Passanten tragen Einkaufstüten in den Händen (Quelle: dpa)

Studie "Ungleiches Deutschland" - Wie arm sind Berlin und Brandenburg wirklich?

Im Spree-Neiße-Kreis wird mit Abstand das höchste Bruttoinlandsprodukt in der Region erwirtschaftet - dank Tagebau. Trotzdem sind die Einkommen dort nicht wesentlich höher als im armen Berlin. Eine aktuelle Studie zeigt, wie der Wohlstand in der Region und im Rest der Republik verteilt ist.

Auch mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland wirtschaftlich und sozial nicht zusammengewachsen - ganz im Gegenteil. Trotz anhaltend guter Konjunktur driften West und Ost, aber auch der Süden und der Norden weiter auseinander. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Ungleiches Deutschland" der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die regionale Unterschiede bis hinunter auf Kreisebene aller Bundesländer zeigt. Die Studie will damit "konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik der kommenden Jahre" geben.

Die Autoren haben verschiedene Indikatoren wie etwa Arbeitslosigkeit, das Bruttoinlandsprodukt und Einkommen festgelegt, mit denen sie die sozio-ökonomische Lage in einzelnen Teilen der Bundesrepublik aufzeigen. Demnach gibt es schon allein in der Region Berlin-Brandenburg auffällige Unterschiede beim Wohlstand. 

Wirtschaftsleistung: Berlin ist kein Big Player

Zur Messung der Wirtschaftskraft und des Wohlstands einer Region wird von Ökonomen immer noch das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Erwerbstätigen herangezogen, also wie viel jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt erwirtschaftet. Berlin liegt hier mit knapp 60.000 Euro pro Kopf im unteren Mittelfeld Deutschlands. Trotz Tourismus und innovativer Start-up-Szene: Das ganz große Geld wird woanders gemacht. Berlin kann mit großen Wirtschaftsstandorten wie München, Frankfurt (Main), Düsseldorf oder Hamburg nicht mithalten - dort liegt das BIP jeweils über 80.000 Euro.

Bruttoinlandsprodukt in 1.000 Euro je Erwerbstätigen Kreise und kreisfreie Städte Berlin und Brandenburg, 2012 (Datenquelle: Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2015, Friedrich-Ebert-Stiftung / Grafik: rbb/Karo Krämer)

Eine ähnliche Wirtschaftskraft bzw. -schwäche wie Berlin besitzen die umliegenden Brandenburger Landkreise Teltow-Fläming und Oberhavel. Wesentlich stärker sind Dahme-Spreewald und vor allem Spree-Neiße ganz im Osten Deutschlands, wo das BIP um mehr als 30.000 Euro höher liegt als in Berlin.

"Diese Einschätzung hat mich sehr gefreut, wobei wir natürlich auch deutlich sagen müssen, dass dies mit der Energiewirtschaft zu tun hat", erklärt der Landrat des Spree-Neiße-Kreis, Harald Altekrüger. "Wir haben hochbezahlte Arbeitsplätze und hier wird ein entsprechend hohes Bruttosozialprodukt erwirtschaftet." Dank des Kohletagebaus ist Spree-Neiße wirtschaftlich stärker als etwa Bonn oder Stuttgart.

Eine Grubenlok vorm Kraftwerk Jänschwalde (Quelle: imago / Volker Preußer)
Grubenlok vor dem Kraftwerk Jänschwalde

Die wirtschaftlich schwächsten Regionen in Brandenburg sind laut Studie das Havelland, die kreisfreie Stadt Cottbus und Ostprignitz-Ruppin - alle mit einem BIP unter 47.000 Euro. Zum Vergleich: Das höchste BIP in Deutschland wird von den Arbeitnehmern im bayrischen Ingolstadt erwirtschaftet und beläuft sich auf 117.800 Euro. Hier hat der Automobilhersteller Audi seinen Unternehmenssitz und größten Produktionsstandort.

