Klaus Lederer © Gregor Baron
Audio: Inforadio | 14.03.2017

Interview | 100 Tage Rot-Rot-Grün - Lederer: Umgang mit Castorf war unter aller Würde

Umstrittene Intendantenwechsel, Räumungsklage bei den Kudammbühnen und Großbaustelle Staatsoper - der neue Kultursenator Klaus Lederer (Linke) musste gleich zum Start in die Vollen gehen. Im Interview zeigt er sich trotzdem einigermaßen entspannt.

rbb: Herr Lederer, Sie sind seit rund 100 Tagen Senator. Wenn Sie morgens aufwachen, woran denken Sie als Erstes? An Kultur? An Andrej Holm?  An Religion? Oder Europa?

Klaus Lederer: Das kommt immer darauf an. An das was sich gerade in meinem Kopf abgespielt hat in der Nacht. Ich merke schon, ich träume intensiver und ich verarbeite. Die Schlagzahl von Terminen und Themen ist viel höher als vorher und ich hatte auch schon vorher nicht das Gefühl, ein fauler Mensch zu sein. Also es ist schon ein ziemlich Herausforderung und eine Frage der Gewöhnung.

Im Oktober haben Sie auf dem Landesparteitag der Linken für Rot-Rot-Grün geworben, und das klang damals etwas vorsichtig. Wie sehen Sie diese Konstellation heute?

Wir hatten relativ große Schwierigkeiten beim Start. Da kam der schreckliche Anschlag auf dem Breitscheidplatz und das war auch mental eine sehr, sehr anstrengende Sache. Man ist kaum im Amt und dann erlebt man sowas und muss damit irgendwie umgehen – auch mit den Erwartungen der Leute, darauf in kluger und bedächtiger Weise zu reagieren. Das ist uns unterm Strich ganz gut gelungen, denke ich. Und natürlich ist es auch so: Da treffen drei Partner aufeinander, die alle sehr unterschiedliche Erfahrungen haben. […] Da muss sich natürlich auch manches zusammenschieben und es gibt nicht sofort Vertrauen – vor allem, wenn man alles, was in internen Gesprächen gesprochen wurde, am nächsten Tag in der Zeitung liest. Wir mussten uns schon ein bisschen zusammenraufen.

Es hieß ja, die Linke will kein Koch-Kellner-Verhältnis des großen Koalitionspartners gegenüber dem Kleinen, das hat sie betont. Läuft die Zusammenarbeit bisher auf Augenhöhe?

Es gibt immer wieder Nicklichkeiten. Das ist aber ganz normal, glaube ich. Ich will mal die positiven Beispiele der Kooperation hervorrufen: Wenn Sozialsenatorin Elke Breitenbach und Finanzsenator  Kollatz-Ahnen gemeinsam anpacken in einer Weise und endlich passiert, was längst hätte passieren sollen: Dass die Turnhallen endlich leer geräumt  werden und die Geflüchteten eine vernünftige Unterkunft bekommen. Auch im Bereich der kulturellen Bildung arbeiten wir sehr gut mit der Bildungsverwaltung zusammen. Also es läuft auch vieles langsam gut an und ich glaube, dass die zweite Hälfte unserer ersten 100 Tage deutlich besser war als die Erste.

In Ihrer Rolle als Kultursenator haben Sie diese Zusammenarbeit von Rot-Rot-Grün betont. Bei den Ku’Damm-Bühnen haben Sie es so beschrieben, dass Ihre Kulturverwaltung zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister und ehemaligen Kultursenator Michael Müller von der SPD und dem zuständigen Bezirksstadtrat von den Grünen agierte. Haben dort tatsächlich alle an einem Strang gezogen?

Ja. Wir wollten endlich eine Lösung schaffen, die den Theater-Standort sichert. Wir haben am Anfang auch noch Illusionen gehabt, was die mögliche Sicherung der Bühnen als solche anbetrifft. Aber da musste ich sehr schnell lernen, dass der Zug schon vor Jahren abgefahren ist und dass das Land sich da auch eines Grundstücks und eines Nutzungsrechts beraubt hat – in einer Zeit, in der Berlin alles verkloppt hat, was nicht niet- und nagelfest war. Wenn Sie mich heute fragen, ich hätte vor 90 Tagen nicht gedacht, dass wir so eine Lösung präsentieren können wie jetzt vor zwei Wochen.

