Ulrike Bieritz im Gespräch mit Egon Bahr (Bild: rbb)
Audio: Inforadio | Mo 01.02.2016 | Vis à vis

Interview | Noch-Ministerin über Amtsantritt als HU-Präsidentin - "Fürs Umkrempeln bin ich nicht da"

Noch ist sie Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Zum Sommersemester wechselt Sabine Kunst als Präsidentin an die Humboldt-Universität in Berlin. Die Eliteuniversität gilt als "unregierbar". Welche Herausforderungen Kunst angehen will und was sie in Brandenburg erreicht hat - darüber spricht sie im Interview.

Frau Ministerin, Sie waren vom Wahlergebnis begeistert, fanden es überwältigend. Als einzige Kandidatin – was hätten Sie denn sonst erwartet?

Es war eine respektable Mehrheit. Die hätte ja nicht so deutlich sein müssen, um gewählt zu sein. Von daher hat es mich einfach gefreut, dass in der relativ kurzen Zeit, in der ich auch meine Kandidatur in der Humboldt-Universität vorbereiten konnte, am Ende eine doch große Mehrheit entstanden war.

Zwei Wochen ist das her. Haben Sie sich an den Gedanken gewöhnt, von Potsdam nach Berlin als Uni-Präsidentin zu wechseln?

Ja, ich habe mich daran gewöhnt. Und nachdem ich das jetzt auch durchsacken lassen habe, freue ich mich auch auf die neue Aufgabe.

Ihr Vorgänger Jan-Hendrik Olbertz hat das Handtuch geworfen. Was reizt Sie daran, die als schwer erziehbar geltende Humboldt-Universität zu führen? So eine Art Schlangengrube oder Dschungelcamp.

(lacht) Ich halte das letztendlich für eine Überhöhung und auch ein bisschen für etwas, das in den Medien sehr stark gehypt worden ist, über eine Uni zu sagen, sie sei unregierbar oder ein Dschungelcamp. Das sehe ich nicht so. Nach all dem, was ich erfahren habe, ist es - wie alle Universitäten - ein Kosmos mit vielen ausgeprägten Persönlichkeiten. Es gehört zur Humboldt, dass dort eine ausgeprägte Gremien- und Diskurskultur prägend ist. Und damit umzugehen ist herausfordernd, aber auch spannend. Insofern habe ich einfach einen anderen Blick darauf.

Steckbrief: Sabine Kunst

Die derzeitige Wissenschaftsministerin von Brandenburg, Sabine Kunst, wird künftig Präsidentin der Humboldt-Universität Berlin. (Bild: dpa)

Die bisherige Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg, Sabine Kunst (SPD), ist neue Präsidentin der Berliner Humboldt-Universität.  

  • geboren am 30. Dezember 1954 in Wesselburen, Schleswig-Holstein
  • von 1972 bis 1982 Studium an der Universität Hannover Biologie, Politologie und Wasserwirtschaft
  • 1982 Promotion in Ingenieurwesen, 1990 in Politologie
  • von 2010 bis 2011 erste Frau als Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes
  • von 2006 bis 2011 Präsidentin der Universität Potsdam
  • 2010 Auszeichnung als Hochschulmanagerin des Jahres
  • 2011 Berufung der parteilosen Wissenschaftlerin als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in die rot-rote Brandenburger Landesregierung
  • seit 2013 Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz
  • 2014 Eintritt in die SPD
  • Kunst ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Werder (Havel)

Wie hat man sich das eigentlich vorzustellen? Bekommt man einen Anruf: 'Wir suchen eine Präsidentin für die Universität. Hätten Sie nicht Lust?' Oder haben Sie den Finger gehoben?

Ich habe den Finger nicht gehoben, sondern es war tatsächlich so, dass die Humboldt in ihrem Bemühen, einen Präsidenten zu finden, nicht so schnell erfolgreich war. Sodass viele in Berlin sich bemüht haben, noch weitere Kandidaten oder geeignete Persönlichkeiten aufzufinden. Und bei diesen Suchbewegungen bin ich dann über verschiedene Kanäle angesprochen worden. Es war mir ganz wichtig, dass hier auch die, mit denen ich jetzt sehr gut zusammenarbeite – mir macht ja meine jetzige Arbeit als Ministerin auch Spaß – Verständnis haben und auch Verständnis hatten, überhaupt in Gespräche einzutreten, sodass das die Vorbedingung war, dass ich mich dem genähert habe. 

Was reizt sie, das Ministeramt aufzugeben? Man stellt sich ja so landläufig vor: Minister Ministerin - das ist etwas. Und dann wird man Präsidentin einer Uni.

