Johannes Kram (Quelle:privat)

Interview | Christopher Street Day 2016 - "Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende"

Federboas und Caipirinhas einerseits, politische Botschaften und Forderungen andererseits - der Christopher Street Day ist beides. Dass er nach dem Anschlag in Orlando auf einen Schwulenclub in diesem Jahr politischer wird, glaubt Blogger Johannes Kram nicht. Denn politisch war der CSD schon immer, es hat nur bislang niemanden interessiert.

rbb: Herr Kram, der Berliner CSD ist zum einen Demonstration für die Rechte von Lesben und Schwulen, aber auch eine große, bunte Party. Wird der CSD nach dem Anschlag in Orlando politischer?

Der CSD war immer politisch. Er wird nur oft sehr einseitig gesehen oder es sind die bunten Bilder, die das Politische verdecken. Die Journalisten haben sich nur häufig nicht die Mühe gemacht, auch abzubilden, welche Gruppen mitlaufen, wofür sie stehen oder welche Themen dort wie behandelt werden. Stattdessen reduziert man alles auf Schrillheit, was dann wiederum genau das ist, was man dem CSD vorwirft. Der CSD ist auch ein Medienphänomen.

Wär es demnach nicht Zeit, auf die bunten Kostüme zu verzichten, wenn man nach außen politisch wirken will?

Eben nicht. Wenn der CSD eine Party ist, dann ist er vor allem eine "Sich-nicht-Verstecken-Party". Sichtbarkeit in allen Facetten ist eine politische Notwendigkeit für uns. Wer denkt, dass ein buntes Kostüm nur Oberflächlichkeit repräsentiert, kann ja mal nachfragen, was und wer dahinter steckt. Auch schön sein, als Mensch in aller Öffentlichkeit in seiner Schönheit, in seiner Besonderheit  wahrgenommen zu werden, ist ein politisches Anliegen in einer Welt, in der sich viele verstellen mussten und müssen. Außerdem: Der CSD ist ein Feiertag und da ziehen sich viele halt etwas Besonderes an.   

Welches sind die politischen Themen, denen sich der CSD in diesem Jahr widmet?

Es geht hauptsächlich um unsere Rechte. Viele Leute denken, es gäbe gleiche Rechte schon, weil  dauernd von schwulen oder lesbischen Hochzeiten gesprochen wird. Aber tatsächlich verwehrt man uns das Recht, den zu heiraten, den wir lieben. Es geht aber zum Beispiel auch darum, dass die Vielfalt der Sexualitäten in der Bildung angemessen und gleichwertig stattfinden kann. Und es geht letztlich darum, dass wir das, was wir erreicht haben, bewahren. Menschen, die diskriminiert werden, müssen geschützt werden - gerade jetzt, wo der Wind gegen Homosexuelle und Transmenschen wieder rauer wird.

Die Uni Leipzig kommt in ihrer aktuellen Studie "Die enthemmte Mitte" zu dem Schluss, dass Homophobie in Deutschland wieder zugenommen hat. Die Prozentzahl derjenigen, die Homosexualität generell für unmoralisch halten, ist von 15,7 auf 24,8 Prozent gestiegen. Raten Sie Ihren Lesern nun, sich nicht mehr öffentlich zu küssen?

Im Gegenteil. Ich wünsche mir natürlich, dass wenn wir mehr händchenhaltende schwule und lesbische Pärchen sehen würden, nur so werden sich dann auch die anderen daran gewöhnen. Das Problem ist, dass das Gegenteil gerade passiert. Es wäre gut für die Heterosexuellen, sich damit mal zu beschäftigen: Zum Beispiel könnten zwei Heteromänner oder zwei Heterofrauen Hand in Hand durch einen Kiez laufen, in dem sie sich eigentlich wohl fühlen. Mal gucken, ob das danach immer noch so ist. Es nützt überhaupt nichts zu sagen, dass man nichts gegen Homosexuelle hat, wenn man nicht in der Lage ist, einen Kuss von zwei Männern oder Frauen an den Orten zu ertragen, wo sich Heterosexuelle auch küssen. Es geht darum zu verstehen, dass es diesen Unterschied nicht gibt, und jeder, der sagt 'Ich find Schwule ja okay, aber müssen die sich in der Öffentlichkeit küssen?', ist natürlich homophob.

In Ihrem Blog "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber" schreiben Sie regelmäßig über Homophobie. Was regt Sie am meisten auf?

Die neuen Rechten und deren Motto, dass sie nichts gegen Homosexuelle haben, aber trotzdem wollen, dass sie nicht sichtbar sind. Wie Frauke Petry, die sagt, dass es zu viele Schwule im Fernsehen gibt. Oder dass einfach behauptet wird, Kinder würden sexualisiert, nur weil man ihnen die Vielfalt von sexuellen Identitäten näherbringt - damit sie nicht in so einer bedrückenden, homophoben Welt groß werden, wie wir sie dachten gerade hinter uns zu lassen. Aber es regen mich auch viele derer auf, die sich als liberal und aufgeklärt empfinden und meinen, sie seien immun gegen Homophobie. Das ist aber niemand, auch die Homosexuellen selber nicht. Auch bei vielen Journalisten ist das so: Sie wollen oder können nicht sehen, dass es immer noch große Probleme gibt und bedenken nicht, was sie mit dem Reproduzieren simpler Klischees anrichten können: Auch heute ist es für viele Jungen und Mädchen immer noch ein existentieller Kampf, ihr Coming-Out zu meistern - und dass nach so vielen Generationen, in denen das jetzt thematisiert wird. Es gibt immer noch so wenig Verständnis und Unterstützung in der Gesellschaft, ja, das regt mich wirklich auf.

Sie haben gerade schon die rechtspopulistischen Parteien angesprochen. Im September sind in Berlin Wahlen. Für die AfD sieht es in den Umfragen gut aus. Was setzt die Community dem entgegen?

Wir müssen zunächst zur Kenntnis nehmen, dass es auch innerhalb der Community Anhänger der AfD gibt. Wir können nicht sagen 'Nur die anderen sind gegen uns', sondern es sind teilweise wir selbst.

Wie passt das zusammen: die AfD und Homosexuelle?

Es gibt auch Latinos in den USA, die Donald Trump wählen. Nur weil man schwul oder lesbisch ist, ist man ja kein besserer Mensch (lacht). Dass man sich denen zuwendet, die einen im Inneren ablehnen, hat auch mit Selbsthass zu tun, mit Scham. Und damit, dass man nicht auffallen möchte, dass man teilweise das Gefühl hat, dass es mit den Rechten und der Gleichstellung zu weit geht und sich irgendwann gegen einen richtet. In gewissem Maß ist das verständlich, weil in der Gesellschaft keine positiven Bilder oder Erfahrungen über Gleichstellung verankert sind. Das heißt, wir müssen nicht nur den Rechtspopulisten klar machen, dass wir nicht akzeptieren können, wie sie unsere Rechte beschneiden wollen, sondern wir müssen auch innerhalb der Community klar machen, was wir erreicht haben und dass der Kampf - für den der CSD auch steht - noch lange nicht zu Ende ist. Wir müssen alle miteinander reden, niemand ist nur Minderheit, niemand ist nur Mehrheit, nur wenn alle in der Gesellschaft die gleichen Rechte haben, wenn alle sich akzeptiert und gleichwertig fühlen, kann es allen gut gehen.

Das Interview führte Anika Hüttmann, rbb|24

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