Rosie The Riveter Vintagekriegsposter mit einem Dildo (Quelle: imago/Stock Trek Images)

Interview | Weltfrauentag - Wie Frauen lernen, selbstbewussten Sex zu lieben

Feminismus und wilder Sex gehen nicht zusammen? Doch, sagen die sexpositiven Feministinnen: Denn Sex ist ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Das kann man nun lernen - nicht nur im "Mösenmonat März". Ein Gespräch mit "Azubi" Johanne Hoppe.

Im Berliner Wohnzimmerunternehmen "Sexclusivitäten" dreht sich alles um Vulva, Möse und Klitoris. Laura Méritt  stellt ihre Aktivitäten in den Dienst des sexuellen Wohlergehens. Die Wochen rund um den Weltfrauentag feiert sie seit zehn Jahren als "Mösenmonat März". "Dem feministischen Monat fehlt der Sex!" sagt sie, wenn sie in Interviews gefragt wird, wie es dazu kam.

Pionierin der selbstbewussten Sexualität

Es klingt leicht, doch Méritt ist eine Pionierin. Sie etablierte den sexpositiven Feminismus in Deutschland, wo Alice Schwarzer und ihre PorNo-Bewegung lange die dominierende feministische Kraft war. Pornos sah sie als Mittel der Unterdrückung und Erniedrigung, "Kriegspropaganda gegen Frauen", schrieb Schwarzer in der "Emma" 1987.

Dann bekam der Feminismus ein neues Adjektiv: sexpositiv. Die Bewegung ging in den 80er Jahren vom englischsprachigen Raum aus und kam spät in Deutschland an. Die Grundhaltung: Wir können Pornos genießen. Wir können als Prostituierte arbeiten, ohne Opfer zu sein. Wir wollen die Gleichberechtigung nicht nur im Arbeitsleben und in der Familie, sondern auch im Bett. Wir nennen die Geschlechtsteile beim Namen, wir wissen, was weibliche Ejakulation bedeutet, und wir haben kein Problem damit, sexuelle Befriedigung einzufordern.

Nachhaltiges Sexspielzeug und Milchkaffee

Laura Méritt ist seit den Anfängen der Bewegung in Deutschland aktiv, rief Initiativen wie den lesbischen Escort-Dienst Club Rosa ins Leben und gründete 2009 den PorYes-Award. Ihre Webseite Sexclusivitäten ist ein Onlineshop für nachhaltiges Sexspielzeug, zugleich Plattform für den Austausch mit Interessierten und Gleichgesinnten. Jeden Freitag lädt sie bei Milchkaffee zum Salon in ihr Wohnzimmer, das gleichzeitig Büro, Arbeits- und Veranstaltungsraum ist.

Die Anfragen für Vorträge wurden so viele, dass sie sich nun um Nachwuchs kümmert. Seit dem Frühsommer 2016 bietet sie eine Ausbildung zur sexpositiven Referentin an. Sieben Module müssen die Teilnehmerinnen in ein bis drei Jahren dafür absolvieren. Danach können sie eigene Salons und Seminare leiten und Vorträge halten.

Interview

Johanne Hoppe (Quelle: privat)

Johanne Hoppe ist eine von bis zu neun Frauen, die derzeit die sexpo-Ausbildung absolvieren. Sie ist 31 Jahre alt, lebt in einem Wohnprojekt in Potsdam und arbeitet unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Filmuniversität Babelsberg und im Filmmuseum Potsdam. In ein Seminar zu Film und Feminismus lud sie Laura Méritt als Gastvortragende. "Die halbe Uni war da, der Hörsaal voll. So haben wir uns kennengelernt."

rbb|24: Frau Hoppe, was bedeutet sexpositiver Feminismus für Sie?

Johanne Hoppe: Mir ist es ein persönliches Anliegen. Sexuelle Freiheit für Frauen und alle Menschen geht für mich mit einem positiven Bild von Sexualität einher. Es geht darum, die Vielfalt abzubilden, von Frauen, Sexualität und Gender, "Frau" also mit Sternchen! Es geht darum, dass sich Menschen frei entscheiden können, auch für Sexarbeit zum Beispiel. Nicht, weil sie abgebrannt sind und keinen anderen Ausweg haben, sondern weil sie Lust, Neugier und Interesse haben.

Sprache ist dabei ein wichtiger Aspekt. Wie bezeichne ich meine Vulva, Möse, Fotze? Welche Worte sind positiv und für mich stimmig? Wie beschreibe ich meine eigene Sexualität und mein Begehren und wie kommuniziere ich das gegenüber anderen?

Sexpositiver Feminismus dreht sich auch um den Begriff der politischen Anatomie. Was ist damit gemeint?

