Nedime Sinanaj (Quelle: rbb)

Vorurteile gegen Ausländer - Die Stimmung ist spürbar angespannt

Seit immer mehr Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause nach Deutschland kommen, wird über die deutsche Identität wieder heftig debattiert. Die zwei jungen Berliner Altan und Nedime erzählen, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden, obwohl man längst dazugehört. Und wie sie selbst mit Fremden umgehen. Von Felix Krüger und Annika Klügel

Altan Guevens Kiez ist Neukölln. Seine Sprache: deutsch. Trotzdem muss er seine Identität als Deutscher immer wieder verteidigen. "Ich bin gar nicht anders als andere und so möchte ich auch wahrgenommen werden", sagt der 31-Jährige.

Altan Gueven (Quelle: rbb)
Altan: "Dass man immer als fremd wahrgenommen wird, obwohl man hier lebt, das geht schon manchmal auf die Nerven. Obwohl ich weiß, ich bin nicht anders, ich bin genauso - und dennoch: es trifft mich und macht mich traurig."

Seine Eltern kamen in den 70er Jahren als Gastarbeiter vom Schwarzen Meer nach Berlin, er selbst ist hier geboren und aufgewachsen. Seinen "Migrationshintergrund" sieht er positiv. Er habe dadurch mehr Gemeinsamkeiten mit anderen. "Auch mit all denen, die nicht schon immer hier vor Ort waren." Deshalb hat Altan auch großes Verständnis für die Menschen, die jetzt neu nach Deutschland kommen. Jeder dieser Fremden habe seine eigene Geschichte zu erzählen.

Sensibel reagiert er auf bestimmte Begrifflichkeiten in der Migrationsdebatte. Das Wort Flüchtling findet er verharmlosend. Schließlich kämen die Geflüchteten ja nicht aus Jux und Tollerei hierher. Mit der Forderung nach Integration kann der 31-Jährige wenig anfangen. "Bin ich nicht integriert? Teile ich nicht dieselbe Sprache, dieselben Werte, dieselben Pflichten?", fragt er und schiebt hinterher: "Doch. Ich bin Teil des Ganzen, genau wie jeder andere."

Früher die Gastarbeiter, jetzt die Flüchtlinge

Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, findet, dass in Deutschland viele Vorurteile bereits verschwunden sind. Die deutsche Gesellschaft sei zwar noch weit entfernt von einer bedingungslosen Willkommenskultur, aber sie habe sich weiterentwickelt.

Integration vollziehe sich in konzentrischen Kreisen: Wenn neue Fremde kommen, wie jetzt die Geflüchteten, dann würden die "alten" Fremden besser integriert. Den Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren seien die "Biodeutschen" mit den gleichen Vorurteilen begegnet, wie jetzt den Syrern und Afghanen, sagt Kaschuba.

"Vielleicht wissen es die anderen nicht besser."

Doch im Alltag erleben es viele Berliner mit Migrationshintergrund genau anders herum: Die Vorurteile gegen die Flüchtlinge verändern auch die Stimmung gegenüber denen, die hier schon sehr lange leben oder hier geboren sind. Dieses Gefühl kennt auch Nedime Sinanaj. Die 18-jährige Berlinerin hat kosovarische Wurzeln und trägt Kopftuch. Ihre Familie kam während des Balkan-Kriegs aus dem Kosovo nach Berlin und hat in Deutschland eine neue Heimat gefunden.

Dass die Stimmung in der Gesellschaft spürbar angespannt ist, das empfindet auch Nedime so. Aber sie lässt sich davon nicht verunsichern. Bestimmte Orte in Berlin oder Brandenburg aus Angst zu meiden, weil sie dort schief angeschaut wird, das sei ihr bisher noch nie in den Sinn gekommen. "Ich gehe hin, wo ich hin muss und möchte", sagt sie selbstbewusst. Täglich fährt sie zum Campus ihrer Universität in Hohenschönhausen. Noch nie sei sie dort negativ angemacht worden. Abschätzige Blicke kennt sie zwar, aber jeder Mensch bekomme ab und zu Blicke zugeworfen. Ihre Strategie: Die Vorurteile nicht persönlich nehmen und ihrem Gegenüber trotzdem freundlich begegnen. "Vielleicht wissen es die anderen nicht besser", sagt sie.

Nedime Sinanaj (Quelle: rbb)
Nedime über den Umgang mit dem Fremden: "Es gibt eine albanische Spezialität, die mein Bruder nicht kannte. Seine erste Reaktion: Schmeckt mir nicht. Und dann, als er es probiert hatte, hat es ihm geschmeckt. Man muss einfach mal in das Fremde hineinschnuppern. Erst dann kann man sich ein eigenes Bild machen."

In das Fremde hineinschnuppern

Nicht jedem Menschen gelingt es, Vorurteilen gegen die eigene Person so positiv zu begegnen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Vorurteile eine negative Wirkung auf das Selbstbewusstsein der Betroffenen haben. Wenn ein Mensch damit rechnet, dass andere ihm Vorurteile entgegenbringen, dann fühlt er sich blockiert, haben Sozialpsychologen herausgefunden.

Jeder hat Vorurteile sagt Nedime. Und auch ihr selbst macht Fremdes oft erst mal Angst. Aber dann müsse man sich der Angst eben stellen und die eigenen Vorurteile hinterfragen. Und einfach mal "in das Fremde hineinschnuppern".

Beitrag von Felix Krüger und Annika Klügel

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