Eine Mutter zerrt ihren Kinderwagen die Treppe hinauf. (Quelle: imago)

Wo sind Berlin und Brandenburg barrierefrei? - Wenn Bahnfahren zur Zumutung wird

Längst nicht alle U-, S- und Regionalbahnhöfe in Berlin und Brandenburg können problemlos von allen genutzt werden. Immer wieder sind Bahnsteige nur über Treppen zu erreichen. rbb|24 hat in einer Datenanalyse die Ausstattung aller Bahnhöfe zusammengetragen. Von Friederike Schröter und Götz Gringmuth-Dallmer

Wer ein paar gute Taten vollbringen möchte, muss nicht weit fahren. Eichwalde liegt etwa 500 Meter von der Berliner Stadtgrenze entfernt. Die Gemeinde hat etwa 6.500 Einwohner und eine S-Bahn-Anbindung, die in 24 Minuten auf den Berliner S-Bahn-Ring führt. Theoretisch. Denn S-Bahn fahren kann hier nur, wer gut zu Fuß ist.

Der Bahnhof "Eichwalde" ist einer der wenigen im Netz der S-Bahn Berlin, die nicht barrierefrei ausgebaut sind. Hier ist ein Ausflug mit frisch operierter Hüfte oder schwerem Kinderwagen noch eine Zumutung. Helfende Hände, die Buggys oder Rollatoren über die beiden Treppen tragen, sind gerne gesehen.

"Unsere Gemeinde hat viele ältere Menschen und auch der Anteil an jungen Menschen nimmt nicht ab", sagt der Eichwalder Bürgermeister Bernd Speer gegenüber rbb|24. "Also gibt es bei uns im Straßenbild viele Kinderwagen, Fahrräder, Rollatoren, Elektromobile – Geräte, für die ein barrierefreier Zugang zum Nahverkehr wichtig ist." Doch Eichwalde liegt nicht in Berlin, sondern schon in Brandenburg – und die Priorität, ihn barrierefrei auszubauen, war nicht besonders hoch.

Die Berlin-Karte

Im Folgenden sehen Sie eine Karte mit allen S- und U-Bahnhöfen in Berlin und ihrer aktuellen Ausstattung. (Quellen: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz (SenUVK), VBB, Kleine Anfrage der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus + eigene Recherche)
Wenn Sie diese Karte nicht sehen können, klicken Sie bitte hier.

Elf S-Bahnhöfe in Berlin nicht barrierefrei

Sowohl im Berliner als auch im Brandenburger Verkehrsnetz gibt es etliche Bahnhöfe, die nicht barrierefrei sind. In der Hauptstadt sind das vor allem U-Bahnhöfe: 62 der 173 Berliner U-Bahnstationen sind nur über Treppen erreichbar. Das sind 36 Prozent.

Die Berliner S-Bahn hält an 166 Bahnhöfen in Berlin und Brandenburg. Immerhin 155 Bahnhöfe sind entweder ebenerdig oder mittels Rampen oder Aufzüge erreichbar, nur elf sind nicht stufenfrei erreichbar: Die S-Bahnhöfe Gehrenseestraße, Hirschgarten, Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, Marienfelde, Nöldnerplatz, Ostkreuz (noch nicht vollständig), Warschauer Straße, Wilhelmshagen, Yorckstraße, Schönfließ und Eichwalde.

Straßenbahnhaltestellen sollen laut Koalitionsvertrag barrierefrei werden

"Der barrierefreie Ausbau des U- und S-Bahnnetzes soll bis 2020 erfolgen, barrierefreie Straßenbahnhaltestellen werden bis 2022 angestrebt." So steht es im Koalitionsvertrag des neuen rot-rot-grünen Senats. "Das ist ein gutes Signal", lobt Dominik Peter, der Vorsitzende des Berliner Behindertenverband, "ich habe jedoch meine Zweifel, dass das realisiert werden kann. Wo soll das viele Geld herkommen?"  

Die barrierefreien Ausbauten bei der BVG werden von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und zum Teil durch Sondermittel der Senatsverwaltung für Finanzen finanziert. Die Ausbauten der S-Bahn trägt zum Teil die Deutsche Bahn.

Für einen großen Teil der nicht barrierefreien Bahnhöfe seien bereits Baugenehmigungsverfahren eingeleitet, heißt es aus der Pressestelle der BVG. Die Reihenfolge der Fahrstuhleinbauten richte sich nun nach Abschluss und Kapazitäten der Bauunternehmen. 2017 stehen 13 U-Bahnhöfe auf der Liste, die Fertigstellung der restlichen für die Jahre 2018 bis 2020.