Einkommen: Sehnsucht nach Heilbronn

Einem Haushalt in Deutschland stehen im Schnitt 1.708 Euro im Monat zur Verfügung. Die mittleren Einkommen im Osten liegen allerdings statistisch gesehen um rund 300 Euro niedriger als die in Westdeutschland.

Die Unterschiede zwischen den Landkreisen sind hier relativ gering. Mit Ausnahme von Potsdam-Mittelmark liegen die mittleren Einkommen überall in Brandenburg meist weit unter 1.600 Euro. Ein Kuriosum ist der bereits erwähnte Kreis Spree-Neiße: Eigentlich bedeutet ein hohes BIP, dass die Arbeitnehmer auch viel verdienen; hier liegt das Haushaltseinkommen jedoch mit weniger als 1.500 Euro auf einem ähnlich niedrigen Niveau wie in Berlin.

Das höchste Einkommen findet sich übrigens im Norden Baden-Württembergs in Heilbronn: über 3.293 Euro verfügen Haushalte hier im Durchschnitt und damit mehr als doppelt so viel wie in Berlin und Brandenburg. "Selbst wenn man berücksichtigt, dass im Osten das Preisniveau niedriger liegt und sich dadurch die Einkommensunterschiede etwas relativieren, so haben sich die bestehenden Unterschiede der Haushaltseinkommen weiterhin verfestigt und sich in einigen Regionen gar vergrößert", urteilen die Autoren der Studie.

Anteil der Arbeitslosen an den zivilen Erwerbspersonen, Kreise und kreisfreie Städte Berlin und Brandenburg, 2012 (Datenquelle: Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2015, Friedrich-Ebert-Stiftung / Grafik: rbb/Karo Krämer)

Arbeitslosenquote: Vor allem in Städten hoch

Generell ist die Arbeitslosigkeit in den deutschen Stadtstaaten und kreisfreien Städten höher als in den Landkreisen. So gibt es in Berlin und auch in Städten wie Cottbus und Brandenburg an der Havel eine auffallend hohe Zahl an Menschen, die Arbeitslosengeld beziehen. Die Arbeitslosenquote liegt bei allen weit über elf Prozent.  

Brandenburg steht dabei im Vergleich zu anderen ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt (14,6 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (13,9) noch ein bisschen besser da. Vor allem dank des Landkreises Potsdam-Mittelmark, der mit nur 6,5 Prozent Arbeitslosen den Schnitt auf insgesamt 12,9 Prozent drückt. Trotzdem bleibt die Anzahl der Berliner und Brandenburger, die von Sozialtransfers abhängig sind, im Vergleich etwa zu Menschen in Süddeutschland - in den meisten Landkreisen liegt die Arbeitslosenquote hier unter 3,3 Prozent - auffallend hoch.

Durchschnittliches Haushaltseinkommen in Euro je Einwohner_in ,Kreise und kreisfreie Städte, 2012 (Datenquelle: Ungleiches Deutschland: Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2015, Friedrich-Ebert-Stiftung / Grafik: rbb/Karo Krämer)

Bevölkerungsentwicklung: Run auf die Städte

Dass Brandenburg Einwohner verliert, ist seit vielen Jahren kein Geheimnis mehr. So haben die Landkreise Uckermark, Prignitz, Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz, Elbe-Elster und Oder-Spree von 2007 bis 2012 mehr als fünf Prozent der Bevölkerung eingebüßt.

Aber auch Regionen in Westdeutschland sind vom Bevölkerungsrückgang betroffen: in Niedersachsen (z.B. Göttingen, Goslar), in Nordrhein-Westfalen (Höxter, Unna, Krefeld), in Hessen (Waldeck-Frankenberg, Werra-Meißner-Kreis), im Saarland, Rheinland-Pfalz und sogar in Baden-Württemberg (Neckar-Odenwald-Kreis, Freundenstadt, Calw) und Bayern (Hof, Rhön-Grabfeld).

