Wissenschaftler demonstrieren am 19.02.2017 in Boston, USA, gegen die Trump-Regierung und für die Anerkennung der Bedeutung der Wissenschaft (Quelle: dpa/Christina Horsten)
Audio: Inforadio | 19.04.2017 | Interview mit Franz Ossing: Oliver Rehlinger

Interview | "March for Science" in Berlin - "Man kann für jeden Quatsch im Internet einen Beleg finden"

Weltweit sind für Samstag Demos für die Freiheit der Wissenschaft geplant. Franz Ossing hat den "March for Science" in Berlin mitorganisiert. Im Interview sagt er, welche Entwicklungen ihn beunruhigen - und bricht eine Lanze für wissensbasierte Entscheidungen.

rbb: Herr Ossing, mal ganz allgemein: Warum dieser Marsch für die Wissenschaft auf der ganzen Welt am 22. April?

Franz Ossing: Angefangen hat das Ganze als Protest gegen einige wissenschaftsfeindliche Entscheidungen der neuen US-Regierung. Von da aus hat es sich aber geradezu flächenbrandmäßig über alle Kontinente verbreitet: An 520 Städten wird eine solche Aktion stattfinden am Samstag. Ziel der ganzen Geschichte ist zum einen die Solidarität mit Opfern der Unterdrückung von Wissenschaft – nicht nur in den USA, sondern auch hier in Europa. Denken Sie zum Beispiel daran, was gerade in der Türkei passiert, oder an das Abschalten der Zentraleuropäischen Universität in Ungarn. Das sind Entscheidungen, die für die Wissenschaft nicht gerade sinnvoll sind.

Franz Ossing, Pressesprecher des Geoforschungszentrums bis Ende August 2016. (Foto: rbb Inforadio/Thomas Prinzler)
Franz Ossing

Den zweiten Grund für die Aktion halte ich für noch viel wichtiger: Die Wissenschaft ist aufgewacht und muss jetzt mal deutlich machen, was eigentlich ihr Beitrag zur Gesellschaft ist. Sie ist nämlich im Prinzip überall. Unser gesamtes Alltagsleben ist durchdrungen von Wissenschaft – aber kaum jemand weiß das.

Sehen Sie denn auch bei uns in Deutschland zumindest Tendenzen, die die Freiheit der Wissenschaft bedrohen?

Vorweg mal das Lob: Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland Wissenschaftsfeindlichkeit beobachten können. Im Gegenteil: Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen für Wissenschaft, Innovation und Technologie. Auf der anderen Seite gibt es aber Menschen, die die Welt doch mit etwas engeren Augen sehen, den Klimawandel oder die Evolutionstheorie leugnen. Das beobachten wir hier schon auch – und es nicht so, dass das nur in jüngster Zeit passiert ist, es wird jetzt aber verstärkt durch die neuen Technologien, zum Beispiel durch die berühmte "Filter Bubble". Man kann für jeden Quatsch im Internet einen Beleg finden – und so seine eigene Meinung immer wieder bestärkt finden. Dieser Prozess macht uns Sorge.

Diesen Prozess gibt es aber schon länger als Donald Trump…

Ja, den gibt es schon entschieden länger. Wir sind auch in Deutschland nicht davor gefeit, dass politische Entscheidungen manchmal, vorsichtig gesagt, sehr merkwürdig erscheinen. Roland Koch hat in Hessen mal eine Wissenschaftsministerin vorgeschlagen, die den Kreationismus, der die Evolutionstheorie leugnet, als Schulfach unterbringen wollte.

Kommen wir zurück zum March for Science: Welche Forderungen werden dort erhoben?

Konkret geht es uns vor allem darum, dass Entscheidungen demokratischer, politischer oder sonstiger Art wissenschaftsbasiert gefällt werden sollten – und nicht aus einem Bauchgefühl heraus. Das ist eine Grundkonstante unserer Gesellschaft: Ohne Wissenschaft und Forschung wären wir nicht da, wo wir sind. Und die Entscheidungen,  mit denen wir unsere Zukunft gestalten, sollten wir auf Wissen basieren – und nicht auf Vorurteilen.

Bei diesem Marsch wird der bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar reden, der ja viel für die Wissenschaft getan hat, auch durch seine Fernsehsendungen. Gibt es weitere Redner?  

