Eine Frau sitzt in einem Frauenhaus am Fenster (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 06.03.2016 | Anja Herr

Grüne fordern siebtes Haus - Berliner Frauenhäuser leiden unter Platzmangel

Sechs Frauenhäuser gibt es in Berlin - doch das reicht offenbar nicht aus. Mehr als 500 Frauen wurden nach rbb-Informationen im letzten Jahr abgewiesen, weil alle Plätze belegt waren. Die Grünen drängen nun auf ein siebtes Frauenhaus. Doch Integrationssenatorin Kolat setzt auf ein anderes Konzept.

Die Grünen in Berlin fordern, die Einrichtung eines siebten Frauenhauses in Berlin zu prüfen. "Die
Fraueninfrastruktur ist mit den täglich ankommenden geflüchteten Frauen überlastet", teilte Anja Kofbinger, frauenpolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende, am Montag mit. Das liege daran, dass die Frauenhäuser schon vorher "zu fast 100 Prozent" ausgelastet waren und teilweise Frauen abweisen mussten.

Das bestätigte auch Heike Ritterbusch, Leiterin des Frauenhauses Cocon, am Sonntag der rbb-Abendschau. "In unserem Haus ist an 75 bis 119 Tagen in den letzten drei Jahren kein Platz frei gewesen", sagte sie. In den anderen Frauenhäusern sei die Lage genauso. Nach Informationen der rbb-Abendschau konnte die "Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen" (BIG e.V.) allein im letzten Jahr 556 Frauen und 759 Kindern aus Kapazitätsgründen keinen Platz in Frauenhäusern anbieten.

Kofbinger kritisierte, der Berliner Senat mit Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) habe für eine Verbesserung der Situation in dieser Legislaturperiode "für Frauen faktisch nichts getan". "Senatorin Kolat hat bislang nichts unternommen, um Antworten auf die Herausforderungen der wachsenden Stadt zu finden oder um auf die stark gestiegene Zahl geflüchteter Frauen zu reagieren."

"Bundesweit auf Platz zwei"

Kolat (SPD) wies diese Kritik in der rbb-Abendschau zurück: "Alle anderen Bundesländer schauen auf Berlin, weil wir bundesweit in der finanziellen Ausstattung auf Platz zwei liegen." In den letzten Jahren sei das Hilfesystem weiter ausgebaut worden. Kolat wies auch darauf hin, dass das neue Konzept der sogenannten "Zweite-Stufe-Wohnungen" mehr freie Plätze für Notfälle in Frauenhäusern schaffe.

Mit diesem Projekt soll Frauen geholfen werden, schneller aus Frauenhäusern in eigene Wohnungen umzuziehen. Bisher belegen sie oft Monate einen Platz im Frauenhaus, weil günstige Mietwohnungen schwer zu finden sind. "Das besondere an diesen Zweite-Stufe-Wohnungen ist, dass die Frauen schnell aus Frauenhäusern raus können - sie bekommen aber auch eine Begleitung", sagte Kolat. Momentan sind 22 Wohnungen im Rahmen dieses Projektes eingerichtet oder geplant.

Im aktuellen Haushalt wurden zudem die Ausgaben für den Anti-Gewalt-Bereich von 6,8 Millionen Euro auf 7,6 Millionen Euro erhöht. Diese Gelder stehen allerdings nicht ausschließlich dem Bereich schutzbedürftige Frauen zur Verfügung.

Grüne wollen Mittel deutlich aufstocken

Die Grünen wollen nun über den parlamentarischen Weg weitergehende Maßnahmen für den Frauenschutz durchsetzen. So solle die Anzahl der Wohnungen, die von den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung gestellt würden, von 22 auf 50 erhöht werden, forderte Kofbinger.
     
Die Zuwendungen für die Träger der Frauenhäuser und Frauenzufluchtswohnungen müssten um 25 Prozent steigen. "Zudem muss über die Gründung und Ausstattung eines 7. Frauenhauses nachgedacht werden, um den eklatanten Mangel der letzten Jahre endlich zu beenden."

Jede dritte Frau Opfer von Gewalt

In Berlin wurde vor vierzig Jahren das erste Frauenhaus gegründet, als Schutzeinrichtung für Frauen und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Das 1976 in Berlin-Grunewald eingerichtete Haus ist mittlerweile geschlossen. Dafür existieren an sechs anderen Standorten vom Land finanzierte Frauenhäuser, in denen Betroffene unterkommen können und Hilfe erhalten. Dazu gehört auch Beratung durch Psychologen, das Jugendamt oder Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche.

Nach einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte haben bundesweit 35 Prozent aller Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Betroffen sind Frauen aller Schichten und Bildungsniveaus. Bundesweit finden rund 20.000 Frauen im Jahr in Frauenhäusern Schutz.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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