Der heimatschein von Ada Cornelia aus dem Hause Reichhelm (Quelle: rbb/Amelie Ernst)
Audio: Inforadio | Nahaufnahme | 04.03.2016 | Amelie Ernst

Brandenburgerin lebt im "Freistaat Preußen" - "Die BRD GmbH ist ein Verwaltungsapparat der Alliierten"

Sie hat ihren Personalausweis beim Einwohnermeldeamt zurückgegeben und unterschreibt mit verändertem Namen: Cornelia Reichhelm lebt heute wieder im Freistaat Preußen. Die Bundesrepublik lehnt sie ab, dafür erkennt sie die preußische Verfassung von 1920 an. Mit Bürgern wie ihr haben Behörden so manche Nuss zu knacken. Von Amelie Ernst

Cornelia Reichhelm heißt jetzt anders. Ihre Briefe, E-Mails und Formulare unterschreibt sie jetzt mit "Ada Cornelia aus der Familie Reichhelm". Das sei die Bezeichnung, die in Preußen Anfang des 20. Jahrhunderts üblich gewesen sei, sagt sie, und schließlich lebt Cornelia Reichhelm heute wieder im Freistaat Preußen. Ein Staat, den sie als fortschrittlich und sehr human lobt. "Preußen war ja auch Unterzeichner der Menschenrechtskonvention. Das Deutsche Reich hatte sich 1871 gegründet und einen unwahrscheinlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, sodass es im Prinzip im Deutschen Reich keine Armut gab."   

Ada Cornelia Reichhelm (Quelle: rbb/Amelie Ernst)
Als Reichsbürgerin oder Nazi sieht Cornelia Reichhelm sich nicht

Die 53-Jährige Brandenburgerin weiß schon, dass de facto derzeit die Bundesrepublik Deutschland als Staat agiert. Trotzdem gilt für sie noch immer die preußische Verfassung von 1920. Sie und ihre Mitstreiter bauen den Freistaat Preußen wieder auf, mit eigener Regierung, mit Provinzverwaltungen und eigenen Ausweispapieren. Die BRD existiert für Reichhelm eigentlich nicht: "Man kann das vielleicht so sagen: Das ist das Staatsangehörigkeitsgebiet von Preußen, das überlagert ist durch die BRD-Verwaltung."

Den preußischen Staat wieder aufbauen

Zuhause bei Cornelia Reichhelm und ihrem Mann erinnert erstmal kaum etwas an Preußen: ein freundlich-hellorange gestrichenes Einfamilienhaus am Rande des Spreewaldes; auch drinnen viel Farbe, an den Wänden selbstgemalte Blumen-Bilder. Mit Militarismus und Uniformen habe sie nichts am Hut, sagt Reichhelm. Ihr geht es um das Recht und darum, dass die BRD als Staat nicht existiert. "Wir wollen unsere Verwaltung aufbauen, unseren völkerrechtlich konformen Staat aufbauen, wo die Würde des Menschen unantastbar ist - das macht die BRD nicht, die BRD ist ein reines Firmenrecht, wir sind nur im Handelsrecht." Diese Ziele gefielen der BRD natürlich nicht, wie Reichhelm feststellt. Dabei gehe es ihr und ihren Mitstreitern nicht darum, etwas lahmzulegen, sondern einen Staat wieder aufzubauen.

"Die BRD muss uns versorgen, das beruht ja sogar auf den Menschenrechtskonventionen, auf den Behindertenrechtskonventionen. Die müssten mir eigentlich mehr geben. Von 307 Euro kann ich nicht leben. Wir sind in einem Kriegsgefangenenlager. Andererseits darf die BRD aber nicht in mein Haus kommen und mein Haus plündern. Das ist verboten!"

Cornelia Reichhelm

Genau deshalb sind Cornelia Reichhelm und ihre Mitstreiter im Freistaat Preußen auch ein Thema für den Brandenburger Verfassungsschutz. Der beobachtet den Freistaat seit drei Jahren intensiver, denn seitdem befinde der sich nach eigenen Angaben in der "Reorganisation", sagt Michael Hüllen, der zuständige Referent im Brandenburger Innenministerium.

Cornelia Reichhelms "Freistaat" gehöre zu den Reichsbürgern, weil mit den gleichen Argumenten gearbeitet werde: Deutschland sei nicht souverän, das Deutsche Reich existiere fort, man sei immer noch unter alliierter Besatzung, die Bundesrepublik sei eine GmbH. "Diese Argumentation haben alle diesen Gruppen natürlich drauf, vermitteln sie in Seminaren und tragen sie an Interessierte weiter," sagt Hüllen.

Sie eine Reichsbürgerin? Oder gar Nazi? Cornelia Reichhelm winkt ab: Für sie historischer Unsinn. Preußen sei bereits 1932 gewaltsam von den Nazis einverleibt, sagt sie, da "distanzieren wir uns natürlich von den Nazis und dem Dritten Reich. Dazu gehören wir Preußen definitiv nicht."