Es verändert meine Sexualität, wenn zum Beispiel in Biologiebüchern alles ausgespart wird, was mit weiblicher Lust zu tun hat. Das positioniert mich als Frau in der Gesellschaft an einer Stelle, an der Lust ein Tabu ist. Den Penis kann man vielleicht leichter sehen, aber die Beschreibungen für Frauen sind rudimentär. Dass Frauen eine Prostata haben und die Klitoris auch Schwellkörper hat, weiß kaum jemand.

Das geht bis hin zu der These, der weibliche Orgasmus sei nicht wichtig. Die gibt es eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert, als die Wissenschaft herausgefunden hat, dass für die Fortpflanzung nur die Ejakulation des Mannes notwendig ist. Bis dahin dachte man, alle Säfte müssen sich dafür mischen, und kannte auch die weibliche Ejakulation noch.

Mich hat aber auch der Film "Vulva 3.0" sehr beeindruckt. Darin ging es um das so genannte Mösentuning, wobei Labien [äußere Schamlippen, d. Red.] beschnitten werden, die aus einem vermeintlichen Schönheitsideal heraus als zu groß betrachtet werden.

Ein Sticker mit der Aufschrift "Mösenmonat März" (Quelle: Johanne Hoppe/privat)
Seit zehn Jahren gibt es den "MösenMonat März"

Warum machen Sie die Ausbildung zur sexpositiven Referentin?

Laura veranstaltet jeden Freitagabend Treffen für Interessierte in ihrem Wohnzimmer. Bei diesen Salons bin ich ab und zu gewesen, auch bei den feministischen Porno-Vorführungen einmal im Monat. Das ist immer eine wertschätzende, positive und offene Atmosphäre. Als ich von der Ausbildung hörte, war schnell klar: Das ist genau das richtige für mich, denn ich wollte gerne mein Netzwerk erweitern und in diesem Bereich eine berufliche Perspektive entwickeln.

Welche Inhalte vermittelt die Ausbildung und was kostet sie?

Einzeln kostet jedes Modul 170 Euro. Wenn man alle auf einmal bezahlt, wird es günstiger.

In den Modulen geht es zum Beispiel um die politische Anatomie, aber auch um die Macht von Sprache. Warum wir sagen "da unten" oder "ins Bett gehen", statt klare Begriffe zu finden. Ein Modul behandelt das Lachen als sexpositive Kraftquelle. Laura Méritt ist auch Lachtrainerin, sie lacht ohnehin viel und das schafft eine tolle Atmosphäre.

In den Kursen geht es auch darum, oft und sicher zu sexuellen Themen referieren zu können, zu Themen, die nicht leicht über die Lippen gehen. Zusätzlich gibt es eine praktische Phase, in denen man zum Beispiel beim Ejakulationsworkshop assistiert.

Was bedeutet Ihnen der Frauentag am 8. März?

Ich habe letztes Jahr Blumen geschenkt bekommen, da war ich eher etwas irritiert. Für mich ist es ein Tag um zusammenzukommen, auf Demos zu gehen und sich zu vernetzen. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, aktiv zu sein und mich nicht nur darüber aufzuregen über die Blüten, die das Patriarchat treibt.

Wir erleben im Feminismus derzeit einen Backlash. Abgesehen von Donald Trump gibt es wieder heftige Abtreibungsdebatten und Widerstand gegen Aufklärungsunterricht an Schulen. Ich sehe einen bedenklichen Rechtsruck, der von Frauen mitgetragen wird, die nicht in der Politik wären, wenn der Feminismus nicht vor vielen Jahrzehnten darum gekämpft hätten, dass sie das dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text und Interview: Tina Friedrich

Kommentar

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Antwort auf [Woodstock] vom 08.03.2017 um 13:45
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6 Kommentare

  1. 6.

    Bindungslose Sexualität ist eine generelle Störung deren Behandlung von den Krankenkassen getragen wird. Seelenverarmung nicht.

  2. 5.

    Kategorischer Imperativ für Frauen klappt nicht, Frau Hoppe! Auch nicht modulweise.

  3. 4.

    Man sehe sich mal das Titelbild an: Eine Frau steht mit nem Dildo in der Hand da. Das ist einfach lächerlich. Würde da ein Mann mit einer "Taschenmuschi" stehen und freudig winken, würde man das Bild nie für ernst nehmen, man würde es abtun und denken was soll der scheiß. Und nun wird behauptet wenn eine Frau mit Dildo da steht trägt das zur Emanzipation der Frau bei.

  4. 1.

    Was ist das für ein sinnbefreiter Artikel? Feminismus verkommt zur Rechtfertigung des proletarischen Daseins für Frauen. Warum muss die Frau versuchen in allen Bereichen wie der Mann zu sein? Frauen und Männer sind nicht gleich und das ist auch gut so.

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