Beileid und Blumen für die Opfer des Terroranschlags an der Gedächtniskirche in Berlin (Quelle: dpa/Rolf Kremming)

Anschlag auf Berliner Breitscheidtplatz - Kondolenzschreiben zwei Monate nach Anschlag verschickt

Michael Müller hat erst jetzt ein Kondolenzschreiben an die Angehörigen der Todesopfer vom Breitscheidplatz verschickt. Er habe sich angeblich bewusst Zeit gelassen. Die Charité konnte allerdings drei Tage nach dem Anschlag Briefe mit den Kosten für die Leichenschau zustellen.

Knapp zwei Monate nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hat jetzt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) Kondolenzschreiben an die Angehörigen der zwölf Todesopfer und die rund 50 Verletzten verschickt. Das berichtet der "Tagesspiegel" am Dienstag. Dem Bericht zufolge liegen noch immer elf Verletzte im Krankenhaus, zwei von ihnen mit sehr schweren Verletzungen.  

Müller hat sich wohl bewusst Zeit gelassen

Senatssprecherin Claudia Sünder begründete den langen Abstand zwischen dem Attentat am 19. Dezember und dem Verschicken der Kondolenzschreiben damit, dass es zum Teil schwierig gewesen sei, die Adressen der Opfer zu ermitteln. Müller hätte zwar darauf gedrängt, schnell zu reagieren, doch die Listen mit Angaben zu Kontaktpersonen seien zum Teil unvollständig gewesen, heißt es weiter. Man habe die Schreiben jedoch zeitgleich verschicken wollen.

In Müllers Brief steht geschrieben, er habe nach dem Anschlag "bewusst etwas Zeit vergehen lassen". In den letzten Wochen hätten ihn aus der ganzen Welt Gesten der Anteilnahme erreicht, die er nun weitergeben wolle. Er biete zudem an, dass sich die Betroffenen jederzeit an ihn wenden könnten.

51 Euro für die Untersuchung eines Toten gefordert

Die Angaben von Müllers Sprecherin stehen allerdings im Widerspruch zu Schreiben, die die Gerichtsmedizin bereits am 22. Dezember 2016 an die Angehörigen der Opfer geschickt hat, wie das Blatt weiterberichtet. In der standardisierten Rechnung für die "Untersuchung eines Toten (unbekannt) einschließlich Feststellung des Todes und Ausstellung eines Leichenschauscheins" seien jeweils 51 Euro Gebühren gefordert worden. Dem Bericht zufolge waren die Anschriften der Angehörigen der Todesopfer einfacher zu ermitteln als die der Verletzten, die in verschiedenen Krankenhäusern lagen. Unterschrieben seien die Schreiben der Charité vom Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Michael Tsokos, gewesen.

Charité entschuldigt sich für Rechnungen

Wie es im Bericht weiter heißt, sind die Charité-Schreiben drei Wochen später zurückgenommen worden. Die Rechtsmediziner hätten sich in einem weiteren Schreiben entschuldigt. Darin hieß es: "Wir möchten uns hiermit ausdrücklich bei Ihnen entschuldigen, dass Sie eine Rechnung für den Leichenschauschein erhalten haben, und wir bitten Sie, diese als gegenstandslos zu betrachten. Selbstverständlich müssen Sie diese Rechnung nicht bezahlen. Es handelt sich hierbei um ein bedauerliches administratives Versehen, das dem Ausnahmezustand nach dem fürchterlichen Anschlag hier in der Rechtsmedizin geschuldet ist und so nicht hätte passieren dürfen."

Tsokos hatte dem Tagesspiegel am Montag gesagt, die Mitarbeiter seien angewiesen gewesen, keine Rechnungen für die Obduktion zu schreiben. Dies sei im Drunter und Drüber der Ausnahmetage vor Weihnachten untergegangen.

Deutschland muss für Anschläge vorsorgen

Nach dem Berliner Bestattungsgesetz müssten die Angehörigen die Kosten der Obduktion übernehmen. Ausnahmen lasse das Gesetz nicht zu. Laut Tsokos hat seine Rechtsmedizin jährlich rund 2.000 Obduktion. Da könne man den Rechnungen nicht hinterherlaufen. Deshalb gebe es auch den Hinweis auf das Inkassounternehmen. Am Ende werde nur die Hälfte der Rechnungen bezahlt.

Deutschland sei auf solche Fälle wie den Anschlag vom Breitscheidplatz nicht eingestellt, sagte Tsokos weiter. Auch Senatssprecherin Sünder kündigte gegenüber dem "Tagesspiegel" an dieser Stelle Strukturreformen an.