Bloß nicht mit Reichsbürgern diskutieren

Ob Preuße oder Reichsbürger, manch einem sei gar nicht klar, dass er rechte Argumentationen verfolge, meint Dirk Wilking vom Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung. Er hat kürzlich ein Handbuch herausgegeben, gedacht vor allem für die Behörden im Land. Denn viele Reichsbürger versuchten diese mit permanentem Schriftverkehr und Verweis auf ungültige BRD-Gesetze lahmzulegen. Darin rät Wilking zu kurzen, knackigen Ansagen - bloß nicht diskutieren. "In dem Moment, in dem man sich darauf einlässt zu diskutieren, dass es die Bundesrepublik sehr wohl gibt, tritt man eine Lawine los, die man nicht mehr los wird," sagt Wilking.

Das heißt etwa bei unbezahlten Steuern immer wieder mahnen, bis hin zur Zwangsvollstreckung. Deshalb haben es auch Gerichte und Gerichtsvollzieher immer öfter mit Reichsbürgern zu tun. Entweder sie reagierten gar nicht auf Bescheide oder ganz massiv, erzählt der Potsdamer Gerichtsvollzieher Frank Bender. "Da kommt immer eine ganze Paragrafenkette angesaust. Warum man kein Beamter sei und so weiter.“ Zum Teil fielen die Reaktionen wahnhaft aus, dies führe zu Radikalisierungen und auch Bedrohungen, sagt Bender. "Das führt dazu, dass ich die Polizei in Anspruch nehmen muss, weil ich alleine nicht weiter weiß."

Der Staatsangehörigkeitsausweis und der Heimatschein von Ada Cornelia Reichhelm (Quelle: rbb/Amelie Ernst)
"Ausweis" und "Heimatschein" von Cornelia Reichhelm

BRD-Personalausweis zurückgegeben

Renitenz, Drohungen und auch verurteilt wurde Bender schon vom Reichsgericht, inklusive zehnseitigem Strafbefehl über 2,5 Millionen D-Mark. Unterschrieben von einer Richterin und sofort zahlungspflichtig, mit Siegel und Adler-Stempel - eng angelehnt an alte Reichswappen.

Auch auf Cornelia Reichhelms neuen, preußischen Staatsangehörigkeitsausweis prangen Wappen und Stempel mit Adler. Den BRD-Personalausweis hat sie vor einem Jahr an das Einwohnermeldeamt zurückgegeben, Reisepass und Führerschein ebenso. "Wir wurden aus dem Register abgemeldet und sind nicht mehr registriert als BRD-Personal. Wir leben offiziell als Preußen und haben jetzt wirklich die preußische Staatsangehörigkeit", sagt Reichhelm.

Angesichts solcher Aktionen fragen sich nicht nur Behördenmitarbeiter: Sind Preußen und Reichsbürger nun Geschichtsfanatiker, gefährliche Rechtsextreme, Saboteure? Oder doch eher ein Fall für die Psychiatrie? Meist von allem etwas, meint Michael Hüllen vom Brandenburger Verfassungsschutz. Viele Reichsbürger fühlten sich abgehängt im Vereinigungsprozess, es gebe auch Menschen mit persönlichen Schicksalsschlägen oder finanzielle Probleme. Manche betrieben in dieser Szene das Ganze auch als Masche, um Bußgelder oder Steuern abzuwehren.

"BRD GmbH als Verwaltungsapparat der Alliierten"

Cornelia Reichhelm hat nach der Wende jahrelang für ihre Anerkennung als DDR-Dopingopfer gekämpft und erst im vergangenen Sommer eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente von 307 Euro erstritten. Die ihr als Preußin zu zahlen, das sei wiederum die Pflicht der BRD GmbH als Verwaltungsapparat der Alliierten, sagt Reichhelm. "Die BRD muss uns versorgen, das beruht ja sogar auf den Menschenrechtskonventionen, auf den Behindertenrechtskonventionen. Die müssten mir eigentlich mehr geben." Von 307 Euro könne sie nicht leben, sagt Reichhelm, sie fühle sich wie in einem Kriegsgefangenenlager. Ihr Haus dürfe die BRD wiederum nicht betreten, das sei Plünderung und verboten.  

Deshalb will Cornelia Reichhelm auch künftig Bescheiden widersprechen und bestimmte Steuern nur unter Vorbehalt zahlen. In wenigen Jahren, nach der Reorganisation Preußens, müsse die BRD ohnehin alles zurückzahlen. Ganz sicher.

Beitrag von Amelie Ernst

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren

Michael Müller auf dem 16. Hoffest (Quelle: rbb)

Video: Abendschau | 31.05.2016 | Ulli Zelle - Zu Gast bei Michael Müller

Mehr als 3.000 Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kultur sind auf dem 16. Hoffest im Roten Rathaus. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller muss das Fest in diesem Jahr jedoch mehrmals verlassen, um sich im Kanzleramt mit Angela Merkel und allen Ministerrpäsidenten zu einem Sondergipfel über erneuerbare Energien zu treffen.