Ministerin zu sein ist auch eine tolle Sache. Also wenn Sie jetzt auf die Vergangenheit schauen, so ist es mir eine große Freude, dass ich in Brandenburg gelandet bin. Es war eine meiner besten Lebensentscheidungen, hierher zu gehen. Und ich bin einfach auch beschenkt dadurch, dass ich hier in die Landesregierung eintreten konnte. Denn natürlich ist der Gestaltungsraum ein größerer als jetzt als Universitätspräsidentin. Gleichwohl, das eine wie das andere sind einfach schöne Aufgaben. Man kann das auch nicht miteinander vergleichen, sondern es sind ganz unterschiedliche Arbeitsweisen und Arbeitsstile. Und mir macht es eben auch Spaß, erneut einen Perspektivenwechsel zu machen und den dann auch auszugestalten.

Sie haben Erfahrungen als Unipräsidentin in Potsdam sammeln können und natürlich als Ministerin. Was braucht man, um Präsidentin einer Uni zu sein?

Man braucht eine ausgeprägte Fähigkeit zuzuhören. Zuzuhören und daraus zu destillieren, was die wesentlichen Kerne sind und sie miteinander verbinden. Also verschiedenste Positionen zu hören, eine Vorstellung zu haben, wo die Gesamtinstitution hingehen könnte und das in Verbindung zu bringen mit dem, was die Universität tatsächlich will.

Sie werden sicherlich nicht schon ein komplettes Programm haben, wie Sie die Humboldt-Uni umkrempeln werden. Aber Sie werden sicher einige Topthemen haben, auf die es Ihnen ganz besonders ankommt. Welche sind das?

Fürs Umkrempeln bin ich gar nicht da. Sondern es geht mir darum, als Helferin und auch Richtungsgeberin dort, wo es nötig ist, an einer Universität zu wirken. Denn für eine Universität können Sie die Profilierung nur dann nach außen gut vermitteln, wenn es im Inneren getragen ist. Sodass gerade das Ausbalancieren dieser Dinge etwas ist, was mir vorschwebt. Von den Hauptthemata, die drängen, möchte ich drei ansprechen. Es schallt ja von allen Fluren, dass die Exzellenzinitiative 2017 ausläuft und neu beginnen wird, sodass die Humboldt-Universität sich neu in den Wettbewerb begibt. Das ist ganz wichtig für die Universität, dabei erfolgreich zu sein. Es ist wichtig, dass das, was das Brot- und Buttergeschäft einer Universität ist, für die Studierenden da zu sein, auch in der Zukunft gut laufen kann. Dafür braucht man ausreichend finanzielle Ressourcen. Die sind in Berlin demnächst neu zu verhandeln, sodass die Humboldt Universität gut platziert sein muss in den neuen Verhandlungsrunden um eine Grundfinanzierung. Und mir ist wichtig, dass sich die Universität auch ihrer Rolle in der Gesellschaft nochmal neu bewusst wird. Und das, was aktuell aufkommt, sei es jetzt die Integration von denen, die neu ins Land kommen, oder auch die Fähigkeit mit Institutionen außerhalb der Universität zusammenzuarbeiten, Stichwort Humboldt-Forum oder Kooperation mit der Charité.

So jetzt habe ich drei aufgezählt. Last but not least: Für Berlin und insgesamt die Wissenschaftsregion ist das Stärken von Kooperationen über den eigenen Tellerrand hinaus essentiell, um konkurrenzfähig zu sein.

Nach fünf Jahren als Brandenburger Wissenschaftsministerin: Was steht auf ihrer Haben-Seite? Sicher nicht nur die nicht ganz geräuschlose Fusion von BTU Cottbus und Hochschule Lausitz.

Nein, da gibt es vieles. Es ist gelungen, gemeinsam mit dem Parlament die Finanzierung der Brandenburgischen Universitäten zu konsolidieren und tatsächlich über Legislaturen hinweg zu Hochschulverträgen zu kommen. Die jetzige Koalition hat sehr viel mehr an Ressourcen herausgetan. Es ist – um jetzt den Bereich der Hochschulen zu verlassen – in dem Wirkungsfeld für die Kulturinstitutionen eine kulturpolitische Strategie entwickelt worden, die jetzt, zumindest in den Grundlinien, noch ihren Abschluss und weitere Vervollkommnung findet in einer Kulturkonzeption, die verbunden wird mit der jetzt anstehenden Kreisgebietsreform. Zielstellung ist für die Brandenburgische Landesregierung die Vielfalt der Kultur in Brandenburg abzusichern. 

Muss sich Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen warm anziehen, wenn ihm Frau Kunst gegenübersitzt?

Ich bin ja bekannt, als, glaube ich, freundlicher Mensch, sodass – 'warm anziehen' glaube ich nicht der richtige Begriff ist. Aber es macht mir auch Spaß zu vermitteln, wofür welche Ressourcen dann auch nötig sind. Und ich bin bisher auch immer eine Garantin dafür gewesen, dass auch die Lieferung kommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kunst.

Das Interview führte Thomas Prinzler (Inforadio)

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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