Prof.Andreas Beelmann. Quelle: OZON/rbb

Interview | Psychologe Andreas Beelmann - "Vorurteile gehen meist einher mit einem einfachen Weltbild"

Erst wenn wir verstehen, wie Vorurteile entstehen und wann sie zu Ausgrenzung führen, können wir etwas dagegen tun, sagt der Psychologe Andreas Beelmann. Im Interview erklärt er, wann Vorurteile sinnvoll sein können, und warum sich manche Menschen besonders schwer tun, unvoreingenommen auf andere zuzugehen.

rbb: Herr Beelmann, warum entwickeln Menschen überhaupt Vorurteile?

Andreas Beelmann: Psychologisch betrachtet entstehen Vorurteile durch zwei zentrale Prozesse in der sozialen Entwicklung des Menschen: durch den Prozess der sozialen Kategorisierung und durch den Prozess der Identitätsbildung. Soziale Kategorisierung meint: Wir teilen Menschen in soziale Gruppen auf. Das machen wir schon sehr früh in unserem Leben. Ab dem dritten Lebensjahr beginnen Kinder, Dinge und Menschen in Gruppen zu ordnen.

Wozu brauchen wir dieses "In-Schubladen-denken"?

Das ist notwendig, um nicht bei jedem sozialen Kontakt wieder von vorne anzufangen. Das heißt, Vorurteile haben erst einmal eine sinnvolle Eigenschaft: Wir brauchen konkrete Vorstellungen von anderen Menschen, damit wir mit der Vielfalt der sozialen Reize, die uns tagtäglich begegnen, besser zurechtkommen.

Der zweite Prozess, in dem Vorurteile eine Rolle spielen, ist die Identitätsbildung. Wir sortieren nicht nur die anderen in Gruppen ein, sondern ordnen uns ja auch selbst Gruppen zu. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Gruppen, denen ich angehöre und solchen, denen ich nicht angehöre. Und es ist eine menschliche Tendenz, Gruppen, denen ich selbst angehöre, besser zu bewerten.

Das heißt, jeder Mensch betrachtet Personen, die anders sind als er selbst, zunächst einmal abschätzig?

Ja, Vorurteile haben wir alle, aber entscheidend ist, wie groß dieser Bewertungsunterschied im Laufe unserer Entwicklung wird. Und soziale Erfahrungen führen eigentlich dazu, dass diese Unterschiede nicht so groß werden.

Kinder haben ja zu Beginn ihres Lebens noch eher wenig soziale Kontakte. Haben sie somit mehr Vorurteile?

In Feldstudien mit Kindergartenkindern haben wir beobachtet: Im Alter von drei bis vier Jahren beginnen Kinder, soziale Kategorien zu benutzen. Das geht los mit der Unterscheidung der Geschlechter; später kommen Kategorien wie Ethnie und Nationalität dazu. Ab diesem Alter steigen die Vorurteile zunächst, denn Gruppen, denen sie selbst angehören, bewerten sie höher, die anderen werten sie ab.

Tatsächlich stellen wir fest, dass Kinder erst mit zunehmender geistiger Entwicklung zu weniger Bewertungsunterschieden zwischen der eigenen und der fremden Gruppe neigen. Bis ins Grundschulalter nimmt die Neigung zu Vorurteilen dann langsam wieder ab, weil die Kinder jetzt auf Basis ihrer eigenen individuellen Erfahrungen urteilen. Ab dem Jugendalter spielt das Alter für die Ausprägung von Vorurteilen keine große Rolle mehr. Jetzt  wird der soziale Kontext, in dem man lebt immer bedeutender.

In welchem Umfeld sind Kinder und Jugendliche denn besonders gefährdet, Vorurteile zu behalten?

Wenn der Kontakt zu fremden sozialen Gruppen fehlt, dann ist das eine ungünstige Bedingung. Man kann dann keine persönlichen Erfahrungen machen und hält an pauschalen negativen Bewertungen länger fest. Deshalb sind gerade in Regionen mit sehr niedrigem Anteil an Ausländern und Migranten Vorurteile und Misstrauen gegenüber Fremden oft besonders stark ausgeprägt.

Und welche psychologischen Aspekte machen Menschen besonders anfällig für Vorurteile?

Es gibt nie einen einzigen Grund, warum ein Mensch anfälliger für Vorurteile ist, als ein anderer. In den meisten Fällen kommen mehrere negative Faktoren zusammen. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist allerdings die Bedrohung von Identität.

Menschen, die eine sehr eindimensionale Identität haben, sind sehr empfänglich für Vorurteile. Es handelt sich dabei um Personen, die sich zum Beispiel ausschließlich über ihre nationale Zugehörigkeit definieren, weil aus anderen Identifikationsangeboten, wie zum Beispiel der beruflichen Identität, wenig Selbstwert gezogen werden kann. Auch ein generelles Gefühl der Benachteiligung und der damit verbundene Kampf um Ressourcen sind Risikofaktoren.

Wie äußert sich das konkret?

Diese Menschen nehmen dann zum Beispiel die Flüchtlinge als Bedrohung wahr. Weil sie den eigenen Status bedrohen. Und diese Bedrohung äußert sich dann in einer voreingenommenen negativen Einstellung gegenüber anderen. Und zwar immer gegenüber solchen Personengruppen, die noch schwächer sind als man selbst.

Können solche Vorurteile überhaupt aktiv wieder abgebaut werden?

Vorurteile gehen meist einher mit einem einfachen Weltbild, das in "gut" und "böse" unterteilt. Dieses Weltbild aufzubrechen, ist schwierig. Aber der unvoreingenommene Umgang mit anderen sozialen Gruppen ist eben auch eine kulturelle Leistung. Es ist eine soziale Fähigkeit, die erworben werden kann - wie Lesen und Schreiben.

Das Gespräch führte Felix Krüger (redaktionelle Mitarbeit: Annika Klügel), Redaktion "Ozon unterwegs"

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Tablet mit der Seite hoaxmap.org auf dem Bildschirm (Quelle: rbb/Karo Krämer)

hoaxmap.org - Die Landkarte der Gerüchte

Das Thema Flüchtlinge polarisiert, und Gerüchte tun dabei ein Übriges: Sie sind schnell in der Welt und verbreiten sich rasant. Die Geschichte über die 13-jährige Russlanddeutsche - angeblich von Flüchtlingen vergewaltigt - ist so ein Fall. Solch haltlose Gerüchte will eine junge Leipzigerin mit der Webseite "Hoaxnet" widerlegen. Von Anna Corves

Anna Moll, eine Youtuberin, die für die Aktion #YouGeHa (Youtuber gegen Hass) ein Video gedreht hat (Quelle: dpa)

Aktion #YouGeHa gestartet - Youtuber machen Content gegen Hass

Das Internet kann mehr als Katzen und Hetzen – das beweisen rund 40 Videoblogger, die sich der Aktion "Youtuber gegen Hass" angeschlossen haben. Sie stellen Videos ins Netz, die sich mit Themen wie Einwanderung, Fremdenfeindlichkeit und dem Islam auseinandersetzen und Vorurteile aus dem Weg räumen wollen. Auch mehrere Berliner machen mit.