Andrej Holm, Stadt-Soziologe, aufgenommen am 30.03.2014 während der ARD-Talksendung "Günther Jauch" zum Thema: "Luxusgut Wohnen - wird die Miete unbezahlbar?" im Studio des Berlin Gasometer. (Quelle: dpa/Schindler)
Audio: Inforadio | 12.12.2016 | Christoph Reinhardt

Kommentar | Stasi-Vergangenheit von Andrej Holm - Das Recht, sich neu zu bewähren

"Geschichtsvergessen" findet CDU-Fraktionschef Graf die geplante Ernennung Andrej Holms zum Staatssekretär - weil Holm kurz vor der Wende als 18-Jähriger Stasi-Mitarbeiter wurde. Doch die Vorwürfe sind unverhältnismäßig, kommentiert Christoph Reinhardt.

Insgesamt fünf Monate lang war Andrej Holm Offiziersschüler bei der Stasi. Im Einzelnen: vier Wochen militärische Grundausbildung, nochmal sechs Wochen, bis unter der Regierung Modrow der erste Umbau des Apparats begann - und weitere acht Wochen, bis klar war, dass Holm vorzeitig entlassen und die Stasi aufgelöst werden würde. Ich mag ja geschichtsvergessen sein, aber mit Verlaub: Das ist eine kurze, eine sehr kurze Zeit. Viel zu kurz, als dass ein 18-Jähriger währenddessen so viel moralische Schuld aufladen könnte, die 27 Jahre später immer noch so groß wäre, um eine Karriere als Fachpolitiker unmöglich zu machen.

Wenn jemand etwas anderes über Holm und seine Zeit bei der Stasi weiß, der soll es jetzt sagen. Oder für immer schweigen. Und das hat nichts zu tun mit "Schwamm drüber", sondern mit dem Recht jedes Menschen, an seinen Taten gemessen zu werden, gegebenenfalls Fehler zu korrigieren - und sich neu zu bewähren.

An den Taten messen, nicht an der Vergangenheit

Der Fall Holm wird niemandem gefallen, der unter der Stasi gelitten hat. Er darf auch der Opposition nicht gefallen, deren Aufgabe es ist, den Finger in die Wunde zu legen. Aber die Verhältnismäßigkeit muss stimmen. Fünf Monate bei der Stasi, seitdem 27 Jahre ohne - wie lange sollte eine angemessene Bewährungszeit denn sein? Ich möchte zum Beispiel Herrn Florian Graf von der CDU, früher kurz mal bekannt als Herr Dr. Graf, heute nicht mehr daran messen, wie viel Schindluder er mal mit seiner Doktorarbeit getrieben hat. Vielmehr möchte ich ihn daran messen, wie gut er seinen Job als CDU-Fraktionschef macht.

Ich finde es furchtbar, wie er jetzt Holms Zeit als 18-Jähriger bei der Stasi mit einem eingestellten Ermittlungsverfahren vor einem Jahrzehnt und seiner Arbeit als linker Stadtsoziologe verrührt und vermischt nach dem Motto "Irgendwas wird schon hängen bleiben". Wer so sein politisches Geschäft betreibt, dem braucht niemand einen Doktortitel zu entziehen. Seine politischen Taten sprechen für sich. Und Andrej Holm möchte ich daran messen, was er für eine sozialere Stadtentwicklung erreicht. An seinen Taten, nicht an seiner Vergangenheit.

Beitrag von Christoph Reinhardt

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5 Kommentare

  1. 5.

    Warum sollte Andrej Holm sich noch bewähren müssen? Hat er nicht schon lange gezeigt, wofür er steht? Unermüdlich kritisiert er seit Jahren eine Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik, mit der systematisch Menschen aus ihrer Nachbarschaft verdrängt, Kieze zerstört und Grünflächen vernichtet werden. Den Begriff Gentrifizierung hat er nicht nur in die politische, sondern auch in die wissenschaftliche Debatte eingebracht. Er ist eine öffentliche Person, er tritt ein für das Menschenrecht auf Wohnen, für bezahlbaren Wohnraum, und für ein Recht auf Stadt. Einen besseren Staatsseketär können sich doch die meisten BerlinerInnen kaum wünschen. Daran sollte er doch gemessen werden. Ich habe auch den Eindruck, dass seine Jugendsünde nun hochgekocht wird von denjenigen, die lieber die Interessen der Investoren bedienen würden.

  2. 4.

    Grundsätzlich bin ich dafür jemanden eine zweite Chance zu geben. Doch habe ich grundsätzlich auch Zweifel.Es muß ja auch eine Vorgeschichte geben warum die Stasi Ihn haben wollte.Oder warum Er dort hin wollte.Erst wenn man alle Zweifel widerlegen kann, und man alles Offenlegt, erst dann sollte man jemanden der so willensstark zur Stasi wollte einen solchen Posten geben. Wenn ich an die Geschichte von uns zurück denke, wurde das kleine Kind, das mit 13 gezwungen wurde sein Land zu verteidigen, als Nazi beschimpft und verurteilt.Andere wiederum Mitte der 90er Jahren ihren Polizeidienst aufgeben weil sie 14 Tage für die Stasi tätig waren.Ich finde all soetwas sollte man bedenken bevor man so ein Posten besetzt. Danke

  3. 3.

    Könnte es sein, dass man den Wissenschaftler Andrej Holm fürchtet und ihm deshalb am Zeug flicken will? Mich erinnert die Stimmungsmache u.a. an die Zeiten der "Berufsverbote", die der Sozialdemokrat Willi Brandt zunächst mitverantwortete und dann als "historischen Fehler" bezeichnete.

  4. 2.

    Dieses Recht sich neu zu bewähren hatten tausende Menschen nicht. Wo sind denn jetzt die Berufsankläger wie Herr Knabe um diesen MfS Mitarbeiter zu verteufeln.

  5. 1.

    Danke für diesen ausgewogenen Kommentar! Verhältnismäßigkeit wird von allen Seiten mittlerweile leider immer seltener gewahrt.

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