Die Deutsche Bahn plant bis Ende 2019 den stufenfreien Ausbau von 96 Prozent ihrer Bahnhöfe, der Ausbau für die Stationen Marienfelde, Schöneweide, Hirschgarten und Yorckstraße sowie Nöldnerplatz sind jedoch erst für 2022 und 2023 angedacht. Soll das Ziel des Koalitionsvertrages eingehalten werden, muss hier das Tempo noch angezogen werden.

Die Brandenburg-Karte

Im Folgenden sehen Sie eine Karte mit allen S- und Regionalbahnhöfen in Brandenburg und ihrer aktuellen Ausstattung. (Quellen: Kleine Anfrage der Fraktion der Grünen im Brandenburger Landtag, VBB + eigene Recherche)
Wenn Sie diese Karte nicht sehen können, klicken Sie bitte hier.

Anmerkung zur Legende: Ein Bahnhof gilt als "barrierefrei", wenn zusätzlich die Bahnsteigbeläge mit Blindenleitsystemen ausgestattet sind, die Fahrtrichtungsanzeiger und die Fahrpläne und Informationsaushänge in einer für Rollstuhlfahrer lesbaren Höhe angebracht sind und die Aufzüge entweder über Tasten mit Brailleschrift und/oder über eine Ansage der Geschosse und Geländer verfügen und ausreichend Bewegungsfreiheit bieten.

88,5 Prozent der Brandenburger Regionalbahnhöfe sind stufenfrei

In Brandenburg dagegen waren im Jahr 2015 bereits 88,5 Prozent der Regionalbahnhöfe laut Deutscher Bahn stufenfrei erreichbar (insgesamt 282 von 314). Viele von den nicht barrierefreien Bahnhöfen haben unter 1.000 Ein- und Aussteiger am Tag. Von den großen Bahnhöfen dagegen warten nur noch die Bahnhöfe Cottbus (wird derzeit umgebaut), Rangsdorf, Calau, Eisenhüttenstadt, Elsterwerda, Ruhland und Velten auf ihre Barrierefreiheit.

Für Bahnhöfe unter 1.000 Ein- und Aussteigern am Tag gibt es dagegen keine Vorgaben bezüglich eines barrierefreien Ausbaus. Die kleinen Brandenburger Bahnhöfe hätten auch andere Probleme, sagt Michael Jungclaus, verkehrspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion Bündnis90/Die Grünen in Brandenburg.

Barrierefreier Ausbau im nächsten Schritt

Jungclaus hat in den vergangenen beiden Jahren alle Brandenburger Bahnhöfe besucht, die weniger als 50 Ein- und Aussteigende täglich verzeichnen und deshalb als "nachfrageschwach" gelten. Ihnen droht die Gefahr, ganz geschlossen zu werden. "Diese Bahnhöfe werden teilweise nur einmal am Tag angefahren, es fehlt an Abstellmöglichkeiten für Fahrräder oder Autos und auch die Busanbindung ist nicht optimal", so Jungclaus. "Würde man die Bahnhöfe in dieser Hinsicht attraktiver gestalten, würden sie vielleicht auch besser genutzt", so das Fazit seiner Bahnhofstour. Der barrierefreie Ausbau müsste dann im nächsten Schritt angegangen werden. 

Für die Gemeinde Eichwalde - eine Brandenburger S-Bahnstation mit weit mehr als 1.000 Nutzern täglich - gibt es inzwischen immerhin einen Umbauplan. Vier Jahre lang hat das Rathaus mit der Deutschen Bahn um Art des Ausbaus und Finanzierung gerungen, nun steht das Vorhaben: Im Jahr 2018 soll auch Eichwalde Rampen und einen Fahrstuhl bekommen. Als einer der letzten Bahnhöfe im S-Bahn-Streckennetz.

Beitrag von Friederike Schröter und Götz Gringmuth-Dallmer

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Nach Informationen von http://www.bahnhof.de/bahnhof-de/Fuerstenberg__Havel_.html?hl=f%C3%BCrstenberg
    ist der Bahnhof Fürstenberg teilweise stufenfrei. Das bedeutet, der Zugang zu mindestens einem der Gleise ist stufenfrei. Ist diese Information Ihrer Erfahrung nach falsch? Wenn dem so ist, schicken Sie uns gern Fotos von den betreffenden Bahngleisen und Stufen. Dann ändern wir die Information in der Karte gern.

  2. 3.

    Die Karte ist schon veraltet: Fürstenberg ist seit dem Fahrplanwechsel wieder tiefrot und das wird vorerst auch so bleiben.

    Ein Armutszeichen für die Bahn, die damals diesen Bahnhof für Häftlingstransporte ins KZ Ravensbrück nutzte und nicht schlecht daran verdiente.

  3. 1.

    Warum muss man denn einen Artikel zu einem Berlin-Brandenburger Mobilitätsthema mit einem Foto aus Karlsruhe bebildern? Da hätte es doch sicher auch Bilder aus unserer Region gegeben...

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