Hunderte von Russlanddeutschen demonstrieren gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 26.02.16 | Beitrag von Oliver Soos

Russlanddeutsche bei Anti-Flüchtlingsprotesten - "Im vierten Krebsstadium ist der Körper tolerant"

Immer wieder ziehen Teile der russischsprachigen Community durch die Straßen, um gegen Deutschlands Flüchtlingspolitik zu demonstrieren. Sie beklagen, das Leben in Deutschland sei nicht mehr sicher. Viele sind durch russisches Staatsfernsehen aufgeheizt. Ein Blick nach Marzahn. Von Oliver Soos

Am Wochenende wollen wieder Teile der russischsprachigen Community vor das Bundeskanzleramt ziehen, um gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik zu protestieren. Sie beklagen, dass das Leben in Deutschland nicht mehr sicher sei.

"Warum ich hierherkomme? Weil ich Angst um meine Enkelkinder habe. 15 Jahre lang wohne ich in Deutschland und ich hatte nie Angst. Das Land war sicher, sauber und ordentlich. Aber jetzt? Jetzt habe ich Angst, dass meine kleine Enkelin verschleppt und vergewaltigt wird. Was sollen die vielen jungen Männer hier? Warum ist das unserem Land egal?", sagt eine Frau.

Die "russischen Demonstrationen" gibt es seit Mitte Januar in mehreren deutschen Städten. Auslöser war der so genannte "Fall Lisa". Eigentlich ist längst klar geworden, dass das russisch-stämmige Mädchen aus Berlin-Marzahn nicht von Flüchtlingen vergewaltigt wurde, doch in der russisch-sprachigen Community gärt es weiter, die Wut auf Asylbewerber ist groß.

Die meisten russischsprachigen Menschen leben in Berlin

Demonstrationen vor dem Kanzleramt in Berlin, vor dem Kölner Hauptbahnhof, in den Innenstädten von Nürnberg, Kaiserslautern und Wetzlar. Überall sind radikale Statements zu hören. Meistens sind es nur wenige hundert Menschen. Sie tragen Russlandfahnen und Plakate mit Aufschriften, wie: "Unsere Kinder sind in Gefahr!" oder "Merkel muss weg!". "Wenn uns unsere Justiz und unsere Politiker nicht schützen können, dann machen wir das selber. Ich werde mich wehren", ist zu hören.

Die meisten russischsprachigen Menschen leben in Berlin. Schätzungen zufolge sind es rund 200.000. Darunter Russen, Ukrainer, Kaukasier, Kasachen, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und die so genannten Spätaussiedler, die Russlanddeutschen. Sie stellen die größte Gruppe dar.

Gut 20.000 Russlanddeutsche wohnen in Marzahn, in den Plattenbausiedlungen zwischen den S-Bahnhöfen Springpfuhl und Ahrensfelde. Hier haben sie russischsprachige Kindergärten eröffnet, sowie Kultur- und Sportvereine. Vor dem russischen Supermarkt in der Jan-Petersen-Straße sind am 18. Januar rund 200 Russlanddeutsche gegen Flüchtlinge auf die Straße gegangen - gemeinsam mit der NPD. Eine der ersten Demonstrationen nach dem Fall Lisa.

Geidel wird als "Verräter" und "Nestbeschmutzer" beschimpft

"Das waren mittunter ganz normale Leute, die ich in Vereinen kennengelernt habe, mit denen ich früher ein paar Worte gewechselt habe - die ansonsten keine großen politischen Ambitionen oder Überlegungen haben, die ehrlich geschockt waren von den Ereignissen und sich von den Emotionen haben mitreißen lassen", sagt Dmitri Geidel. Er war als Beobachter auf der Demonstration. Der 26-Jährige - russische Mutter, deutscher Vater - sitzt für die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf. Er hat versucht, mit den Demonstranten ins Gespräch zu kommen. "Da gab es scharfe Reaktionen, die ich persönlich nicht so erwartet hätte und die mir klargemacht haben, wie emotional das Thema war und wie mitgenommen die Leute waren", sagt er.