Potsdam konnte dagegen Einwohner gewinnen; ansonsten scheint es schon ein Erfolg, wenn der Bevölkerungsrückgang in Kommunen "nicht ganz so groß" war. In der Mark sind das vor allem Kreise im Speckgürtel (Dahme-Spreewald, Potsdam-Mittelmark, Havelland, Oberhavel). Wachstum oder Halten der Bevölkerung sei nur noch durch Zuwanderung möglich, heißt es in der Studie. Wanderung erfolge nur in wirtschaftsstarke Regionen. Die Unterschiede zwischen Land und Stadt würden größer.

Kommunale Schulden: Wer nicht hat, dem wird genommen

Vor allem der Westen Deutschlands ist zum Teil hoch verschuldet, das betrifft vor allem Hessen (3.120 Euro pro Einwohner), das Saarland (3.074 Euro) und Nordrhein-Westfalen (2.582 Euro).

Brandenburg ist mit 863,2 Euro pro Einwohner verschuldet. Hier gibt es Kreise, die ihre eh schon niedrige Pro-Kopf-Verschuldung weiter verringern konnten (z.B. MOL, EE, HVL, LDS, OHV, BAR, PM, P), aber auch verschuldete Kommunen, die ihre Schulden noch erhöhen mussten (Frankfurt, Cottbus, Brandenburg an der Havel).

Die Studie bilanziert: "Die Verstetigung einer negativen Entwicklung der Finanzsituation armer Kommunen kann in eine 'Abwärtsspirale' münden und führt sie an die Grenze kommunaler Handlungsfähigkeit." Bereits gegebene Ungleichgewichte blieben nicht nur bestehen, sie könnten sich sogar verstärken."

Kinderarmut: Große Unterschiede

Die Studien-Zahlen zur Kinderarmut zeigen: Es gibt große regionale Unterschiede - zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd. Im Osten Deutschlands liegt die Kinderarmutsquote "nahezu flächendeckend" bei über 15 Prozent. Ausnahme in Brandenburg ist der Landkreis Potsdam-Mittelmark. In Berlin liegt die Quote sogar bei über 20 Prozent.

Am wenigsten von Kinderarmut betroffen sind Bayern und Baden-Württemberg. In 62 Landkreisen liegt hier der Anteil der Kinder, die in Bedarfsgemeinschaften leben, unter 6,4 Prozent. Hohe Quoten weisen im Westen überwiegend kreisfreie Städte auf: In Gelsenkirchen und Bremerhaven liegt die Rate bei über 35 Prozent.

Die gute Nachricht: In den ostdeutschen Ländern ist die Kinderarmut im Zeitraum von 2009 bis 2012 zurückgegangen.

Fazit

In der Gesamtbetrachtung kommen die Autoren der Studie zu einem ernüchternden Ergebnis: Das vom Grundgesetz vorgegebene Ziel der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse werde "in der Praxis verfehlt", so das Fazit. Der Osten hinke den starken Regionen in Süddeutschland hoffnungslos hinterher. Aber auch andere Gegenden im Westen und im Norden kämpfen etwa mit einer hohen Arbeitslosenzahl.

Das wirtschaftliche Wachstum der vergangenen Jahre habe in Deutschland die bestehenden Ungleichheiten vergrößert und die Gegensätze verschärft, heißt es in der Studie, die auf Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung basiert. Wegen der ungleichen Wirtschaftslage wanderten vor allem besser ausgebildete, jüngere Menschen in die wirtschaftlich starken Regionen ab.

Download

Studie: "Ungleiches Deutschland"

Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht neben den Wirtschaftsfaktoren auch Unterschiede in weiteren Bereichen wie Bildung, Demografie und Infrastruktur. Die vollständige Studie kann im Netz als PDF nachgelesen werden.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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