Das Haus der Statistik am 04.03.2016 (Quelle: imago/PEMAX)

Kolumne | Erinnerung an die Wendezeit im Haus der Statistik - Mein erster sozialistischer Plattenbau

Über acht Jahre lang steht das Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz schon leer. Jetzt soll es wiederbelebt werden. Andrea Marshall  hat Zweifel, dass das funktioniert. Sie kennt den Plattenbau aus der Wendezeit - und hat sich dort gegruselt.

Es sieht aus wie eine riesige Ruine, seit die letzten Behörden 2008 ausgezogen sind. Doch bald sollen Künstler und Geflüchtete, Nachbarn, Lehrer und Beamte das "Haus der Statistik" am Berliner Alexanderplatz bevölkern. Rot-Rot-Grün will die Platte kaufen. Die Verhandlungen mit dem Bund befinden sich angeblich in einer entscheidenden Phase.

Echt jetzt? Ein Gemeinschaftszentrum samt "Akademie der Zusammenkunft" - ausgerechnet im Haus der Statistik, dem unkommunikativsten Ort der Stadt, diesem stummen, dunklen Riesen? Ich bin überrascht, dass man das überhaupt versuchen will. Denn ich persönlich verbinde mit dem Gebäude gruselige Erinnerungen, seitdem ich es zu Wendezeiten selbst erlebt habe.

Hangover nach der Euphorie

Es muss im Winter 1990/91 oder kurz danach gewesen sein. Die Wiedervereinigung war gerade über die Bühne, die Euphorie des Mauerfalls und des großen West-Berliner Studentenstreiks gehörte schon der Vergangenheit an. Wir waren bis kurz vor die Weltrevolution gekommen, aber eben nicht weiter. Jetzt hatte der Hangover eingesetzt. Verunsichert waren nicht nur die Ossis, deren Lebenswelt komplett zusammengebrochen war. Auch wir West-Berliner hatten Zukunftssorgen. Jedenfalls ich.

Mein erster Plattenbau

Das Geld war knapp, deshalb organisierte ich mir einen Studentenjob. Und landete eben im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Es war und ist, anders als der Name mir suggeriert hatte, kein nettes Häuschen mit rotem Ziegeldach, sondern ein riesiger Gebäudekomplex aus Neun- bis Elfgeschossern. Mein erster sozialistischer Plattenbau! Und dann noch einer, in dem planwirtschaftliche Rechenkunst praktiziert worden war, jedenfalls stellte ich mir das so vor: Brauchte man nicht für Fünf-Jahres-Pläne und ähnliches besonders viele und gute Statistiken?

Doch wie die Berechnung des DDR-Lebens funktionierte, sollte ich nie erfahren. Das Haus stand schon damals mindestens teilweise leer. Außerdem arbeitete ich am späten Nachmittag und Abend, also nach Dienstschluss der Behördenmitarbeiter. Ich war jetzt Interviewerin eines westdeutschen Markt- und Meinungsforschungsinstituts. Es war nach meiner Erinnerung das erste, das sich auf das Erforschen der Meinung ehemaliger DDR-Bürger spezialisiert hatte.

Unentrinnbares Labyrinth

Der Job entpuppte sich als echte Herausforderung. Schon die Aufgabe, das Büro überhaupt zu finden, erforderte Nervenstärke. Bei Einbruch der Dunkelheit war der Komplex für mich ein einziger, gespenstischer Irrgarten aus kilometerlangen, menschenleeren Gängen und Fluren. Manche waren gleißend hell erleuchtet, manche flackernd, weil das Leuchtmittel langsam die Grätsche machte. Andere Flure waren bereits stockdunkel. Die abgehenden Büros: verlassen, leer.

Telefone auf dem Schreibtisch von Erich Mielke in der Forschungs -und Gedenkstätte in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Aufgenommen am 12.05.2006 (Quelle: imago/Bernd Friedel)
Ähnlich wie die Telefone von Stasi-Chef Mielke sahen früher auch die Apparate im Haus der Statistik aus.