Ja, das Schöne an dieser Veranstaltung ist, dass wir wirklich ein breit gefächertes Podium haben: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der ja auch Wissenschaftssenator dieser Stadt ist, wird dabei sein.  Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität, wird dort sprechen, auch Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin. Mich als ehemaligen Mitarbeiter freut besonders, dass auch der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, mit dabei sein wird – er hat sich von Anfang an zu dieser Aktion bekannt. Auf der anderen Seite haben wir aber auch eine Studentin mit auf der Bühne. Wir wollen damit zeigen: Es trifft die gesamte Wissenschaft, nicht nur einzelne Bereiche.

Wann und wo geht es in Berlin los?

Es geht los an der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6. Dort wollen wir um 13 Uhr starten, wir beginnen um 12:30 Uhr uns zu sammeln, mit einem kleinen Programm. Dann geht es zum Brandenburger Tor, wo es dann die Abschlusskundgebung gibt.

Warum ist Wissenschaft wichtig? Berliner und Brandenburger Forscherinnen und Forscher antworten

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    >>Nur neutrale Wissenschaft kann mehr Frieden schaffen.<<
    Sie formulieren zurecht im Konjunktiv. Ich denke dabei an "die Kernspaltung".
    >>Die sehr geringen 0,2% an Unterschieden - z.B. an Hautfarbe ... willkommene Vielfalt ...<<
    Stimmt prinzipiell, und ca. 1,5% unterscheidet den Menschen genetisch vom Affen.
    Es muss also etwas Anderes sein als diese Prozente. Meiner Meinung nach machen den Menschen
    zwei Dinge aus -->
    1) individuelle Begabung(Charakter) und 2) Prägung durch sein Umfeld(Kultur, Erziehung).
    Die Prägung, sie ist im Prinzip mit dem Ende der Pubertät abgeschlossen, ich vergleiche sie mit
    der Münzprägung, erzeugt bleibend ein "Menschenbild" das später nur noch "umgearbeitet",
    jedoch nicht neu geschaffen werden kann. ... Dies würde auch die Sprichworte -->
    "Was Häns'chen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" bzw. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht"
    ... und viele Integrationsprobleme erklären.

  2. 11.

    Nur neutrale Wissenschaft kann mehr Frieden schaffen.

    Bei der sehr großen Vielfalt aller Menschen kann alleine die Wissenschaft grundlegende Bedingungen erarbeiten, dass wir alle in mehr Frieden leben.
    Zum Beispiel kann das genetische Forschungsergebnis, dass alle Menschen zu 99,8% miteinander verwandt sind, dazu beitragen, in jedem anderen Menschen einen engen Verwandten zu sehen, welcher Respekt und gegebenenfalls auch Hilfe verdient. Die sehr geringen 0,2% an Unterschieden - z.B. an Hautfarbe - sollten als willkommene Vielfalt der Menschheitsfamilie angesehen werden.
    Hinzu kommt, dass Astronomen bisher nirgendwo im gesamten Universum auch nur entfernt ähnliches Leben wie den Menschen entdeckt haben. Dies sollte ein sehr wichtiger Grund sein, sich selbst und jeden anderen Menschen als eine extreme Kostbarkeit anzusehen, angehäuft mit einer riesigen Anzahl sowohl mitmenschlicher wie leider aber auch - von unseren tierischen Vorfahren her - gegenmenschlicher Fähigkeiten.

  3. 10.

    ==> "Man kann für jeden Quatsch im Internet einen Beleg finden" . -- Und mit dem Smart phone dem staunenden Mitmenschen als Wahrheit unter die Nase gehalten. Passiert mir täglich. Absolut kein wissenschaftlicherAnsatz mehr. Je mehr Fake desto höher sind die undales (Aufrufe der Seiten). Ganz traurige Entwicklungen sind das!!

  4. 9.

    Wenn man die deutschen Medien liest, muss man befürchten, dass die richtigen Argumente der in der Wissenschaft Tätigen benutzt werden, um die aktuellen politischen Ziele der EU bzw. Merkel-Regierung zu befürworten. Da wären z.B. die Euro-Probleme (Griechenland) ,da wär das Flüchtlingsproblem, da wär die AfD (vor der die Etablierten Angst haben) u..s.w. Man kann nur hoffen, dass die Demonstrierenden i h r e eigenen Ziele
    unbeirrbar verfolgen und sich nicht in die o.g. Richtung manipulieren zu lassen.

  5. 8.

