Ein Mitarbeiter hält eine Tablette vor die Kameralinse (Quelle: dpa)

Bericht der Charité über klinische DDR-Arzneimittelforschung - Für Medikamententests gab es keine innerdeutsche Grenze

Hat die DDR ihre Bürger gegen Devisen verkauft - als billige Testobjekte für westliche Pharma-Unternehmen? Forscher der Charité haben dieses Thema intensiv untersucht. Sie fanden heraus: Es hat deutlich mehr Medikamententests gegeben als bisher bekannt. Einige Fragen bleiben allerdings offen. Von Sabine Jauer

Herz- und Kreislaufmittel, Krebsmedikamente und Psychopharmaka: In der DDR hat es etwa 900 klinische Arzneimittelstudien westlicher Pharmafirmen gegeben - das ist weit mehr als bislang bekannt. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht eines Forschungsprojekts des Instituts für Medizingeschichte der Charité, der am Dienstag vorgestellt wurde. Die meisten Testreihen fanden an Universitätskliniken, wie der Charité und der Akademie der Wissenschaften in Berlin, der Wilhelm-Pieck Universität in Rostock  oder der Medizinischen Akademie Dresden statt. Aber auch Bezirkskrankenhäuser fungierten als Prüfzentren.

Drei Jahre lang haben Forscher der Berliner Charité sich durch Unterlagen von Behörden, Krankenhäuser und Pharmaunternehmen durchgearbeitet. Auslöser für dieses Forschungsprojekt waren Berichte über die "günstige Medikamenten-Teststrecke DDR", die damals für erhebliche Diskussionen gesorgt hatten. Dringend Zeit also, sich einen systematischen Überblick über alle Auftragsstudien in der DDR von 1961 bis 1990 zu verschaffen, sagt Volker Hess, Leiter der Studie.

DDR-System ermöglichte reibungslosen Ablauf

Das Projekt wurde zum Großteil vom Innenministerium und der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur finanziert, aber auch Bundesärztekammer und die Pharmaindustrie beteiligten sich.
Das Gesundheitssystem der DDR war für westliche Pharma-Unternehmen ein "Geschenk des Himmels", zu diesem Schluss kommt Volker Hess. Die zentralstaatliche Vergabe, Organisation und Durchführung brachte jede Menge Vorteile für Pharmafirmen, egal ob Boehringer-Mannheim, Bayer, Hoechst, Schering oder Ciba Geigy. Es sei einfach schneller gegangen, Studienzentren und Patienten zu rekrutieren und die Unterlagen am Ende einzusammeln, sagt Hess. "Der Gewinn liegt eigentlich in der Verkürzung der klinischen Testphase, die es erlaubt ein Präparat schneller auf den Markt zu bringen - als wenn man im Westen mit 30 eigensinnigen Chefärzten verhandeln muss."

"Immaterieller Export" entsprach den Standards

Besonders wenn Studien in Zeitnot gerieten, gingen die Firmen in die DDR. Im Ostberliner Beratungsbüro drückten sich Vertreter der Pharmabranche aus der Bundesrepublik, aber auch aus der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und den USA die Klinke in die Hand. Die Forscher haben in den Unterlagen von Behörden, Krankenhäusern und Pharmaunternehmen Hinweise auf insgesamt 900 Studien gefunden, über 300 davon gut dokumentiert. Ergänzt durch Gespräche mit Zeitzeugen, wie Prüfärzten und Pharmakologen. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Studien - zwar im größeren Umfang als gedacht stattfanden - aber Teil einer regulären klinischen Forschung gewesen seien, sagt Studienleiter Volker Hess. Teil einer größeren multinationalen Testung von Arzneimitteln, die im Westen wie im Osten nach den gleichen Standards vorgenommen wurde: "Das heißt der Tenor, der vor drei Jahren diskutierten wurde, dass im Osten etwas Irreguläres stattgefunden hat, kann man nicht halten."

 

Dieser "Immaterielle Export", wie das Geschäft hieß, das von der Staatssicherheit intensiv begleitet wurde, sei Ausdruck der engen Verbindungen von Medizin und Pharmazie gewesen zwischen beiden deutschen Staaten, die auch durch den Mauerbau nicht unterbrochen worden seien.

Gab es immer eine Einverständniserklärung?

Längst nicht alle Fragen sind beantwortet. Da die Einverständniserklärungen nur anonymisiert und listenförmig vorliegen, bleibt zum Beispiel offen, ob die Probanden tatsächlich immer aufgeklärt wurden und - wie vorgeschrieben - ihre Einwilligung gaben. Da wäre es gut gewesen, die Erfahrungen damaliger Patienten zu kennen. Doch trotz Aufruf haben sich nur wenige bei den Forschern gemeldet, in keinem Fall konnte jemand einer stattgefundenen Studie zugeordnet werden.

Schwierig gestaltete sich auch die Recherche in den Firmen-Unterlagen. Nur wenige Unternehmen gewährten bisher Einblick, oft auch nur in vorsortierte Unterlagen. Nur sechs von insgesamt 120 Auftraggebern hätten ihre Archive geöffnet, nur ein "ein Bruchteil der Unterlagen", sagt Carola Sachse, die Sprecherin des Wissenschaftlichen Beirats, der das Forschungsprojekt begleitet. Sie mahnt deshalb mehr Transparenz an. "Da ist noch sehr Material bei den Firmenakten zu holen. Auch in den Krankenhausakten, die man als Gegendarstellung gerne hätte und in denen mehr steht als in den bereinigten Studienakten."

Fest steht nach dieser Studie jedenfalls, dass ein Großteil der Medikamente, die in der Bundesrepublik auf den Markt kamen, zuvor auch in der DDR getestet worden waren. An Probanden, die dieses Medikament später in der DDR nicht erhalten konnten.

Beitrag von Sabine Jauer

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