Protestforscher David Bebnowski (Quelle: privat)

Interview | Protestforscher David Bebnowski - "Die AfD braucht die Provokation"

Asylsuchende in Baracken unterbringen, Nachbarn ein Boateng-Problem unterstellen, im "Notfall" auf Flüchtlinge schießen – verkürzt sind das Provokationen, mit denen die AfD Aufmerksamkeit generiert. Das hat System, sagt der Protestforscher David Bebnowski. Von Tina Friedrich

rbb: Herr Bebnowski, die AfD wird oft als Protestpartei bezeichnet. Stimmen Sie dem zu?

Der Protest ist immer noch sehr relevant. Die Menschen nehmen wahr, dass die AfD bestimmte Themen, die sie bewegen, in der politischen Debatte mit einer klaren Meinung thematisiert. Das haben andere Parteien in den vergangen Jahren verschlafen. Den Wunsch danach muss man ernst nehmen.

Wie ist ein solcher Wunsch entstanden?

Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist in den vergangenen Jahren – symbolisiert von zwei Großen Koalitionen und der abwartenden Art Angela Merkels – weitgehend der Streit aus den Parlamenten verschwunden. Dies führt dazu, dass relevante Forderungen in den politischen Debatten nicht mehr abgebildet werden. Und das ist ein guter Nährboden für neue Parteien – mit der AfD ist es nun eine rechtspopulistische.

Zudem dürfte es auch eine Rolle spielen, dass Angela Merkel eine Frau ist. Die Sympathisanten und die Akteure in einer rechtspopulistischen Bewegung rufen nach starker Führung durch Staatsmänner. Das darf man nicht unterschätzen. Auch die AfD besteht zu einem sehr großen Teil aus konservativen weißen Männern, da stimmt der Stereotyp. Die wünschen sich keine ostdeutsche Frau und Pastorentochter an der Regierungsspitze.

Der Protest gegen Angela Merkel kann in der Berliner Landespolitik keine unmittelbare Wirkung zeigen. Geht der Protest denn dann nicht ins Leere? Die AfD hat bereits klar angekündigt, Opposition sein zu wollen. Sie kommen also vermutlich nicht in die Lage, konstruktive Politik zu machen.

Die AfD macht Symbolpolitik. Sie bildet quasi eine Art Fundamentalopposition gegen den herrschenden Politikbetrieb. Es geht dabei immer um Provokation: Erst wird über das Ziel hinausgeschossen, dann fängt man manches wieder ein. Das folgt einer klaren Logik, die populistische Kommunikation lebt von diesen Provokationen. Interessant ist, dass man solche Kommunikationsmuster in Deutschland eigentlich aus einem anderen Spektrum kennt: nämlich dem linken Spektrum, das sich in den 1960er- und 1970er-Jahren bewusst in die Rolle der Opposition begeben hat. Diese Auseinandersetzungen hat beispielsweise Alexander Gauland in Frankfurt damals direkt miterlebt. Er dürfte das bewusst bedienen.

Dabei waren die linken Bewegungen ab 1968 das Feindbild der Konservativen. Die Protestkultur, das Eintreten für demokratische Mitbestimmung und liberale Werte, haben aber die Linken fest in der politischen Kultur Deutschlands verankert. Das Land wurde dadurch offener und lebenswerter. All das wird jetzt von der AfD beschossen, wo es nur geht. Man darf das nicht kampflos aufgeben, die Empörung darüber ist mir viel zu gering.

An der Spitze der Berliner AfD steht mit Georg Pazderski ein ehemaliger Bundeswehroberst, dann folgt Karsten Woldeit, der ebenfalls Berufssoldat war. Auch in anderen AfD-Landesverbänden sind ehemalige Soldaten vertreten. Zieht die AfD Soldaten an?

Auch Thorsten Weiß, ein weiteres Mitglied des Landesvorstands, setzt sich sehr bewusst als ehemaliger Zeitsoldat und Offizier in Szene. Diese Fälle zeigen, dass die AfD Soldaten erreicht, und diese ihre Zugehörigkeit zur Armee bewusst zur Schau stellen. Dass die AfD hier Erfolge feiert, ist gar nicht so überraschend. Sowohl Soldaten als auch Polizisten leben in dem Bewusstsein, den Staat zu verteidigen und das Richtige zu tun.

Gleichzeitig haben sie in den vergangenen Jahren auf verschiedene Art und Weise Erniedrigung erfahren. Denken Sie an die Nachrichten über die mangelhafte Ausstattung der Truppe, überhaupt die Debatten zur Reform der Bundeswehr. In Deutschland gibt es eine neue Generation von Soldaten mit Erfahrung in Kampfeinsätzen im Ausland. Viele leiden an diesen Erlebnissen. Weder Politik noch Gesellschaft haben sich bislang wirklich darauf eingestellt. Das erzeugt ein Gefühl davon, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben, degradiert zu sein.

Nehmen Sie diesen Moment der Erniedrigung auch bei den Wählern als relevante Größe wahr?

Unbedingt. Ich halte ihn sogar für den zentralen Punkt, der die unterschiedlichen Gruppen innerhalb und außerhalb der Partei verbindet. Denn Gefühle der Erniedrigung gibt es in jeder Gesellschaftsschicht, nicht nur bei den kleinen Leuten, sondern auch in Berufs - und Statusgruppen, die man der Mitte zurechnet.

Ein Beispiel, lose nach dem Soziologen Heinz Bude: Wenn ein 52jähriger-Ingenieur vor dem letzten Schritt seiner Karriere plötzlich eine weibliche Führungskraft vor die Nase gesetzt bekommt, und dann die erwartete letzte Beförderung nicht erhält, dann hat er das Gefühl, seine Potenziale nicht ausleben zu können und nicht zeigen zu dürfen, was in ihm steckt. Im Gegensatz dazu sind junge Hochgebildete etwa zum Studium umgezogen, sprechen Fremdsprachen, leben in multikulturellen Metropolen. Sie haben weniger Angst vor Veränderung, wie einem Job im Ausland. Aber Reinigungskräfte oder Paketboten ohne vergleichbare Qualifikation, die mit ihren Familien möglicherweise seit Generationen am Stadtrand leben und vielleicht schon mehrmals arbeitslos waren, können solche Ängste leicht entwickeln.

Diese Statusunterschiede – die eben nicht nur vom Einkommen abhängig sind – könnten auch erklären, warum sich die AfD immer wieder bewusst gegen als linke oder grün dargestellte Meinungseliten abgrenzt. Denn die verkörpern ganz deutlich diejenigen, die keine Probleme mit den gegenwärtigen Veränderungen haben.

Herr Bebnowski, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tina Friedrich

Beitrag von Tina Friedrich

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