    Nicht nur die Polizei, auch die Regierung ist an Recht und Gesetz gebunden. Alles andere wäre der Satz, dass da, wo eine Mehrheit ist, diese einen Freibrief hätte, ausnahmslos alles zu machen. Solche Zustände sollten wir eigentlich überwunden haben, Einträger "Hans".

  6. 7.

    Dann suchen Sie sich doch die, die Ihnen glauben. PIS ist doch wohl demokratisch gewählt?

  7. 6.

    Das geht schon deshalb nicht, weil es eine internationale Zusammenarbeit geht und darüber eine Verständigung herrschen muss. Als Beispiel will ich einen gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsfilm anführen, auch wenn das jetzt im engeren Sinne nichts Wissenschaftliches ist, doch in diese Richtung geht.

    Da nennt die deutsche Seite die Höhen und Tiefen des deutsch-polnischen Verständnisses, glückliche Kapitel ebenso wie selbstkritisch die Aufteilung Polens v. 18. - 20. Jh. bis hin zum Einmarsch deutscher Truppen am 1. Sept. 1939. Der Geschichtsfilm wird vereinbart, es wird angefangen, ihn zu drehen, bis die denn folgende PIS-Regierung diesen Film nicht heroisch genug für die polnische Seite findet und auf den öff.-rechtl. Rundfunk in Polen Einfluss nimmt, die Zusammenarbeit zu beenden. Fertiggestellt wurde der Film dann mit Hilfe eines kommerziellen polnischen Anbieters, der mutig genug war, in diese Lücke zu springen.

    Wissensch.freiheit kann nicht national definiert werden.

  8. 5.

    Lasst mal andere Länder das so machen, wie sie es wollen, ihr reiht euch sonst in die Reihe der Rechthaber ein.

  9. 4.

    Ich sah gerade auf dem Orientierungsplan, dass auch die ungarische Botschaft an der Strecke liegt und extra "eingezeichnet" ist. Also wird es auch völlig zurecht gegen die Drangsalierung der europäischen Universität von Georg Soros´gehen.

    Tendenzen, Wissenschaft zu vereinnahmen bis hin zu einer heroisch aufgeladenen Geschichtsschreibung finden sich ja in mehreren Ländern - in Ungarn wie in der Türkei und so auch in Polen unter der PIS-Führung. Hierzulande fand so etwas nach der Reichsgründung 1871 statt, als eine heroisierende Nationalgeschichte die Sammlung der Ortsgeschichten ablöste und dann wieder in der NS-Zeit.

  10. 3.

    Ich finde: So sehr die Wissenschaft gegenüber einer Vereinnahmung verteidigt werden muss, worum es der Demonstration ja geht, so sehr muss die Gesellschaft gegen eine Verwissenschaftlichung verteidigt werden.

    Die Wissenschaft ist ein wunderbares Hilfsmittel bei denjenigen Umständen, die wir mit unseren menschlichen Sinnen direkt nicht erfassen können. Oder die das Lebensalter eines Menschen überschreiten, sodass planmäßige Aufzeichnungen wichtig sind. Das ist bspw. beim Klimawandel der Fall, als Wissenschaftler sich fast die Finger wundgeschrieben haben, um die politische Szenerie von den Bedrohungen eines Klimawandels endlich zu überzeugen. Da sprang dann selbst mit Verspätung die Wirtschaft auf, nachdem sie sich anfangs noch recht bockbeinig gezeigt hatte.

    Verwissenschaftlicht ist hingegen die Lebenswelt, wenn ich erst einmal den Computer abfragen muss, ob ich den Apfel essen darf, der gerade vor mir liegt, weil ansonsten meine Ernährungswerte durcheinander kämen.

  11. 2.

    >>Konkret geht es uns vor allem darum, dass Entscheidungen demokratischer, politischer oder sonstiger Art wissenschaftsbasiert gefällt werden sollten – und nicht aus einem Bauchgefühl heraus. <<
    --> Jawohl, vollkommen richtig !!! ... Warum ? ...
    Siehe rbb-Bericht "25.000 Berliner sollen für eine Studie legal kiffen".

  12. 1.

    Gute Veranstaltung. Man könnte übrigens auch glasklar belegen, dass die Kinder vom Storch gebracht werden. Man muss nur in ein brandenburgisches Dorf gehen und die Menge der Störche mit der Anzahl der Kinder korrelieren lassen.

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