Aufkleber der NPD (Quelle: imago)

Zahlen der Beratungsstelle ReachOut - Rassistische Gewalt in Berlin steigt auf neuen Höchststand

Die Zahl antisemitischer und rassistischer Angriffe in Berlin ist im vergangenen Jahr stark gestiegen. Erstmals gab es Übergriffe in allen Bezirken der Stadt - wenn auch unterschiedlich stark verteilt.

Rechtsextreme, rassistische und antisemitische Gewalttaten haben im vergangenen Jahr in Berlin einen neuen Höchststand erreicht. Wie die Opferberatung ReachOut am Donnerstag mitteilte, wurden 2016 mindestens 553 Menschen (2015: 412 Menschen) verletzt, gejagt und massiv bedroht, darunter 45 Kinder. Häufigstes Motiv war dabei Rassismus. Sabine Seyb von ReachOut sprach von einem "erschreckenden Niveau".

ReachOut registrierte 380 Vorfälle, fast 20 Prozent mehr Gewalttaten und massive Bedrohungen als 2015 (320). ReachOut nimmt in seine Statistik auch Vorfälle auf, die nicht den Ermittlungsbehörden angezeigt wurden. Die meisten Angriffen wurden auf Straßen und Plätzen (135 Fälle) gezählt. Im Umfeld von Geflüchtetenunterkünften wurden 41 Angriffe gemeldet.

In den Vorjahren lagen die ermittelten Angriffszahlen jeweils unter 200 Vorfällen. Als Grund für die gestiegenen Zahlen nannte Seyb unter anderem ein verändertes Anzeigeverhalten. Zudem verfügen mittlerweile alle zwölf Berliner Bezirke über ein eigenes "Register", eine vom Senat finanzierte Dokumentationsstelle zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle.

Diese registrieren zusätzlich zu ReachOut neben Angriffen auch sogenannte Propagandavorfälle (1.359, 2015: 683), rechtsextreme Veranstaltungen (379, 2015: 409) sowie Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen (349, 2015: 250). Insgesamt zählten die Register im vergangenen Jahr 2.677 derartiger Vorfälle und damit rund 850 mehr als im Jahr zuvor (2015: 1.820).

Die meisten Angriffe gab es in Mitte und Neukölln

Einen Anstieg verzeichnete die Opferberatung vor allem bei Angriffen in öffentlichen Verkehrsunternehmen und im Wohnumfeld von politischen Gegnern. Die meisten Angriffe (68, 2015: 60) wurden im Bezirk Mitte gemeldet. In Neukölln erfasste ReachOut 38 Übergriffe, darunter massive Einschüchterungen und Bedrohungen von Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagierten. Auch Treffpunkte und Wohnungen von Aktivisten seien von organisierten Neonazis ausgespäht worden.

Weitere Angriffsschwerpunkte lagen in im vergangenen Jahr in Marzahn (32), Kreuzberg (24) und Lichtenberg (20). Im Ostteil der Stadt wurden 183 Angriffe erfasst, im
Westteil 190.

In den Registern stehen laut Kati Becker, Koordinatorin der Berliner Register, für 2016 erstmals Vorfälle aus allen Bezirken der Stadt mit rassistischem, homophobem oder diskriminierendem Hintergrund. Darunter fallen auch rechte Propaganda-Aufkleber oder Plakate. Die Gesamtzahl der Vorfälle wurde mit 2.677 angegeben, darunter auch 349 Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen.

Homophobe Angriffe vor allem nachts und im Westen der Stadt

Die sogenannten LGBTI-feindlichen Angriffe gegen sexuelle Minderheiten geschehen laut ReachOut meistens nachts, hauptsächlich in Kreuzberg, Neukölln, Mitte und Tiergarten. Dabei handele es sich um innerstädtische Bezirke, in denen es Treffpunkte und Partymöglichkeiten gebe und die Betroffenen davon ausgehen, dass sie sich frei bewegen können.

Seyb und Becker plädierten unter anderem für eine bessere polizeiliche Überwachung von namentlich bekannten Aktivisten der organisierten rechtsextremen Szene. Zudem wäre es ein Zeichen in die richtige Richtung, "auch in Berlin eine weitreichende Bleiberechtsregelung für Betroffene rechter, rassistischer Gewalttaten einzuführen". Dies würde den Tätern signalisieren, dass ihre Strategie der Vertreibung nicht funktioniere. Weiter wäre es für die Opfer von Angriffen hilfreich, wenn die offizielle Politik derartige Gewalttaten verurteilt.

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Ein paar Verlinkungen wären schön gewesen, in anderen beiträgen fällt es der redaktion ja auch nicht schwer, sogar externe inhalte anzeigen zu lassen.

    Hier die Pressemitteilung von ReachOut:
    https://www.reachoutberlin.de/de/content/pressemitteilung-zu-den-angriffen-berlin-2016

    alternativ, das Berliner Register:
    http://berliner-register.de/content/gemeinsame-pressemitteilung-der-berliner-register-und-der-opferberatungsstelle-reachout-0

    Und hier die Chronik gemeldeter Übergriffe aus dem Jahr 2016 seitens ReachOut:
    https://www.reachoutberlin.de/de/chronik_2016

  2. 2.

    Das Bild einer friedlichen Versammlung mit Anti-Antifa Klamotten und rechter Symbolik erscheint mir unpassend zum Inhalt des Artikels: Angriffe und Gewalttaten.

  3. 1.

    Und da vermissen wir doch in dieser feinen Statistik die rassistischen und / oder antisemitischen Straftaten begangen von muslimischen Migranten gegen Juden. Nicht zu vergessen die Homophobie im vom Islam geprägten Milieu. Aber das ist wohl alles P.I., oder? Da fragt man nicht, da zählt man nicht, da erwähnt man immer nur "rechte" Gewalt. Will hier nicht relativieren, aber so geht`s nicht.

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