Ein Obdachloser bekommt in der Berliner Stadtmission etwas zu Essen (Quelle: dpa)

Sozialbericht des Statistikamts - Fast jeder Siebte in der Region von Armut bedroht

Niedriger Bildungsstand, lange Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund: Diese und andere Faktoren erhöhen die Gefahr, in die Armut abzurutschen. Mehr als 14 Prozent der Berliner und mehr als 13 Prozent der Brandenburger sind davon bedroht. Traurige Spitzenreiter sind der Berliner Bezirk Neukölln und Frankfurt (Oder).

In Berlin und Brandenburg sind mehr Menschen von Armut bedroht als in vielen anderen Bundesländern. In Berlin war 2014 jeder Siebte (14,1 Prozent) von Armut bedroht. In Brandenburg lebten 13,4 Prozent der Bevölkerung mit dem Risiko, in die Armut abzugleiten. Als Indikator für die Schwelle zur Armut dient das Einkommen, in Berlin liegt die Schwelle bei 841 Euro, in Brandenburg bei 848 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt.

Die Zahlen zur Armutsgefährdung der Menschen, die in der Hauptstadtregion leben, wurden am Donnerstag vom Landesamt für Statistik Berlin-Brandenburg vorgestellt. Bereits der letzte Sozialbericht des Statistikamts hatte gezeigt, dass in Berlin und Brandenburg rund jeder Siebte von Armut bedroht ist. Die Quote der armutsgefährdeten Bevölkerung ist in den letzten drei Berichtsjahren in beiden Ländern leicht gesunken – um jeweils etwa einen Prozentpunkt.

Allerdings hat Brandenburg seit 1996 insgesamt einen Anstieg von etwa 3 Prozent zu verzeichnen. Den Grund dafür, dass gerade in Brandenburg alle Geschlechter und Altersklassen von einer Erhöhung der Armutsgefährdung betroffen sind, sieht das Statistikamt in der durch die "Wiedervereinigung ausgelösten wachsenden Ungleichverteilung der Einkommen".

Einkommensarmut nach Brandenburger Kreisen und Kreisfreien Städten (Quelle: rbb)
Grafik: Armutsgefährdungsquoten nach Region in den Jahren 1996-2014 (Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg)

Neukölln ist Bezirk mit höchstem Armutsrisiko

Den höchsten Anteil an armutsgefährdeten Einwohnern hatte 2014 in Berlin Neukölln mit 21,5 Prozent. Ricarda Nauenburg vom Amt für Statistik bezeichnete den Bezirk als "Sorgenkind", dicht  gefolgt von Spandau (18,5 %), der sich leider durch eine negative Entwicklung hervorgetan habe. Mitte, beziehungsweise Friedrichshain-Kreuzberg landeten mit jeweils 18,5 Prozent dahinter. Am anderen Ende der Skala stand Pankow mit einem geringen Anteil an von Armut Bedrohten (6,9 %), den Bezirk im Berliner Norden hob Nauenburg als "Musterschüler" hervor.

In Brandenburg führt die kreisfreie Stadt Frankfurt (Oder) die Liste mit den meisten armutsgefährdeten Einwohnern an. Hier sind 23,3 Prozent von Armut bedroht. Auch in der Prignitz (21 %) ist der Wert hoch. Unterhalb von zehn Prozent liegt  die Quote unter anderem in den Landkreisen Havelland (6,8 Prozent) und Potsdam-Mittelmark (8,7 Prozent).

Bei den Gründen für die Armutsgefährdung in der Region sieht das Statistikamt vor allem Langzeitarbeitslosigkeit, schlechte Qualifizierung oder auch den Migrationshintergrund der Menschen als gewichtig an, auch das Alter spielt eine Rolle. Die oft befürchtete Zunahme der Altersarmut dagegen lasse sich allerdings weder für Berlin noch Brandenburg erkennen: Nur 6,7 Prozent der Berliner im Rentenalter seien von Armut bedroht, dagegen 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre. Auch in Brandenburg sind Kinder (17,1 Prozent) überdurchschnittlich oft von Armut bedroht, Brandenburger Rentner mit 8,2 Prozent sind die deutlich weniger.

Einkommensarmut nach Berliner Bezirken (Quelle: rbb)

Ein Drittel der Brandenburger Langzeitarbeitslosen gefährdet

Überdurchschnittlich gefährdet sind Langzeitarbeitslose und ihre Haushalte – in beiden Bundesländern: In Berlin mehr als die Hälfte der Langzeiterwerbslosen (51,9 Prozent), in Brandenburg sogar ein Drittel (66,9 Prozent). Dabei trifft das Risiko Männer stärker als Frauen, besonders in Brandenburg ist der Unterschied der Geschlechter (12 Prozent) hier deutlich ausgeprägt. Seit 1996 hat sich in Brandenburg das Armutsrisiko für Langzeiterwerbslose verdoppelt.

Auch mit dem Bildungsabschluss korreliert die Armutsgefährdung. Ein Drittel der Berliner (33,9 %) mit niedrigem Abschluss sind betroffen – im Vergleich: Nur 6,4 Prozent der Berliner mit hohem Abschluss sind armutsgefährdet. In Brandenburg liegt der Wert bei 43,9 Prozent, gegenüber einem Armutsrisiko von lediglich 5,4 Prozent bei Menschen mit hohem Abschluss.

Beim Armutsrisiko für Menschen mit Migrationshintergrund weichen die Zahlen sehr stark vom Landesdurchschnitt ab: Menschen mit Migrationshintergrund haben in Berlin ein mehr als doppelt so hohes Risiko (25,9 Prozent), in die Armut zu gleiten, wie Menschen ohne (9,8 %). In Brandenburg ist das Armutsrisiko fast drei Mal so hoch, wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund.

Erklärt: Armut, Armutsgefährdung und Armutsrisikoquote

Arme Menschen sind nicht nur diejenigen, die auf der Straße leben, am Existenzminimum. Armut bedeutet bei uns auch, nicht in der Lage zu sein, an der Gesellschaft teilzuhaben und ist durch fehlende soziale Integration gekennzeichnet. Grund dafür ist oft materielle Armut, daher ist das landesspezifische Erwerbseinkommen Indikator für die Armutsgefährdung.

Zu den Armutsgefährdeten zählen Personen, deren Äquivalenzeinkommen unterhalb von 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens liegt. Dieser Wert wird auch als Armutsgefährdungsschwelle bezeichnet. Zum Vergleich: bei Personen, deren Einkommen unterhalb von 40 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens spricht man bereits von "strenger Armut", bei 70 Prozent von "Armutsnähe". Als Armutsrisikoquote wird der Anteil der armutsgefährdeten Personen an der Gesamtbevölkerung bezeichnet.

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