Und was die Übergangslösung für die Ku’Damm-Bühnen angeht: Geht dort die Zusammenarbeit weiter? Denn die müssen nächstes Jahr ausziehen und dann dauert es zwei bis drei Jahre bis ihr neues Haus steht. Was planen Sie da als Lösung?

Wir werden eine Lösung für die Zwischennutzung haben. Da ist das Schiller Theater natürlich eine denkbare Lösung, klar. Denn das ist ein Theater-Standort in der Nähe. Aber die Details werden wir dann bereden, wenn es soweit ist.

Das Schiller Theater soll ja frei werden, wenn die Staatsoper im Herbst auszieht. Wird das am 3. Oktober dieses Jahres sein – wie es ja eigentlich schon lange geplant ist?

Wir gehen fest davon aus, dass wir im Herbst dieses Jahres die Staatsoper eröffnen können. Ich bin da zuversichtlich.

Und nach der Eröffnung – Sie sagten, die Oper werde Unter den Linden nicht sofort in vollem Regelbetrieb spielen können – heißt das, einige Vorstellungen werden da stattfinden, andere im Schiller Theater?

Nein. Ich gehe davon aus, dass die Staatsoper das neue Haus tatsächlich sukzessive in Besitz nimmt. Sie müssen sich ja Folgendes vor Augen führen: Im Grunde ist in die Hülle des alten Gebäudes der Staatsoper eines der modernsten Opernhäuser gebaut worden. Da müssen Technikerinnen und Techniker lernen, wie sie das bedienen. Wir wollen ja keine Situation haben, dass der Vorhang auf der Hälfte stehenbleibt oder die Kulisse in der Luft hängt. Das muss alles geübt werden. Was in der Zeit erfolgen wird, ist das Einschleifen dieser Prozesse. Im Oktober wird aber dann trotzdem schon das Haus in Besitz genommen.

An der Staatsoper wird ein Intendantenwechsel angebahnt, das scheint relativ reibungslos zu laufen. Anders ist es beim Staatsballett: Die Beschäftigten haben sofort gegen die Entscheidung für das künftige Leitungsduo, Sascha Waltz und Johannes Öhmann, protestiert als sie bekannt wurde. Wie versuchen Sie, die Wogen zu glätten?

Das ist ja nicht der einzige Fall, in dem offenbar alle möglichen Beteiligten von einer vom Katheder verkündeten Lösung überrascht worden sind, ohne dass vorher ausreichend kommuniziert worden ist und ohne dass man gefragt hat „Wie stellt ihr euch eigentlich die Perspektive vor?“. Insofern werden wir jetzt mit sehr viel Sensibilität versuchen müssen, die Sorgen und Ängste die da existieren auszuräumen. Das heißt auch, dass die Intendanzen gefragt sind. Sie müssen diese Sorgen ernst nehmen und sie müssen darstellen, auf welche Art und Weise sie der Erwartung gerecht werden, dass im Staatsballett auch weiterhin klassisches Ballett auf höchstem Niveau gemacht wird. Natürlich nicht ausschließlich. Das ist auch jetzt nicht so, es gibt immer Kooperationsformen. Das Staatsballett hat unter der Intendanz von Malakhov tatsächlich Weltruf errungen, aber das ist in den vergangenen Jahren etwas ins Stottern gekommen.  Deshalb haben wir natürlich Interesse daran, jetzt einen schwungvollen Start hinzulegen. Und da sehe ich mich als Moderator.

Es gibt eine Personalie, die ist noch viel öffentlicher umstritten: Chris Dercon als Castorf-Nachfolger an der Volksbühne. Hat Ihnen Ihr Vorgänger als Kultursenator, Herr Müller, eigentlich eine Begründung genannt, warum Castorf mit seinen Mitte 60 nicht weitermachen soll? Andere leiten in dem Alter ja noch zehn bis 15 Jahre lang Häuser.

