Der Nauener Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD) spricht am 25.08.2015 nach dem Brandanschlag zu Bürgern (Quelle: dpa/Nestor Bachmann)
Audio: Inforadio | 24.11.2016 | Interview mit Detlef Fleischmann

Prozessauftakt nach Brandanschlag - Bürgermeister: Anschlag in Nauen war "auch ein Weckruf"

Nach dem Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Nauen hat am Donnerstag der Prozess gegen sechs Männer begonnen. Als Zeuge geladen ist auch der Bürgermeister, Detlef Fleischmann. Der Anschlag sei eine neue Dimension von Gewalt in der Stadt gewesen, berichtet er.

Nauen, Ende August 2015. Eine Sporthalle, in der Flüchtlinge untergebracht werden sollen, brennt nieder. Es ist der erste große Vorfall dieser Art in der Region seit Jahrzehnten. Fast anderthalb Jahre haben die Behörden ermittelt, von Donnerstag an müssen sich nun die mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Potsdam verantworten: Insgesamt sechs Männer aus der Neonazi-Szene, einer von ihnen der NPD-Funktionär Maik S.. Ihm und vier anderen Angeklagten wird zudem vorgeworfen, Anfang 2015 eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben.

Als Zeuge geladen ist unter anderem auch der Nauener Bürgermeister, Detlef Fleischmann (SPD). Er zeigte sich im rbb erleichtert, dass es bereits nach relativ kurzer Zeit zum Prozess kommt. Für die Stadt sei die Tat eine Art Weckruf gewesen: Viele Bürger seien danach bereit gewesen, Flüchtlinge zu unterstützen.

Brandanschlag war eine neue "Qualität"

Fleischmann wird in dem Prozess als Zeuge geladen, weil er bei einer Stadtverordnetenversammlung dabei war, die von dem Hauptangeklagten und dessen Unterstützern massiv gestört wurde - da ging es noch um die Flüchtlingsunterbringung.

In der Nacht zum 25. August 2015 erfuhr Fleischmann als einer der ersten von dem Brandanschlag: "Es war 3.04 Uhr, als mich mein Brandschutzmeister anrief und sagte, dass die Flüchtlingsunterkunft brennt", erinnert sich der Bürgermeister im rbb. "In den ersten Momenten funktioniert man nur. Aber im Laufe des Vormittags sind wir uns der Sache gewahr geworden, was dort wirklich passiert ist, mit welcher brachialen Gewalt auch Leben aufs Spiel gesetzt wurden."

Das sei eine "Qualität" gewesen, die bis dahin in Nauen noch nicht vorhanden war. "Das war ein Schock."

Fleischmann lobt die schnellen Ermittlungen

Es sei zwar zuvor auch schon einen harten Kern einer Neonazi-Szene in der Umgebung aktiv gewesen, "die sind aber eher in Einzelaktionen aufgetreten, etwa am 20. April jedes Jahr mit einer Mahnwache", so Fleischmann. Das seien "punktuelle Erscheinungen" gewesen, "denen die Zivilgesellschaft auch entgegengetreten ist".

Mit Beginn der Diskussion über einen Standort für Flüchtlinge im Jahr 2015 habe sich die Stimmung dann aber verändert. "Da hat die NPD ihre Chance gesehen, auch eine größere Gruppe anzusprechen. Vielleicht war diese Tat, so schlimm das klingt, auch ein gewisser Weckruf."

Fleischmann lobt die Ermittlungsarbeiten und sieht es als gutes Zeichen, "dass die mutmaßlichen Täter bereits jetzt zur Verwantwortung gezogen werden".

Prozess mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen

Die Anklage geht davon aus, dass Maik S. in der Nacht zum 25. August zusammen mit zwei Komplizen die Halle anzündete, um zu verhindern, dass dort hundert Flüchtlinge einziehen. Ein vierter Mann soll als Mitglied einer WhatsApp-Gruppe eingebunden gewesen sein, zwei weitere hätten Schmiere gestanden. Die Staatsanwaltschaft beziffert den Sachschaden auf rund dreieinhalb Millionen Euro.

Der Gruppe werden zudem sechs weitere Taten seit Anfang 2015 zur Last gelegt, wobei die Männer meist allein oder zu zweit gehandelt haben sollen: Sie hätten öffentlich ausländerfeindliche Parolen gerufen, das Auto eines polnischen Bürgers demoliert und angezündet, vor einer Supermarktfiliale eine Zylinderbombe gezündet, das Büro der Partei "Die Linke" mit Farbbeuteln beworfen und eine Dixi-Toilette auf der Baustelle für ein neues Flüchtlingsheim angezündet.

Zu guter Letzt sind fünf der sechs Männer noch wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" angeklagt. Dafür drohen den Mitgliedern bis zu fünf Jahre Haft. Bei einer terroristischen Vereinigung wären es bis zu zehn Jahre. Insgesamt sind elf Verhandlungstage bis Ende Januar vorgesehen. Der Prozess findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt.

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