Hier erfüllte keiner sein Plansoll mehr. Oder war da doch noch jemand? Seltsame Geräusche, Hirngespinste? Und die Frage: Komme ich jemals wieder lebend aus diesem unentrinnbaren Labyrinth? So fühlte es sich an.

Nicht erinnern kann ich mich, ob wir Interviewer damals im Stasi-Trakt saßen. Das ist gut möglich. Geheimdienstler waren zu DDR-Zeiten nämlich ebenfalls im Haus der Statistik untergebracht. Sie hinterließen in den oberen Stockwerken leerstehende Büros mit vielen Telefonen.

Kaum Telefone in der DDR

Die Aufgabe von uns West-Studenten war es nun, von einem dieser grauen Plastiktelefone aus nach einem standardisierten Fragenkatalog lange Interviews mit Ostdeutschen zu führen. Dazu muss man wissen, dass zu DDR-Zeiten und kurz danach nur wenige Haushalte ein Telefon besaßen. 1989 betrug die Telefondichte in Ostdeutschland nur 17 Prozent. Angeschlossen waren vor allem SED-Parteifunktionäre, Ärzte oder Stasi-Mitarbeiter.

Solche Leute riefen wir also an. Die Qualität der Verbindung war oft schlecht, es rauschte, knackte und zischte in der Ohrmuschel. Oft antworteten am anderen Ende ältere Frauen. Viele waren misstrauisch, denn die Abzocke gutgläubiger Ostdeutscher durch geldgierige Versicherungsvertreter oder andere vermeintliche Glücksritter aus dem Westen war andernorts in vollem Gange.

Andere freuten sich über einen Anruf von netten jungen Leuten und das Interesse an ihrem Leben. Wir allerdings waren weniger zum Plaudern aufgelegt. Wir wurden schließlich pro abgeschlossenem Interview bezahlt.

Umfragen zu Sex und Aids

Manchmal jedoch mussten wir von den standardisierten Fragen abweichen. Beispielsweise bei einer absurden Umfrage im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums, bei der der Wissensstand von Ex-DDR-Bürgern zum Thema Aids erforscht werden sollte. Aids! Und das bei jenen mit Telefonanschluss, also bei der einst staatstragenden Elite. Damit ich die entscheidenden Fragen überhaupt stellen konnte, musste ich erst über Unverfängliches sprechen, etwa den Blutdruck oder die Ernährung. Aber dann ging es zur Sache. Wie häufig haben Sie Geschlechtsverkehr? Wann zuletzt? Besondere Sexualpraktiken? Wie schützen Sie sich bei wechselnden Partnern?

Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die daraufhin sagte: "Mein Mann ist vor zwei Wochen gestorben." Peinliche Stille auf beiden Seiten. Die Leitung knackte und zischte. Dann habe ich versucht, irgendwie noch die zwischenmenschliche Kurve zu kriegen. Außerhalb des Fragebogens.

Jagdklause und Natascha wiederbeleben

Jetzt also soll dieser "heimelige" Arbeitsort von damals als Gemeinschaftszentrum revitalisiert werden. Wie das funktionieren soll, ist mir Jahrzehnte nach der Wende ein Rätsel. Vielleicht klappt es mit den DDR-Gaststätten "Jagdklause" und "Mocca-Eck". Die könnte man im Erdgeschoss wieder einrichten. Vielleicht auch den "Natascha"-Verkaufsraum mit Produkten aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch das Wandgemälde "Lob des Kommunismus" könnte wieder einen Platz finden. Und sorgt bitte unbedingt für anständige Beleuchtung! Dann, aber nur dann, würde ich die alte DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen" gerne wieder hören.

Beitrag von Andrea Marshall

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6 Kommentare

  1. 6.

