Eine Polizeiwache befindet sich direkt gegenüber von dem Haus mit den Räumlichkeiten des Moschee-Vereins "Fussilet 33" in der Perleberger Straße in Berlin (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Video: Abendschau | 10.01.2017 | Norbert Siegmund und Jo Goll

Anis Amri an der Fussilet-Moschee - Neue Überwachungsbilder setzen Ermittler unter Druck

Seit Ende September war Anis Amri nicht mehr überwacht worden - denn Hinweise auf Terrorpläne habe es nicht gegeben, sagt Berlins Innensenator Geisel. Dass Amri wenig später an der IS-nahen Moschee in Moabit auftauchte, bringt die Ermittler nun in Erklärungsnot.

Die Auswertung von Überwachungsbildern hat ergeben, dass der spätere Berlin-Attentäter Anis Amri bereits am 2. und 3. Oktober die als radikal geltende Fussilet-Moschee in der Perleberger Straße aufgesucht hat. Zurzeit werde ermittelt, ob Amri im Umfeld der Moschee möglicherweise auf Unterstützer für seine Anschlagspläne stieß, sagte Berlins neuer Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Dienstagabend dem rbb.

Ermittler sichten "unglaubliche Datenmengen"

Zugleich rechtfertigte der SPD-Politiker das Vorgehen der Ermittler. Der spätere Attentäter, der den Behörden als "Gefährder" bekannt war, habe vom 5. April bis zum 21. September 2016 unter Dauerüberwachung gestanden. Da sich daraus jedoch keine Terror-Hinweise ergeben hätten, habe die Überwachung nicht mehr aufrecht erhalten werden können.

Zur Zeit würden Polizei und Verfassungsschutz daran arbeiten, "ein Bewegungsprofil von Anis Amri zu erstellen", sagte Geisel der rbb-Abendschau, und zwar für die Zeit vom 21. September bis 19. Dezember. Dazu müssten "unglaubliche Datenmengen von Videokameras überall in der Stadt" ausgewertet werden. Diese Arbeit werde "noch mehrere Wochen" dauern. Daher wisse man aber auch, dass Amri Anfang Oktober, also rund zehn Tage nach Einstellung der Dauerüberwachung, zweimal die Fussilet-Moschee besucht habe.  

Geisel will Bewegungsprofil "lückenlos nachverfolgen"

Geisels Angaben zufolge wollte der Verfassungsschutz Anfang Oktober ein Islam-Seminar der Salafisten-Szene observieren, das in der Moschee in Berlin-Moabit stattfinden sollte. Da das Seminar nicht stattfand, wurde das Material nicht vollständig ausgewertet. Das habe man nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt nachgeholt. Doch selbst wenn die Bilder bereits Anfang Oktober bekannt gewesen wären, so Geisel, hätte man daraus nicht den Schluss ziehen können, dass Amri am 19. Dezember einen LKW besteigt und Menschen überfährt.

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, kritisierte die Informationspolitik der Berliner Polizei im Fall Amri. In der Sondersitzung des Innenausschusses am 23. Dezember habe er sich durch den Polizeipräsidenten, Klaus Kandt, nicht umfassend informiert gefühlt. Er habe nach Video- und Bildaufnahmen von Amri vor der Fussilet-Moschee gefragt und keine Antwort erhalten, sagte Lux dem rbb. Der integrationspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Burkhart Dregger, nannte das Vorgehen der Berliner Polizeiführung im rbb "ungehörig".

Fussilet-Moschee stand schon länger im Fokus

Geisel wies diese Vorwürfe zurück. Der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses sei kurz vor Weihnachten mit dem Wissensstand vom 23. Dezember 2016 informiert worden. Morgen, am Mittwoch, werde er die innenpolitischen Sprecher der Fraktionen mit dem Wissenstand vom 11. Januar 2017 informieren, sagte Geisel. "Wir werden auch weiterhin alles unternehmen, um das Bewegungsprofil von Anis Amri in Berlin lückenlos nachverfolgen zu können", sagte der SPD-Politiker. Zuvor hatte er die Sicherheitsbehörden aufgefordert, auch die Wochen vor dem Anschlag am 19. Dezember zu untersuchen. "Alle Fakten müssen auf den Tisch", erklärte er.

