigsten Opfer ihre Rechte wirklich kennen. Entsprechend gering ist der Nutzungsgrad.

Wenn ein Opfer enorme psychische und körperliche Einschränkungen hat: Hat er auch Anspruch auf Geld?

Ja, das hat er. Viele denken da an den Täter und das ist auch richtig, denn zunächst muss der alles bezahlen. Aber oftmals haben Gewalttäter kein Geld. Das ist leider so. Deshalb gibt es noch eine weitere Möglichkeit, die weitgehend unbekannt ist: das Opferentschädigungsgesetz. Darin ist geregelt, dass der Staat Kompensationsansprüche bezahlt, also kein Schmerzensgeld, aber den Berufsausfall bis hin zu Umschulungen, Renten, Therapiekosten und dergleichen. Da wird eine ganze Menge übernommen und da werden auch temporäre Renten bezahlt, bis es wieder besser geht. Und erstaunlicherweise ist das nach wie vor ziemlich unbekannt.

Sie haben einen sehr belastenden Job. Wie schaffen Sie, diese Erlebnisse nicht mit nach Hause nehmen?

Das klappt im Regelfall ganz gut. Ein Arzt, der abends aus seiner Praxis rausgeht und dann noch über jeden seiner Patienten nachdenkt, kann seinen Feierabend nicht genießen. Und letztendlich ist das bei mir nicht anders. Nach Feierabend muss ich das einfach abspalten.

Seit 2012 sind Sie Opferbeauftragter. Hat Sie etwas überrascht, weil es nicht Ihren Vorstellungen entsprach?

Das ist eine schwierige Frage. Überrascht hat mich letztendlich der positive Zuspruch von vielen Menschen. Das hätte ich gar nicht gedacht. Und ich hätte auch gar nicht gedacht, dass sich viele im Nachhinein dann noch einmal bedanken. In bekomme sehr nette E-Mail oder Briefe, wenn ich einen kleinen Tipp geben konnte. Das hat mich sehr gefreut.

Ich habe manchmal den Eindruck, wir würden uns zu sehr um die Täter kümmern, indem wir ihre Motivation verstehen wollen. Wird nun ein größeres Augenmerk auf die Opfer gelegt?

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich da sehr viel geändert hat, allein durch die ganzen gesetzlichen Veränderungen. Und wir sehen auch, dass es zunehmend mehr Opfer sind, die ihre Rechte in Anspruch nehmen. Da ist es natürlich auch ganz wichtig, dass möglichst viele Menschen davon erfahren. Vielleicht gibt es auch Opfer, die davon wissen, sich aber nicht so richtig trauen, Leistungen zu beantragen. Und da kann ich nur sagen: Bitte, Leute, ihr habt diese Ansprüche. Macht sie auch geltend!

Das Interview führte Ingo Hoppe von radioBERLIN88,8

Zur Person

Roland Weber, geboren 1966 in Stuttgart, studierte Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin und legte sein Examen in Berlin ab. Seit 2009 ist er auch Fachanwalt für Strafrecht.

Weber ist Berlins erster Opferbeauftragter. Die Ernennung von Rechtsanwalt Weber zum Opferbeauftragten im Oktober 2012 ist Teil des Bestrebens der Großen Koalition, den Opferschutz in Berlin nachhaltig zu stärken.

Opfern von Straftaten - insbesondere von Gewalttaten - soll noch effektiver Unterstützung angeboten werden, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen soll koordiniert und verbessert werden und den Belangen der Opfer soll auch politisch mehr Gewicht verliehen werden.

Hier können Sie Kontakt zu Roland Weber aufnehmen.


Quelle: berlin.de

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