Kommentar

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15 Kommentare

  1. 15.

    Es gab zahllose Reden und Kommentare, davon viele direkt an die Opfer und Hinterbliebenen gerichtet. Von Menschen der Öffentlichkeit, Politikern aller Parteien und Ränge. Sogar die AfD gab sich -mit einem Pastoren Fake- beinahe schon Mühe!
    BBTor angestrahlt. Gedenkkonzerte, Gottesdienste, Gebete. Schweigeminuten in der Öffentlichkeit, in Betrieben, in Wohnzimmern.
    Insgesamt viele, viele tausende Menschen überall,die tiefe, aufrichtige Anteilnahme empfanden, die mittrauerten, die jedem einzelnen Opfer in Gedanken beistanden.

    Bei allem Respekt:
    Dies als "vielleicht angemessen und notwendig" herabzuwürdigen - DAS ist empathielos. Und undankbar.

    Es ist destillierte Scheinheiligkeit, die Essenz der Pietätlosigkeit, sich wegen eines "Beileidsschreibens o.ä." als so schwer benachteiligt zu profilieren. Ein schäbiger Versuch um von der Loyalität, Kraft, (Nächsten-)Liebe und usammenhalt der Menschen abzulenken.

    Pfui!

  2. 14.

    Sie haben ja im zweiten Absatz bereits einige Beispiele gebracht. Im Allgemeinen werden die Menschen vom Staat in Watte gepackt um jedes Trauma zu vermeiden, andererseits ist die Gesetzeslage wie beschrieben. Es wäre vielleicht wirklich angebrachter, Kosten für Obduktion der Allgemeinheit anzulasten (ggf. mit Ausnahme, der Verursacher=z.B. Mörder könnte dafür herangezogen werden).

  3. 13.

    Warum haben die Berliner die denn dann gewählt oder waren das nur die mit den Mehrfach-Staatsbürgerschaften?

  4. 12.

    ...deren einziger Lebensmittelpunkt ihre nachhaltige Beschäftigung mit sich selbst zu sein scheint.

    PS:
    "Tsokos hatte dem Tagesspiegel am Montag gesagt, die Mitarbeiter seien angewiesen gewesen, keine Rechnungen für die Obduktion zu schreiben.

    Unterschrieben seien die Schreiben der Charité vom Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Michael Tsokos, gewesen."

  5. 11.

    Ein gesetzeskonformer, aber unsensibler Verwaltungsvorgang eines Krankenhauses, für dass man sich bereits entschuldigt hat; ein Bürgermeister, dem angesichts dieses schrecklichen Anschlags wie vermutlich uns allen auch nicht gleich die richtigen Worte einfallen - zwei unzusammenhängende Vorgänge werden hier zu einer "Topnachricht" zusammengefaltet... Kritische Berichterstattung? Oder ein neuer Versuch einen Skandal zu konstruieren, wo es keinen gibt? Manchmal habe ich den Eindruck, beim RBB wird Politik gemacht, anstatt über sie zu berichten. Man sieht ja an den Kommentaren dass die Sache polarisiert, ausgesprochen aufgebracht sind vor allem jene, die sich schon prinzipiell über die Existenz einer rot-rot-grünen Regierung aufregen. So ein Zufall aber auch.

  6. 10.

    Ich bekam am am 22.12.16 Post (Genauer: RECHNUNGEN)und zwar von meinem RA für Beratung, Arzt für iGeL, Polizeipräsidium wegen 8kmh zu schnell, Versicherungsprämie uuuuuund: Amazon für Geschenke. :) Nix mit Weihnachtsfrieden. Alle wollen sie ihr Geld. Und das ist auch legitim. Worauf man keinen Anspruch hat, kann man nicht bestehen.

    Das Krankenhaus hat die Angehörigen ermittelt oder festgestellt. So wie es bei jedem anderen Verstorbenen der Fall ist. Rechnung für die/den tote Mutter zu der man 25 Jahre keinen Kontakt hatte / toten Vater von dem man als Kind misshandelt wurde / Bruder, der von Nazis totgetreten wurde / Schwester die von einem Terroristen erstochen wurde...Man bekommt die Rechnung für die Leichenschau. Und evtl auch für die Beerdigungskosten. Ob es nun ein tragischer Tod war oder nicht. Gerecht oder nicht. In jedem Falle ist's pietätlos. Und automatisiert. Von einer Buchhaltungssoftware.
    Und kein Mensch ist unfehlbar. Künstliches Aufregen hilft keinem.

