Im deutsch-polnischen Eurokindergarten in Frankfurt (Oder). (Quelle:dpa/Patrick Pleul)

Bilanz 25 Jahre deutsch-polnische Partnerschaft - Von Liebesheiraten und anderen Paarungen

Brandenburgs Politik setzt auf die deutsch-polnische Partnerschaft. Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) reist ins Nachbarland, um die Zusammenarbeit aufs Neue zu festigen. Die nachbarschaftliche Annäherung hat in den letzten 25 Jahren ganz besondere Paarungen hervorgebracht. Von Stefan Ruwoldt

Brandenburg – das sind nicht nur Wälder, Alleen und Wölfe – Brandenburg – das sind auch 264 Kilometer Grenze zu Polen. Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern müssen sich mit deutlich weniger zufrieden geben. Allerdings ist Polen für Brandenburg auch der einzige internationale Nachbar. Und um diese internationale Ehe zu pflegen, will das Land seine Beziehungen ausbauen. Dazu reiste Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) an diesem Montag nach Wroclaw, wo er unter anderem eine gemeinsame Erklärung zwischen Brandenburg und der Woiwodschaft Niederschlesien unterschrieb sowie eine Kooperationsvereinbarung.

25 Jahre Nachbarschaftsvertrag

Brandenburg arbeitet also schwer daran, die Zusammenarbeit mit dem Nachbarland zu pflegen, ein Bündnis, für das die Grundlagen vor 25 Jahren geschaffen wurden: Am 17. Juni 1991 unterzeichneten  Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher für die Bundesrepublik sowie Jan Krzysztof Bielecki und Krzysztof Skubiszewski für Polen den "Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit".

25 Jahre Oder-Neiße-"Liebesgrenze"

Dieses Jubiläum soll hier Anlass sein, nachzuforschen, wozu die Nachbarschaft und die Zusammenarbeit bislang geführt haben, also eine Suche nach grenzüberschreitenden Daten.

Ganz oben steht da natürlich die Liebe. Zwar ist genau das ein Feld, das nicht unbedingt über Staatsbesuche und auf Geschäftsempfängen gepflegt wird, aber möglicherweise ist die Liebe die Grundlage für all das Theoretische. Zahlen für deutsch-polnische Partnerschaften im privaten Bereich liefert der Verband binationaler Familien und Partnerschaften: Etwa jede siebte deutsche Ehe ist demnach eine binationale Ehe, und am häufigsten kamen dabei polnische Frauen und deutsche Männer (Stand 2013) zusammen. Überhaupt kamen die meisten Einwanderer in Brandenburg aus Polen – 13 Prozent (Stand 2015).

Gebildete Nachbarschaft mit Feierpotenzial

In der Folge dieser Partnerschaften lassen sich dann viele Paare auch in Deutschland nieder. Der Partner aus dem Nachbarland braucht dabei natürlich eine Anerkennung seiner Qualifikationen aus der Heimat, und so sind die Polen und Polinnen Spitzenreiter bei der Antragstellung beim Bundesbildungsministerium: Neben Rumänen und Bürgern aus Bosnien und Herzegowina lassen sich vor allem polnische Bürger in Deutschland ihre Berufsabschlüsse anerkennen (Stand 2015).

Für das Feiern – sei es nun die Hochzeit oder die Anerkennung des Berufsabschlusses - kommt auch ein wesentlicher Teil aus dem Nachbarland im Osten zum Einsatz: Mit 59.000 Tonnen ist Polen der Haupt­lieferant von Grill­kohle für das große Feuer (Statistischen Bundesamt, Stand 2012).  

Und da die meisten Grillfeste, nicht etwa im Rahmen von Hochzeiten, sondern eher von Fußballfeiern stattfinden, liefert auch hier das Nachbarland die besten Anlässe für ein ordentliches Grillfeuer: Fußball. Dreimal spielten die DFB-Elf und Polens Nationalteam im Rahmen der letzten EM und der Qualifikation gegeneinander. Einmal mussten dabei die deutschen Fans ihre Tränen am Grillfeuer trocknen, und zwar im Oktober 2015 im ersten Qualifikationsspiel: 2:0 für Polen. Beim Rückspiel jubelten dann die Deutschen (3:1) und bei der EM teilten sich beide Fanlager schließlich die großen und kleinen Köstlichkeiten über der Glut aus polnischer Grillkohle.

Brandenburg - das Entdeckungsfeld für viele Polen

Ebenso kooperierend arbeiten Polen und Brandenburger in der Wirtschaft. Der deutsch-polnische Handel meldet fast alljährlich neue Rekorde. Für Deutschland ist Polen laut Statistischem Bundesamt (2015) das achtstärkste Exportland - unter Deutschlands Nachbarn nur noch abgehängt von Frankreich, den Niederlanden und Österreich. Beim Vergleich der Nachbarländer aus denen Deutschland importiert, liegen lediglich Frankreich und die Niederlande noch vor Polen. Für die brandenburgische Wirtschaft ist Polen international gar der wichtigste Markt.

Bei der Betrachtung des Tourismus' als wichtiger Wirtschaftszweig wird sehr schnell klar: Ohne die polnischen Gäste in Brandenburgs Restaurants, Hotels und Urlaubsanlagen ginge es manchem Hotelier oder Herbergsvater sehr schlecht: Die meisten internationalen Gäste in den Brandenburger Hotels,  Pensionen und Gasthöfen kommen aus Polen (Statistisches Landesamt, Stand 2015).

Brandenburg in polnischer Pflege

Doch nicht nur für den Urlaub kommen Polen nach Brandenburg: In den vergangenen Jahren stieg hier die Zahl der Beschäftigten aus Polen alljährlich – zuletzt auf knapp vier Prozent (Stand 2014, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) der Beschäftigten, nach Angaben des Statistischen Landesamtes stellten Polen gar die Hälfte aller EU-Zuzügler im vergangenen Jahr.

Besonders stark vertreten sind polnische Arbeitnehmer in Deutschland in Pflegeberufen. Mehr als 76.000 Polen oder Deutsche mit polnischen Wurzeln arbeiten deutschlandweit in Pflegeberufen (Stand 2013, Quelle: Statistische Bundesamt).

In manchen Gegenden Brandenburgs ist der Anteil der Arbeitnehmer aus Polen auch in anderen Bereichen ähnlich hoch. Am östlichen Rand der Uckermark sind nach Angaben der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung mehr als zwölf Prozent der Bewohner Polen. Die Region - nur wenige Kilometer entfernt von Stettin - profitiert von der Landflucht der Bewohner der 400.000-Einwohner-Stadt: Junge Familien ziehen hierher und beleben die von Abwanderung stark gebeutelte Region. 

Die Uckermark machts vor: In der deutsch-polnischen Partnerschaft liegt das Rezept gegen die Entleerung von Regionen. Zumindest eines.

Beitrag von Stefan Ruwoldt

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