Antifaschisten demonstrieren am 26.01.2015 in Frankfurt a.M. (Quelle: imago/Michael Schick)

"Lügenpresse", "Volksverräter" und "Überfremdung" - Die Sprache der Nazis kehrt schleichend zurück

Vor zwei Jahren ist Pegida in Dresden zum ersten Mal "spaziert". Seither haben deren Anhänger, aber auch AfD-Sympathisanten, die deutsche Sprache schleichend verändert. Sie skandieren rhythmisch "Lügenpresse" und nennen die Kanzlerin "Volksverräterin". Diese Wörter klingen nicht nur nach Nationalsozialismus. Sie kommen da auch her. 

Im Herbst 2014 hat eine Gruppe von Dresdner um Lutz Bachmann angefangen, sich für Montagabends zur Demonstration zu verabreden. Sie nennen sich "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) und ihre Kundgebung "Abendspaziergang". Am Anfang waren sie nur wenige hundert Menschen, im Januar 2015 kamen bis zu 25.000 Teilnehmer.

Die Pegida-Anhänger, aber auch Sympathisanten der AfD und andere selbst ernannte Patrioten reden von "Überfremdung", wollen den Begriff "völkisch" neu definieren oder nennen sich patriotisch, um das "Abendland" zu verteidigen. Sie haben den Sprachgebrauch vieler Deutscher verändert. Nicht nur in den klassischen Medien, sondern vor allem auch in den sozialen, werden diese Begriffe wie selbstverständlich benutzt. Selbst Politiker, die dem rechten Spektrum nicht nahestehen, benutzen "Überfremdung" ohne Anführungszeichen.

Einzug in Jugendmusikkulturen und Fantasie-Welten

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat schon früh nach dem Aufkommen der ersten Pegida-"Abendspaziergänge" auf den Ursprung dieser Wörter hingewiesen. Sie warnt sogar davor, dass ein Begriff wie "völkisch" Einzug in Jugendmusikkulturen und Fantasie-Welten hält. In Teilen der Gesellschaft sei er nicht mehr verpönt, sondern sogar en vogue. Die Sprache der Pegida, AfD und Co. wird von den Experten "als ideologisch sehr bedenklich" eingestuft.  

Welchen Ursprung haben Begriffe wie Überfremdung? Ein Einblick in den semantischen Ursprung dieser Wörter:

Lügenpresse

Der Begriff Lügenpresse war laut GfdS bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geläufig. Insofern sei die "Lügenpresse" keine Erfindung der Nationalsozialisten, sei aber von diesen erfolgreich als stigmatisierender Ausdruck wiederbelebt worden.

Joseph Goebbels, Reichspropagandadaleiter der NSDAP, verwendete den Ausdruck selbst 1932 in einer Rede. Wie die Sprachexperten erklärten, warf er darin der "roten", also politisch linken "Lügenpresse" vor, einen "Verleumdungsfeldzug" gegen die Nationalsozialisten durchzuführen. Die Nutzung des Wortes sei immer im Zusammenhang mit "völkischen" oder "nationalistischen" Anliegen genutzt worden, die die "Lügenpresse" zu verschleiern suchte.

Die GdfS hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Wort "Systempresse", der in sozialistischen Länder geläufig gewesen ist, ähnlich verhalten habe. Bei beiden Wörtern stehe im Fokus, dass ein System an seinem Volk vorbeiregiert und dessen Interessen nicht angemessen vertritt, hieß es. Beide Wörter implizieren zudem, dass es keine echte Meinungsfreiheit gebe. Meinungen würden von einem System oder von nicht näher definierten "Lügnern" unterdrückt.  

Volksverräter

Nach Angaben der GfdS hat es den "Volksverrat" als Straftatbestand erstmals im Nationalsozialismus gegeben. Wenn Pegida-Anhänger das Wort "Volksverräter" heute benutzen, zielten sie darauf ab, die Politiker als Verräter an "ihrem", dem deutschen Volk zu brandmarken. Damit werde eine klare Abgrenzung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen gezogen.

In der Zeit vor dem Nationalsozialismus hat es laut GdfS den Straftatbestand "Landesverrat" gegeben. Erst mit dem Wort "Volksverrat" ergebe sich aber der Bezug zum Völkisch-Nationalen.