    Vor einigen Jahren führte ich ein Seminar in Adlershof durch. Beim
    Mittagessen auf der Dachterrasse schauten wir in alle
    Himmelsrichtungen über Berlin. Da krähte ein Teilnehmer aus NRW: und das da ist die Ostplatte!! Dumm gelaufen, er zeigte auf die Gropiusstadt. Auch wäre vorher informieren wohl besser gewesen...

  2. 5.

    Ja, in der DDR hatten viele Leute kein Telefon und Schwierigkeiten, einen der begehrten Anschlüsse zu bekommen. Ganz sicher wurden die genannten drei Gruppen bevorzugt bei der Vergabe von Anschlüssen. Aber dennoch hatten auch "normale" Bürger Telefon, wen hätte man sonst abhören können. Im Ernst: haben Sie sich nicht gefragt, ob die Stichprobe, die Sie da für Ihre Befragungen anriefen, vor allem diesen drei Gruppen angehören? Hätte das die Ergebnisse ihrer standardisierten Befragungen irgendwie verzerren können? Ist mir jetzt peinlich, aber was haben Sie denn studiert?

    Waren es im Haus der Statistik nun lange Gänge oder ein Labyrinth?

  3. 4.

    Das kann ich gut nachvollziehen. Ich musste dort früher (zu DDR-Zeiten) immer die Statistik meines alten Betriebes abgeben. Dabei musste ich nur in den Eingangsbereich, aber dafür schon meinen Ausweis vorzeigen und unter Beobachtung bleiben. Grausig!
    Deshalb finde ich die neue Idee hat nicht schlecht. So wird aus miesem was gutes.

    Und zu meinen Vorrednern: Über dem Text steht “Kolumne“, nicht “Reportage“. ;)

  4. 3.

    Ach, liebe Frau Marshall, ich weiß natürlich nicht, wie Sie zu der Ehre kommen, diesen Beitrag hier zu platzieren. Vielleicht weil der Inhalt den Verantwortlichen des Senders so gut ins Klischee passt. Sie bringen alle Stichworte zum Osten unter: Gruselig, runtergekommen, Stasi und immer wieder, nicht nur in Überschriften, Plattenbau oder Platte.
    Aber liebe Frau Marschall, das eben ist dieses Gebäude n i c h t. Es ist ein S k e le t t- Bau. Die Fassade ist nicht tragend, nur vorgehangen.
    Ich finde das Gebäude auch nicht schön, aber die Bausubstanz ist sicher solide, man kann was draus machen.
    Zu Ihrem Beitrag fällt mir nur ein - wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.

  5. 2.

    Ach, Frau Marschall, Sie Ärmste! Gab es denn keine anderen schönen Berufe? Hat man Ihnen denn nicht beigebracht, daß schreiben nicht die einzige notwendige Voraussetzung ist, um sich journalistisch auszulassen, sondern dazu auch ein Handwerkszeug namens Recherche gehört? Vielleicht interessiert es Sie ja am Rande, daß es sich bei Ihrem "ersten Plattenbau" um gar keinen Plattenbau handelt, sondern um einen Stahlbeton-Skelettbau, wie er nicht für die graue, dumme DDR, sondern in aller Welt für solche Zweckbauten typisch war und ist? Und hätten Sie, sagen wir mal: in einem Designmuseum gefragt, aus welchem Material damals im Goldenen Westen die Gehäuse der Telefone waren, Sie wären mindestens so geschockt gewesen wie ich, als ich 1990 als junger Journalist herausbekam, daß die Kacke der Wessis entgegen allen Vermutungen auch bloß braun war und aus ihren Nasen kein Rotwein floß.

  6. 1.

    Sehr geehrte Frau Marshall, es scheint mir, dass Sie Ihre Unzufriedenheit mit Ihrem damaligen Job auf das Haus übertragen haben. Jemand, besser etwas anderes muss ja schließlich Schuld sein... Schade, guter Journalismus sieht anders aus. Wenn Sie eine andere Sichtweise hören wollen, lade ich Sie gern auf einen Kaffee oder Tee ein.

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