Archivbild: Ein Mann dekoriert am 25.06.2015 sein Geschäft mit dem Union Jack und deutschen Fahnen. (Quelle: dpa/Caroline Seidel)

Vor der EU-Ausstiegsentscheidung - Wie der Brexit die Berliner Briten umtreibt

Britische Unternehmer, Studenten, Arbeiter in Berlin und Brandenburg - sie alle eint die Sorge um den drohenden Brexit. Nicht wenige der über 10.000 Briten in der Region spielen sogar mit dem Gedanken, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Von Sarah Mühlberger und Stefan Ruwoldt

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Jon Worth ist in den vergangenen Wochen zu einer Art Pressesprecher für die in Berlin lebenden Briten geworden. Der 35-Jährige hat deutschen Zeitungen, italienischen Fernsehsendern und finnischen Radiostationen Interviews gegeben, wie viele es waren, weiß er selbst nicht genau.

Eigentlich hatte Worth Anfang des Jahres nur eine kleine Diskussionsrunde zu den möglichen Folgen eines Brexits organisieren wollen, das Thema trieb ihn als britischen Wahl-Berliner selbst um. Zum ersten Treffen der Berliner Briten kamen dann nicht wie gedacht 20, sondern über 120 Teilnehmer, es folgten weitere Veranstaltungen in Berlin, Hamburg, Köln und München.

Kommunikationsberater Jon Worth lebt in Berlin und organisiert Diskussionsrunden zum Thema "Brexit". (Quelle: Jon Worth)
Jon Worth lebt in Berlin und organisiert Diskussionsrunden zum Thema "Brexit"

Ängste? – Ja. Auch Sorgen. Aber Megathema? – Nein.

Die Sorgen der Anwesenden ähneln sich, erzählt Worth: "Viele haben praktische Fragen zu ihrem Alltag in Deutschland, also etwa: Müsste ich als Student andere Studiengebühren als bisher zahlen? Würde ich als Brite bei einer deutschen Firma meinen Job verlieren? Hätte ich als Bewerber eine Chance auf einen neuen Job? Kann ich als Rentner in Berlin bleiben?" Selbständige wie Jon Worth fragen sich beispielsweise, wer sich bei Angelegenheiten rund um Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis für sie einsetzen würde. "Wir haben ja niemanden, der für uns einen Brief schreibt und an irgendeine Behörde schickt".

106.000 Briten leben in Deutschland, rund 10.000 von ihnen in Berlin. "Unser Eindruck ist, dass alle Briten, die hier wohnen, in der EU bleiben wollen", sagt Maurice Frank, britischer Herausgeber des Magazins "Ex-Berliner". Er nehme den drohenden Brexit bislang zwar nicht als "Mega-Thema" wahr, sagt Frank, aber es gebe natürlich gewisse Ängste.

Archivbild: Jemand hält am 02.12.2005 eine Ausgabe des englischsprachigen Berlin-Magazins "EXBERLINER" vor dem Fernsehturm in Berlin. (Quelle: dpa/Steffen Kugler)
Maurice Frank, Herausgeber des britischen Magazins "Ex-Berliner" nimmt den Brexit bisher nicht als "Mega-Thema" wahr

"Sie werden überrascht sein, wie gut es sich anfühlt, Deutscher zu sein"

Jon Worth lebt seit drei Jahren in Berlin, für ihn hängt viel von der Freizügigkeit für EU-Bürger ab - sie ist seine Geschäftsgrundlage: Der Kommunikationsberater arbeitet für Kunden in Deutschland, Frankreich, Dänemark, Rumänien und Italien. Theoretisch könnte er auch woanders wohnen, aber er will es nicht: "Berlin ist einfach meine Lieblingsstadt in Europa." Worth glaubt, dass er auch im Falle eines EU-Austritts einen Weg finden würde, hier zu bleiben – er will sich um einen deutschen Pass bemühen.

Offenbar liebäugeln auch viele andere Briten mit dieser Option. Die Britische Botschaft bestätigt, dass es zuletzt vermehrt Anfragen zum Thema doppelte Staatsbürgerschaft gab. Offiziell ist dieser Schritt erst nach sieben Jahren in Deutschland möglich, oft auch schon nach sechs. Auch in der aktuellen Ausgabe empfiehlt die Redaktion des "Ex-Berliner" den hier lebenden Briten diesen Schritt: "Sie werden überrascht sein", heißt es darin, "wie gut es sich anfühlt, Deutscher zu sein."

Am liebsten beides: Brite – und Europäer

Russell Bousfield wäre ebenfalls bereit, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, sollte es notwendig werden. "Ich hoffe, sie würden mich nehmen." Als er Freunden und Familie von seinem Plan erzählte, waren viele überrascht. "Für mich wäre das selbstverständlich: Ich fühle mich hier in Berlin zu Hause und würde alles tun, um hier zu bleiben." Am liebsten wäre er aber weiterhin Brite und Europäer, sagt Bousfield.

Der Engländer kam über seinen Arbeitgeber Rolls Royce nach Berlin und baut in Dahlewitz an Flugzeug-Turbinen. Ursprünglich wollte er nur drei Monate bleiben, inzwischen lebt er seit neun Jahren in Berlin, hat eine deutsche Frau und mit ihr einen kleinen Sohn. Bousfield macht sich Sorgen um die Zukunft Großbritanniens und Europas, aber zumindest nicht um seinen Job bei Rolls Royce: Die Firma hat ihren britischen Mitarbeitern mehrfach versichert, dass sich für sie im Falle eines Brexits nichts ändern würde, schließlich gebe es im Team auch viele Kollegen aus Nicht-EU-Ländern wie USA oder Australien.