Also er hat weder mir noch der Öffentlichkeit dazu eine Begründung gegeben, sondern die Entscheidung wurde verkündet. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde die Art und Weise, wie man mit einem Theatermacher wie Frank Castorf umgegangen ist - für Berlin - eigentlich unter aller Würde. Hier geht es um ein Theater, das sich in den vergangenen 25 Jahren ein Standing erworben hat und weit über die Mauern unserer Stadt hinweg weltbekannt geworden ist. Nämlich durch eine spezifische Art des Spiels und des Aufgreifens gesellschaftlicher Konflikte im Theater. Das ist eine Theatertradition, die eine sehr lange Linie hat. Diese Theaterperspektive wurde auf diese Weise abrupt abgebrochen. Und ich glaube, ich bin nicht der Einzige, dem das unverständlich erscheint.

Sie haben das schon im Wahlkampf als Fehlentscheidung kritisiert und dann später auch angekündigt, die Personalie prüfen zu wollen. Warum konnten Sie offenbar trotzdem nicht daran rütteln?

Wenn man einen Vertrag abschließt, dann ist dieser Vertrag erstmal gültig. Man kann dann versuchen, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, die möglicherweise andere Wege eröffnen. Ich habe versucht, auch andere Möglichkeiten zu eröffnen, wo Chris Dercon, mit seinen ja durchaus vorhandenen Fähigkeiten unserer Stadt vielleicht besser und erfolgreicher hätte dienen können. Ich will keine Prognose geben, wie das jetzt wird, aber es ist bekannt, dass wir unterschiedliche Vorstellungen haben, was ein Stadttheater ausmacht und welche Produktionsweisen sich mit einem Stadttheater verbinden. Wir sind jetzt auseinandergegangen in dem Wissen darum, dass wir uns an dieser Stelle nicht einigen können. Ich halte trotz alledem diese Differenz für aushaltbar. Es bleibt uns ja auch gar nichts anderes übrig. Wenn ich am Vertrag festhalte, so erwarte ich umgekehrt, dass Chris Dercon seinen Vertrag auch erfüllt. Das heißt für mich jetzt auch, dass er als Intendant in der Verantwortung ist, mit den Menschen, die die Volksbühne ausmachen jetzt in eine schnelle Kommunikation zu kommen und auch dort die existierenden Sorgen, was die Produktionsweisen der Volksbühne betrifft, auszuräumen.

Wie viele Volksbühnenvorstellungen werden Sie sich bis zur Sommerpause in der letzten Castorf-Spielzeit noch ansehen, bevor Chris Dercon kommt?

Ich werde versuchen, so viele wie möglich mitzunehmen. Also ich war auch in der Vergangenheit sehr oft in der Volksbühne. Das ist ein Theater, mit dem ich mich persönlich sehr verbunden fühle. Mal schauen, möglicherweise kriege ich es sogar noch einmal hin mit nach Avignon zu fliegen, wenn Frank Castorf dort eine Vorstellung hat.

Werden Sie denn auch die Eröffnung an der Volksbühne in der neuen Spielzeit unter Chris Dercon besuchen oder sind Sie da reserviert?

Natürlich werde ich mir, wie in jedem anderen Theater unserer Stadt, anschauen, was die Intendanten, die Künstlerinnen und Künstler machen. Das gehört zum Beruf dazu. Es kann jetzt nicht darum gehen, Eitelkeiten oder Groll zu kultivieren. Ich habe meine Position gesagt. Nichts desto trotz bin ich natürlich voller Erwartungen, was zukünftig passiert.

Wie wird denn der Zuschuss für die Volksbühne unter dem neuen Intendanten Chris Dercon aussehen? Wie viel Geld wird er künftig bekommen, nach der, im Vergleich zu anderen Häusern, üppigen Ausstattung für ihn zum Auftakt?

Es gab unterschiedliche Signale. Also im Abgeordnetenhaus ist gesagt worden, dass der Aufwuchs Einmaliger sei, weil diese Doppelintendanzsituation das so erfordere. Daran halte ich mich natürlich. Das heißt, Chris Dercon hat ab der nächsten Spielzeit den Etat, den Frank Castorf auch hatte und er wird damit das Haus bespielen.

Als Ihre Handschrift als Politiker der Linken lese ich vor allem heraus, dass Sie die Spitzengehälter in der Kultur veröffentlichen wollen. Bisher galt in diesem Bereich höchste Diskretion. Teilen Sie nicht die sorge von Kritikern, dass das Spitzenleute abschrecken könnte, nach Berlin zu kommen?