Der Verdacht, dass Amri Kontakte zur Fussilet-Moschee unterhielt, stand schon länger im Raum. Laut Bundesanwaltschaft hat Amri die Moschee auch am Tattag, dem 19. Dezember, aufgesucht. Das sagte die Sprecherin der Behörde, Frauke Köhler, bei einer Pressekonferenz am 4. Januar. Dem rbb lagen bereits kurz vor Weihnachten Bilder aus einer Überwachungskamera vor, die im Polizeiabschnitt gegenüber der Moschee postiert war. Auch auf diesen Bildern war nach damaligem Erkenntnisstand Amri zu sehen, und zwar kurz vor und kurz nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt. Allerdings meldete sich kurz darauf ein Mann bei den Behörden und erklärte, dass er selbst und nicht Amri auf den Bildern zu sehen sei.

"Moschee der ISIS-Leute in Berlin"

Die Fussilet-Moschee gilt als einer der der wichtigsten Treffpunkte von Islamisten in Berlin. Wie rbb-Reporter Jo Goll kurz vor Weihnachten berichtete, halten Ermittler die Schließung der Moschee für überfällig. Der Moscheeverein heiße "Fussilet 33" und sei nach einer Koransure benannt. "In Ermittlerkreisen ist die Moschee als die IS-Moschee der Hauptstadt bekannt und die Moscheevorstände selbst bezeichnen ihr Haus als 'Moschee der ISIS-Leute Berlin'. Das geht aus Abhörprotokollen von Telefonaten hervor", sagte Goll anlässlich der Sitzung des Innenausschusses am 23. Dezember, vier Tage nach dem Attentat.

Wenn die Ermittler Amri Anfang Oktober an der Moschee fotografiert haben, stelle sich die Frage, ob die Ende September eingestellten Überwachungsmaßnahmen nicht wieder hätten aufgenommen werden müssen, sagt Goll. Die Verantwortlichen in den Sicherheitsbehörden müssten sich fragen lassen, ob der Anschlag vom 19. Dezember hätte verhindert werden können.

Kommentar

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Antwort auf [Skorpion] vom 10.01.2017 um 21:57
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6 Kommentare

  1. 6.

    Ich finde es völlig unnötig jetzt soviel Energie, Zeit und Kosten aufzuwenden um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Richtet diesen Aufwand auf die hier weilenden Gefährder! Das macht Sinn!

  2. 5.

    Bei Geisel verschwinden schon mal Unterlagen für zwei Monate in der Schublade wenn es ihm passt; wie zuletzt das Rechtsgutachten zum Volksentscheid Fahrrad. Dem glaub ich nix mehr.

  3. 4.

    @HG - ich muss dir beipflichten.

  4. 3.

    @Michael - jeder bekommt die Regierung, die er verdient. Amerika, Russland, Ukraine, Türkei, Berlin....

  5. 2.

    Michael - wenn eine schliesst, eine neue wird irgendwo heimlich aufgemacht. Und die Polizei hat eine noch schwierige Aufgabe, die auszuspähen.

  6. 1.

    Die Moschee sofort schließen alle Unterlagen/Computer sofort beschlagnahmen, aber der Berliner Senat will erst noch den Richterlichen Beschluss abwarten so in 2 bis 3 Wochen könnte es denn sein, aber wahrscheinlich wird das auch per Post dann erst mal bei dem verein angekündigt werden,dieser Senat ist nur noch ein Chaos Verein, aber was soll bei rot, rot Grün schon anderes raus kommen, arme Berliner aber viel wollten es ja so haben., sorry aber gewählt ist eben gewählt aber in 4 Jahren ist auch alles wieder vergessen, Gelle !!

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