Dmitri Geidel (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Dmitri Geidel

Geidel hat versucht, den radikalen Anti-Flüchtlings-Parolen Argumente entgegenzusetzen, doch er wurde als "Verräter" und "Nestbeschmutzer" beschimpft. Die Community ist gespalten, sagt Geidel und erzählt von seinem engeren Freundeskreis. Die Jüngeren seien pro-europäisch eingestellt, so wie er. Die Älteren, ab 45, seien oft durch russische Staatsmedien beeinflusst. Diese suggerierten, dass Deutschland im Flüchtlingschaos versinke. Man stehe zwischen zwei völlig unterschiedlichen Sichtweisen und Systemen, so Geidel.  "Ich glaube, das ist auch eine Generationenfrage."

Geidel sieht bei vielen älteren Russlanddeutschen aber auch ein verletztes Ehrgefühl. "Es gibt Menschen, die sind hier angekommen, sehen aber den Umzug als persönlichen Verlust. Viele sind beleidigt, dass Russland in den letzten 25 Jahren schlecht behandelt wurde vom Westen. Viele Russen, die zu Recht stolz auf ihr Vaterland sind, nehmen das persönlich", so Geidel. 

Nicht alle Russlanddeutschen unterstützen die Demonstranten

"Viele sprechen von Aufmärschen nationalistischer Russen. Sie nennen uns Nazis. Uns, die Europa von den Nazis befreit haben! Einfach nur, weil wir für die Wahrheit einstehen. Toleranz? Was ist Toleranz? In diesem Wort steckt eine medizinische Bedeutung. Es ist die Unfähigkeit des Körpers, sich zu wehren. Im vierten Krebsstadium ist der Körper tolerant", ruft ein Russlandlanddeutscher während einer der Demonstrationen.

Weil diese radikalen Aussagen in den Medien für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben, lädt die "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland" Anfang Februar zu einer Pressekonferenz nach Berlin ein. Es ist der bundesweit größte Verband der Russlanddeutschen. Bundesvorstand Walter Gauks will klarstellen, dass nur eine kleine Minderheit an den Anti-Flüchtlingsprotesten teilgenommen hat und dass es dafür vom Verband keine Unterstützung gibt."Uns war wichtig einzuladen, weil wir in der letzten Zeit ganz stark vernommen haben, dass in den deutschen Medien eine Pauschalisierung bezüglich der Russlanddeutschen stattgefunden hat. Fakt ist auf jeden Fall, dass wir sofort mitgekriegt haben, dass bestimmte Gruppierungen versucht haben, rechtsradikales Gedankengut in die Community zu transportieren", so Gauks.

Heinrich Groth (Quelle: rbb Klartext)
Heinrich Groth, Vorsitzender des "Internationalen Konvents der Russlanddeutschen"

Sie haben ein düsteres Bild von Deutschland

Der Verband benennt die wichtigsten Akteure dieser Hetze: neben Pegida und Bärgida, seien das die Facebook-Plattform "Deutsch-Russische Bruderschaft" und die neu gegründete Aussiedlerpartei "Die Einheit", die im September bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl antreten will. Die Partei steht für eine verschärfte Abschiebepolitik und für ein härteres Strafsystem. All diese Gruppen hatten im Januar zur Demonstration vor dem Kanzleramt aufgerufen. Hauptorganisator dieser Veranstaltung war Heinrich Groth, der Vorsitzende des so genannten "Internationalen Konvents der Russlanddeutschen" - eine weitere Gruppierung, die nach eigenen Angaben 200 Mitglieder in Berlin hat.

Der Vorsitzende Heinrich Groth, ein 64-Jähriger mit gepflegtem Vollbart und dunklem Sakko, zeichnet mit ernster Miene ein düsteres Bild von Deutschland. Er spricht von einer schwachen Gesellschaft, die sich vor Überfremdung nicht retten kann. Bei sich und seinen Anhängern sieht Groth einen Mentalitätsvorteil. "Wir sind von Natur aus Deutsche. Aber wir haben viel von der russischen Mentalität angenommen. Dieses Hiesige: verlorener Krieg, Schuld, immer wieder weinen und klagen - das haben wir nicht. Für mich ist völlig klar: wenn man die Migrationspolitik nicht völlig ändert, dann ist Deutschland in 30-40 Jahren weg, als Staat und als Volk."

Am Wochenende will Heinrich Groth wieder versuchen, Russlanddeutsche für seine radikalen Ansichten zu gewinnen. Er hat eine weitere Demonstration vor dem Bundeskanzleramt angekündigt. Doch es ist fraglich, ob jetzt - vier Wochen nach der Aufklärung des Falls Lisa - wieder 700 Menschen kommen werden, wie beim ersten Mal.

Beitrag von Oliver Soos

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