  7. 9.

    Danke für Ihren Kommentar. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! Mehr ist nicht zu sagen zum diesem armseligen Müller und seine Rot/Grünen Genossen.

  8. 8.

    Die Senatssprecherin kündigt Strukturreformen an, um solche Peinlichkeiten wie mit den Rechnungen zu vermeiden. Bloß nicht, fällt mir da spontan ein. Der Chef der Rechtsmedizin sollte sich vielmehr anständig verhalten. Anstand heißt hier: Es gibt einen sogenannten "Weihnachtsfrieden". Das meint, daß man um die Weihnachtszeit grundsätzlich keine Rechnungen verschickt, also auch nicht unterschreibt. Das hat neben dem Effekt des "Weihnachtsfriedens" auch noch prakmatische Gründe, denn um diese Zeit sind gewöhnlich weniger Mitarbeiter im Dienst. Das weiß jede Anwaltskanzlei, jeder freiberuflich tätige Arzt, Steuerberater, Architekt usw. Also bitte Herrn Prof. Dr. Tsokos belehren und vielleicht wäre eine Abmahnung hilfreich.

  9. 7.

    Jedes getötete Opfer des Terroranschlags besitzt eine individuelle Menschenwürde, weshalb das Argument der "Abarbeitung von Kondolenzschreiben nach vollständiger Liste" für mich eine sehr merkwürdige Form der Empathie darstellt.

  10. 5.

    Beim Anschlag auf dem Breitscheidplatz hat ein Mensch, der mir sehr nahesteht, seinen Liebsten verloren und unheilbare Verletzungen an Körper und Seele erfahren.
    Gedenkminuten, Gedenkgottesdienste,… vielleicht angemessen und notwendig, aber die Hinterbliebenen empfinden es bis heute einfach als schlichtweg schäbig und vollständig empathielos, daß seitens der Berliner Landesregierung keine einzige Zeile an die Hinterbliebenen in Form eines Beileidsschreibens o. ä. versandt wurde.

    Die bodenlose Pietätlosigkeit der im Beitrag erwähnten Rechnung zu erwähnen, lohnt schon fast nicht mehr.

    Der RRG- Koalitionsvertrag ist bis zum Abwinken (oder bis zum Erbrechen…) gefüllt mit Verständnis- und Toleranzbekundungen für alle möglichen und unmöglichen Geschlechter und Kulturen.
    Doch für diese kleine Geste des Mitgefühls hat es nicht gereicht? Wie widerlich und armselig.

  11. 4.

    Schämt euch.
    In Grund und Boden. Dieser möge sich auftun. ....
    Das sind unsere deutschen Behörden.
    Peinlich ist noch gar kein Ausdruck. .....
    Ob diese Rechnungen auch an die Angehörigen der ausländischen Toten geschickt wurden?
    Könnte das zu diplomatischen Verwerfungen kommen?
    Kondolenzschreiben nach 2 Monaten? ???
    Eine lahme Entschuldigung reicht hier nicht mehr.

  12. 3.



    Dieser saubere Herr Müller, ein total blasser und unscheinbarer Mensch .. hält sich für den Größten .. siehe auch als Fachmann für den BER ..

    Ein Hohn an die Opfer des Anschlages ..

    schämen Sie sich Herr Müller !!!!!!

    Und diese Rechnung setz dem ganzen noch die Krone auf .. jeder Illegale wird hier kostenlos gesundheitlich versorgt, das interessiert niemanden .. und Terroropfer müssen eine Rechnung bezahlen.. das ist echt eine Frechheit .. hätte die Rechnung an Frau Merkel gehen müssen, weil sie alles hinein lässt in unser Land

  13. 2.

    Die gesamte "offizielle" Handhabung spricht für Eiseskälte --> bis in's Herz.
    Mir "kocht DER Blut" !!! ... Mein Hals wird "immer dicker" !!! ... Pfui Deibel !!!
    Die Mehrzahl der Opfer waren Ausländer. ... Sowas nennt man "Imagepflege".

  14. 1.

    Es kann doch nicht sein, dass für eine staatlich angeordnete rechtsmedizinische Obduktion (in diesem Fall ja wohl durch die Bundesanwaltschaft angeordnet) die Angehörigen der Opfer zur Kasse gebeten werden...selbstverständlich hat der Staat oder das Land die Kosten zu tragen...

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