Laut der Sprachwissenschaftlerin und GfdS-Chefin, Andrea-Eva Ewels, hat der "Volksverrat" einen Beigeschmack, der historisch bedenklich ist.  

Abendland

Auch der vermeintlich harmlose Begriff "Abendland" hat es nach Aussage der Sprachforscher in sich. Er stammt demnach schon aus dem 16. Jahrhundert und wurde zunächst nur geografisch gebraucht, im Gegensatz zum östlichen Morgenland. Der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler habe das Wort in seinem Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes" aus dem Jahr 1922 ideologisch besetzt. Spengler weise klar antidemokratische Züge auf, weil er die Ansicht vertrete, die freiheitliche Demokratie sei eine Art Stadium auf dem Weg zum unausweichlichen Niedergang einer Kultur. Er argumetierte zudem, dass die absolutistischen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts die "Blütezeit" des Gemeinwesens seien.

Überfremdung

Der inzwischen häufig benutzte Begriff "Überfremdung" als Warnung vor zu viel Zuwanderung in Deutschland wurde laut GfdS 1929 zum ersten Mal im Duden erwähnt. Vier Jahre später, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, sei der Begriff sogar noch zum Unwort des Jahres gewählt worden. Bei diesem Wort gibt es nach Angaben der Sprachexperten einen klaren Bezug zur Sprache des Nationalsozialismus. Der Propagandaminister Joseph Goebbels sprach 1933 von "Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum".

Wie es das Wörterbuch "NS-Deutsch" von Karl-Heinz Brackmann und Renate Birkenhauer definiert, war mit "Überfremdung" im Sinne der Nationalsozialisten ein "zu starkes Eindringen von Nichtdeutschen oder "Artfremdem" in das deutsche Volk" gemeint.

Inzwischen würden damit andere Gruppen, etwa Flüchtlinge aus muslimischen Ländern, aber auch Sinti und Roma, ausgegrenzt. "Das Wort hält sich hartnäckig", heißt es bei der GdfS.

Frauke Petry (AfD) auf der Dachterrasse der AfD-Parteizentrale in Berlin (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Frauke Petry (AfD) auf der Dachterrasse der AfD-Parteizentrale in Berlin

Völkisch

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry hat im September in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" verkündet, sie wolle den Begriff "völkisch" wieder positiv besetzen. Sie sagte, es sei eine "unzulässige Verkürzung", wenn gesagt werde, "völkisch" sei rassistisch. Ihrer Meinung nach sei "völkisch" ein zugehöriges Attribut zum Wort "Volk".

Die Sprachexperten widersprechen ihr an dieser Stelle allerdings. Das Wort sei kein Attribut zu Volk - es heiße ja auch nicht "völkisches Volk", sondern ein von Volk abgeleitetes Adjektiv. Laut GdfS ist die Leugnung der Semantik des Wortes "völkisch" bedenklich, ebenso die Idee, man könne das Wort umdeuten, rehabilitieren und damit auf die politische Agenda setzen.

Der Begriff habe zwar bereits im 15. Jahrhundert belegt werden können, aber erst mit der Reichsgründung 1871 sei das Wort als Konkurrenz zu national aufgekommen. Es setzte sich laut GdfS mit dem Aufkommen der Völkischen Bewegung mehr und mehr durch. Deren Ziel sei eine ethnisch und kulturell homogene Nation gewesen.  

Wesentlicher Bestandteil der völkischen Ideologie sei das Rassendogma der Nationalsozialisten gewesen. Wie die Sprachexperten feststellen, wurde damit die Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft gekennzeichnet, das allerdings in klarer "chauvinistischer, rassistischer und demagogischer Absicht". Die nationalsozialistische Ideologie benutzte das Wort demnach um ein Volk als "Rasse" zu definieren. "Völkisch" sollte also "zur Rasse gehördend" bedeuten.  

Der Vorsitzende der GfdS, Peter Schlobinski, wies in dem Zusammenhang klar darauf hin, dass "völkisch" negativ konnotiert ist. Der negative Beigeschmack des Wortes würde sich nur dann auf das Wort Volk ausdehnen, wie AfD-Politikerin Petry befürchtet, "wenn unter Volk nicht Staatsvolk, sondern eine durch Rasse und Boden geprägte Gemeinschaft verstanden wird".

Beitrag von Anke Fink

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