Archivbild: In einem Triebwerkwartungswerk wird am 06.07.2010 an einem Trainingstriebwerk Rolls-Royce Trent 900 gearbeitet. (Quelle: dpa/Martin Schutt)
Rolls Royce versicherte seinen britischen Mitarbeitern, dass sich ihre Jobs mit dem Brexit nicht ändern würden

Keine unmittelbaren Rechtsfolgen – für zwei Jahre

Jobängste aufgrund eines plötzlich rechtslosen Status bei einer Pro-Brexit-Entscheidung der Briten kann auch Valentina Knezevic, Expertin für den EU-Binnenmarkt bei der IHK, nehmen. Allerdings gilt diese Einschränkung nur für den Status und auch nur für eine beschränkte Zeit. "Im Falle einer Entscheidung für den Austritt gäbe es für mindestens zwei Jahre – so lange würde ein möglicher Austritt dauern - keine unmittelbaren Rechtsfolgen für die Berliner Unternehmen". Zwei Jahre also, und dann?

Sobald Knezevic auf das allgemeine Geschäftsklima zu sprechen kommt, schwingen auch bei ihr andere Töne mit: "Grundsätzlich wären bei einem Brexit mittel- und langfristig natürlich erhebliche Einschnitte absehbar: Großbritannien ist als Teil des EU-Binnenmarktes heute für die Berliner Unternehmen der drittwichtigste Markt  in Europa und der siebtwichtigste Markt weltweit."

Bisher ist der Brexit nur Theorie

Doch auch wenn in den Prognosen vieler Wirtschaftswissenschaftler vor erheblichen Folgen für den Geschäftsbetrieb von und nach Großbritannien gewarnt wird, ist die Sorge der Berliner Unternehmen um die Folgen für die IHK noch nicht konkret zu messen. Direkte Anfragen habe es nur vereinzelt gegeben, erklärt Knezevic: "Bisher ist der Brexit nur ein theoretischer Sachverhalt."

Auch bei der IHK Ostbrandenburg spiegelt sich die Sorge kaum in konkreten Anfragen wieder: Genau eine gab es der Kammer zufolge bislang.

Allerdings äußert sich die Theorie des Ausstiegs durchaus bereits in konkreten Szenarien und Planungen, betont Europaexpertin Knezevic: "Nach einer Umfrage der Auslandshandelskammer Großbritanniens bei deutschen Unternehmen, die auf dem britischen Markt tätig sind, rechnen rund 80 Prozent der Unternehmen mit negativen Folgen bei einem Brexit, 60 Prozent erklärten, dass ihre Unternehmen bei einem Brexit ihre Investitionen auf dem britischen Markt zurückfahren werden."

Berliner Architektenbüro in Sorge

Auch Thomas Bernatzky, Geschäftsführer im Berliner Büro der Glasgower Firma "Hoskins Architects", befürchtet massive wirtschaftliche Folgen, sollte Großbritannien die EU verlassen. "Wir sind hier in Deutschland mittlerweile als britische Firma etabliert und bekannt, aber in welcher Form wir in Zukunft an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen dürften, ist völlig unklar." Bisher war es so: Bewarb sich die britische Firma auf eine Ausschreibung irgendwo in der EU, dann musste sie dabei so behandelt werden wie ein Konkurrent aus dem jeweiligen Land.

So war das schottische Architekturbüro auch zu seiner deutschen Filiale gekommen: Sie hatten die Ausschreibung um ein großes Museumsprojekt in Wien gewonnen. Bernatzky war hier die treibende Kraft hinter dem Schritt. Er hatte damals zehn Jahre in Großbritannien gelebt und gearbeitet, als es ihn 2010 zurück in die Heimat zog. Dank des gemeinsamen Wirtschaftsraums war die Gründung einer deutschen Zweigstelle dann auch einfach.

Briten einstellen nach einem Brexit? – Schwierig.

Bernatzky ärgert sich, dass die EU in Großbritannien so oft als Sündenbock für zu viel Bürokratie herhalten muss: "Tatsächlich ginge es für kleinere Firmen wie uns im Falle eines Brexits erst recht los mit der Bürokratie." Mehr noch: "Die Entwicklung unserer Firma wäre ohne EU-Mitgliedschaft gar nicht möglich gewesen."

Heute kümmern sich die acht Mitarbeiter der Berliner Dependance um verschiedene Projekte im deutschsprachigen Raum, unter ihnen ist immer mindestens ein Brite. Bisher sei es für seine Kollegen sehr leicht, ihren Arbeitsort nach Berlin zu verlegen, erzählt Bernatzky. "Die größte Hürde ist, hier einen Termin beim Einwohnermeldeamt zu bekommen. Alles andere klappt völlig reibungslos." Nach einem Brexit würde es wohl deutlich schwieriger werden, Briten einzustellen, befürchtet Bernartzky. Schließlich müssten deutsche Firmen im Zweifel nachweisen, dass sich für den Job kein geeigneter Arbeitnehmer aus einem EU-Land finden lässt.

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Beitrag von Sarah Mühlberger und Stefan Ruwoldt

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