Die Argumentationslinie kenne ich schon. Als wir im Jahr 2003/2004 im Abgeordnetenhaus die Initiative ergriffen haben, die Managergehälter der landeseigenen Unternehmen offen zu legen, sind mir dieselben Argumente entgegengehalten worden. Wir haben inzwischen alle Gehälter offen gelegt. Und keiner jammert mehr darüber, sondern alle finden es völlig normal, dass bei Gehältern, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden, Transparenz herrschen soll. Ich sehe diese Sorge nicht.

Ein weiteres wichtiges Anliegen von Ihnen als Linkspolitiker ist der kostenlose Eintritt in Kultureinrichtungen zu bestimmten Zeiten. Stichwort „Kultur für alle“. Was haben Sie da konkret vor?

Wir werden gucken müssen, dass wir bestimmte Zeitspannen identifizieren, in denen wir diesen Eintritt frei machen. Das müssen wir natürlich mit den Einrichtungen selbst besprechen. Und wir müssen auch absichern, dass die Einnahmeausfälle im Gegenzug vom Land erstattet werden. Das heißt, wir sind im intensiven Austausch mit den Einrichtungen. Aber das wird erst mit dem nächsten Doppelhaushalt gehen. Wir haben jetzt im Nachtragshaushalt schon einmal dafür gesorgt, dass die Tarife der Einrichtungen deutlich angepasst werden. Und das ist ohnehin ein Schwerpunkt: Kulturelle Arbeit abzusichern, soziale Mindeststandards zu sichern und in den Musikschulen dafür zu sorgen, dass die Mindestquote von 20 Prozent Festangestellten endlich erreicht wird. Das sind die Dinge, an denen arbeiten wir jetzt schon sehr intensiv und hoffen, dass wir mit dem nächsten Doppelhaushalt diese Maßnahmen auch absichern können.

Das Stichwort Bibliothek haben Sie jetzt nicht erwähnt. Es gibt ein großes Projekt Ihres Vor-Vorgängers, Klaus Wowereit, nämlich die neu zentrale Landesbibliothek. Inwieweit wollen Sie das Thema vorantreiben?

Wir haben es in der Investitionsplanung nach wie vor drin. Wir müssen jetzt noch einmal sehr intensiv gucken, wo der geeignete Ort ist. Es stehen derzeit zwei  Orte zur Debatte: die Amerika-Gedenkbibliothek und das Gelände vor dem Humboldt Forum, Richtung Alexanderplatz. Wir müssen dann gucken, ob die veranschlagten Mittel bei dem derzeitigen Raumprogramm, was die ZLB dann auch braucht, realistisch veranschlagt sind. Und dann müssen wir gucken, dass wir das Geld auftreiben.

In welchem Zeitrahmen kann man das sagen? Ist das für die nächsten 100 Tage?

Ich glaube nicht, dass wir das in den nächsten 100 Tagen schaffen. Das wird vermutlich auch im nächsten Doppelhaushalt nicht klappen. Für diese Summe werden die Investitionsmittel noch nicht da sein. Das hat auch damit zu tun, dass wir gesagt haben, wir wollen in Kitas und Schulen investieren und wir wollen in die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften investieren. Das sind ja auch alles Baustellen. Dann bleibt eben die Frage, ob sich die Einnahmesituation Berlins weiter so gut entwickeln wird. Wenn das passiert, dann gehe ich fest davon aus, dass das auch ein positives Zeichen für den Neubau der ZLB ist.

Mit Klaus Lederer sprach Kirsten Buchman für Inforadio.

rbb|24-Speed-Dating: Schnelle Fragen an Klaus Lederer

Wenn Sie es sich als Kultursenator aussuchen könnten, eine halbe Stunde lang eine bekannte Persönlichkeit zu treffen – wer wäre Ihnen am liebsten?

Ich glaube, mit Daniel Barenboim würde ich schon mal gern eine halbe Stunde reden.

Um abzuschalten hören Sie Opernarien oder Rock?

Beides.

Lesen Sie ein Buch lieber als Taschenbuch oder als e-Book?

Als Taschenbuch.

Machen Sie Urlaub lieber in den Bergen oder am Meer?

Sowohl als auch.

Wenn Sie sich mit Freunden zum Essen verabreden – beim Italiener oder zu Hause zum Kochen?

Derzeit beim Italiener – aus Zeitgründen.

Mit Klaus Lederer sprach Kirsten Buchmann für Inforadio.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren