Ein Radfahrer ist in Berlin auf einer Busspur unterwegs. (Quelle: dpa/Violetta Kuhn)
Audio: rbb | 19.05.2017 | René Träder

Fahrradklima-Test 2016 - Radler stellen Berlin mieses Zeugnis aus

Im aktuellen Fahrradklima-Test hat die Hauptstadt schlecht abgeschnitten - sogar schlechter als bei der letzten Umfrage 2014. Die Radler in Brandenburg verteilten etwas bessere Noten - zwei Städte stehen sogar richtig gut da.

Berlin zählt weiter zu den fahrradunfreundlichsten Städten in Deutschland. Auch in Brandenburg sehen die Radfahrer noch viel Nachholbedarf. Das ist das Ergebnis des sogenannten Fahrradklima-Tests 2016.

Der Fahrradverband ADFC hatte mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums im Herbst 2016 bei etwa 120.000 radelnden Bundesbürgern nachgefragt, wie sie das Radfahren in ihrer Region empfinden. Erbeten wurden Schulnoten für bestimmte Qualitäten. Das Ergebnis: Brandenburg erhielt von den Radlern die Gesamtnote 3,69. Im Jahr 2014 lag die Durchschnittsnote noch bei 3,5.

Berlin kommt bei dem Test 2016 sogar nur auf 4,3 - durch das Abitur wäre die Hauptstadt damit also schon mal gefallen. Auch Berlin stand 2014 besser da - mit einem Durchschnitt 4,1. [Ergebnisse 2014]

Bad Wilsnack landet Überraschungserfolg

Sehr gute Plätze in Brandenburg belegen Potsdam und Oranienburg (Oberhavel), im soliden Mittelfeld bewegen sich Cottbus, Perleberg (Prignitz) oder Luckenwalde (Teltow-Fläming). Schlusslichter bilden Brandenburg an der Havel und Falkensee (Havelland).

Die Fahrradfreundlichkeit sei ein guter Gradmesser für die Lebensqualität in einer Stadt, sagt ADFC Landesgeschäftsführerin Lea Hartung. "Die Umfrage zeigt für die Spitzenreiter in Brandenburg, dass kontinuierliche Radverkehrsförderung honoriert wird und sich in einem guten Verkehrsklima niederschlägt", so Hartung weiter. Dies gelte in Brandenburg zum Beispiel für Potsdam, das bundesweit den sechsten Platz von 38 Plätzen unter den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern belegt.

Kritik an der Führung bei Baustellen

Einen Überraschungserfolg konnte bei der Umfrage die Kurstadt Bad Wilsnack (Prignitz) als Neueinsteiger erzielen. Laut der Umfrage macht das Radfahren in der 2.500-Einwohner-Kommune Spaß und man kommt zügig voran. So landete das Städtchen (Note 2,4) auf Platz 1 der Städte Brandenburgs unter 50.000 Einwohner.

Durchschnittlich bewerten die Brandenburger die Erreichbarkeit von Stadtzentren (Note 2,2) und das zügige Vorankommen mit dem Rad (Note 2,5) am besten. Die größten Mängel sehen sie bei der Führung in Baustellen (Note 4,3 ), dem Sicherheitsgefühl beim Fahren im Mischverkehr mit Autos (Note 4,3) und der Fahrradmitnahme im Öffentlichen Verkehr (Note 4,4).

3.273 Brandenburger beantworteten 27 Fragen zur Qualität des Radfahrens in ihren Städten und Gemeinden.

Berliner genervt vom Radklau

Insgesamt 2.938 Rad fahrende Berliner haben ihre Stadt in der ADFC-Abfrage noch deutlich stärker abgewatscht. Am schlechtesten bewertet mit der Note 5,3 wurde hier das Thema Fahrraddiebstahl. Die Note 5,0 wurde gleich vier Mal verteilt.

Für die (mangelnde) Falschparkerkontrolle auf Radwegen, Ampelschaltungen für Radfahrer, Winterdienst auf Radwegen und das Thema Konflikten mit Autofahrern. Berliner Bestnoten gab es für das Angebot der öffentlichen Fahrräder (Note 3,0), die Erreichbarkeit des Stadtzentrums (Note 3,1) und die Tatsache, dass Alt und Jung Rad fahren (Note: 3,1).

ADFC Pressesprecher Linck sagte im rbb-Inforadio, die Radfahrer in Berlin fühlten sich nicht sicher und als Verkehrsteilnehmer benachteiligt. Dabei verfüge Berlin mit seinen außergewöhnlich breiten Straßen eigentlich über beste Voraussetzungen, um eine tolle Fahrrad-Stadt zu sein.

"Berlin steht als Stadt für Radfahrer nicht nur schlecht da, sondern ist sogar noch weiter abgerutscht. Es geht jetzt darum, die wichtigsten in der Umfrage genannten Themen für ein besseres Fahrradklima klar zu priorisieren", positioniert sich Henner Schmidt, der infrastrukturpolitische Sprecher der DFP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin zum Fahrradklimatest des ADFC. Dazu gehöre es, "endlich konsequent gegen Falschparker auf Radwegen vorzugehen". Und für mehr Sicherheit für Fahrradfahrer zu sorgen. Man könne, so Schmidt weiter"vieles für bessere Bedingungen für Fahrradfahrer tun, ohne dabei systematisch den Autoverkehr auszubremsen wie der Senat es versucht."

Siebter Fahrradklima-Test seit 1998

Der ADFC-Fahrradklima-Test fand seit 1998 zum siebten Mal statt. Er ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wird durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert. Die Umfrage wurde größtenteils online durchgeführt. Bewertet wurde nach dem Schulnoten-Prinzip mit Werten zwischen eins und sechs.

Unschlagbar in der Gunst der Fahrradfahrer ist bislang die Stadt Münster.

Sendung: Inforadio, 19.05.2017, 13:30 Uhr

Kommentar

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18 Kommentare

  1. 18.

    Ich bin heute vom S-Bahnhof Karlshorst Richtung Oberschöneweide die Treskow-Allee und auf dem Rückweg den
    Blumberger Damm von Buckower Ring bis Landsberger Allee entlang gefahren.

    Da kriegt man nur noch das Kotzen.
    Mehr als 15 km/h lassen die Holperpisten nicht zu - Geschwindigkeiten wie auf Feldwegen!
    Auf der Treskow-Allee bin ich dann auf die Straße ausgewichen um 28 km/h fahren zu können.

    Den Verantwortlichen in Berlin fehlt jeder Wille, ordentliche Radwege zu bauen.
    Die haben noch nicht mal ein Konzept, wie man das macht
    - Untergrund nicht ordentlich aufgeräumt
    - Tragschicht zu dünn - Baumwurzeln brechen den Weg auf
    - Radwege werden so angelegt, dass sich die Radfahrer nicht im Blickfeld des Autofahrers befinden - und deshalb vom rechtsabbiegenden Autos umgefahren werden
    - Radstreifen im Schwenkbereich der Fahrertüren

    Bevor den Autofahrern vorgehalten wird, dass sie hätten aufpassen müssen, soll erst mal die Verwaltung ihre Hausaufgaben machen.

  2. 17.

    Gibt es schon, siehe: http://www.flaniermeile-berlin.de/ und http://www.berlin-zu-fuss.info/ und http://www.fuss-ev.de/ Es wird nur leider wenig über deren Aktivitäten berichtet. @rbb ran an die Buletten!

  3. 15.

    Danke!

    Ich denke, letztlich ist die Entscheidung eine "recht nüchterne". Es geht ja nicht in erster Linie gegen jemanden, gegen eine bestimmte Gruppe, sondern darum, die tägliche Fortbewegung möglichst stressfrei zu bewältigen. Da gibt es im ÖPNV noch große Defizite. Gerade im Straßenraum. Mit genervten Busfahrern, die zum fünften Mal in den Lautsprecher hineinbrüllen, dass Menschen aus dem Türraum zu verschwinden hätten, weil die Lichtschranke die Tür nicht schließen lässt, ist da kein Blumentopf zu gewinnen. Straßenbahnen funktionieren eben anders. Schon allein ihre Länge ergibt für ÖPNV-Nutzer mehr Möglichkeiten, sich in kaum genutzte Räume zu begeben. Der Straßenbahn-Ausbau ist überfällig, der Radwegbau kann dann ergänzend dazukommen.

  4. 14.

    Sie hätte also über die gefährliche Straße zwischen den dicht gedrängten Autos fahren sollen?

    Und woher wissen Sie, dass es dort keinen Radweg gab? Wenn es auf der Straße zu gefährlich für Radfahrer ist und der Gehweg zu schmal, um einen Radweg abzumarkieren, dann wird der Fußweg zu einem Fuß-/Radweg bzw. Fußweg/Radfahren erlaubt gemacht.
    Da haben die Fußgänger zwar Vorrang aber nicht das Recht, Radfahrer zu blockieren. Die Fußgänger sind sehr wohl verpflichtet, den Radfahrer passieren zu lassen.

    Und da dann noch ganz gezielt eine schwer sehbehinderte oder sogar Blinde Person dem Radfahrer in den Weg zu stellen, um das vermeintliche Hoheitsrecht des Fußgängers durchzusetzen, das ist schon zynisch.

  5. 13.

    Vielleicht liegt dies ja auch daran, dass die Radfahrerlobby erfahrungsgemäß im RBB recht gut vertreten ist und die Berichterstattung entsprechend ausschaut.

    Womöglich braucht es aber auch einen "Allgemeinen Deutschen Fußgänger-Verein", der regelmäßig Berichterstattung in seinem Sinne lanciert und mit geschickter Öffentlichkeitsarbeit Medien, öffentliche Meinung und Politiker zu beeinflussen versucht.

  6. 12.

    Meine volle Zustimmung. Bitte die Straßenbahn weiter ausbauen bis alle hochfrequenten Buslinien ersetzt sind. Einige Bus- und LKW-fahrer sind leider mit einer gefährdenden Panzerfahrermanier unterwegs. Und Schluss mit dem innerstädtischen Autobahnausbau, der ist nicht zukunftsfähig - es sei den wir wollen alle weiter unter den Abgasen leiden. Als passionierter Radfahrer fahre ich zu manchen Tageszeiten und manche Strecken gezwungenermaßen mit dem ÖPNV, weil ich nicht lebensmüde bin! Es wird echt Zeit für eine Verkehrswende! Gerne mit Vorrang (Sicherheit) für Fußgänger und umweltfreundlichen, sicheren ÖPNV (z.B. Schienengebundenen wie Straßenbahnen). Auch exklusive sichere Radrouten würden wahrscheinlich viele meiner Freunde & Bekannten nutzen, die aktuell mit dem Auto oder der Bahn zum Freizeit-Radeln ins Umland fahren.

  7. 11.

    Ich habe Michael Neumann so verstanden, dass er davor gewarnt hat, alles in einen Topf zu werfen. Berlin kann eben nicht mit dem angeführten Bad Wilsnack verglichen werden. Siehe auch meinen Beitrag von 21:53 Uhr.

  8. 10.

    Richtigstellung: Berlin stellt Radlern ein mieses Zeugnis aus !!!!!

  9. 9.

    Geographie 6?! Paris (Stadt): ca 105 qkm ca 2,2 Mill. Einw. / Greater London (bebaut): ca 1572 qkm ca 8,5 Mill. Einw. / Moskau (Stadt): ca 2510 qkm ca 12 Mill. Einw. / Berlin: ca 891 qkm ca 3,5 Mill. Einw. Aufschlussreich ist besonders die Einwohnerdichte (Einw./qkm); da kann wahrscheinlich Kreuzberg einem Vergleich standhalten.

  10. 8.

    Die ganze Diskussion und auch der Fahrrad-Klima-Test leidet darunter, dass nicht unterschieden wird zwischen dichtbevölkerten Gebieten und Gebieten mit eher dünnerer Bevölkerung. Jedes Individualverkehrsmittel - erst einmal gleich welches - wird umso mehr zu Konflikten führen, umso dichter die Bevölkerung wohnt und es wird umso weniger zu Konflikten führen, je geringer die Bevölkerungsdichte ist.

    Das Rad ist sicher dem Auto sechsfach überlegen, was den Platzbedarf angeht im Verhältnis dazu, eine einzige Person zu befördern. Es ist dem Auto auch darin überlegen, was den Schaden angeht, den der Fahrende im Zweifelsfall anrichten kann. Und es ist mit dem Auto genau gleich, soweit es die unermessliche Vielzahl von Fahrenden selbst steuern müssen und es damit auch zu einer Vielzahl von Fehlverhalten und übermäßigem Verhalten kommt.

    Die einzige Alternative in dichtbesiedelten Gebieten ist die Bahn, zweitrangig dann der Bus. Dann erst folgt als Verkehrsmittel das Fahrrad.

  11. 7.

    Fragt doch mal anders rum: Was Berlin von den Radlern hält. So viele gekoppelte, aggressive und schon militante Radlerrambos wie in Berlin gibt es in keiner anderen deutschen Stadt.

  12. 6.

    Es gibt ja auch ständig neue eindrucksvolle Erlebnisse mit Radfahrern. Gestern zum Beispiel mit einer jungen Dame (schätzungsweise 20-25 Jahre alt), die mit lautem Klingeln deutlich machte, daß sie auf dem schmalen Bürgersteig zwischen einer Gruppe von Menschen hindurchzufahren gedachte, die auf den Bus warteten. Darunter eine alte Frau mit dunkler Brille und weißem Stock, die von der reizenden Radfahrerin angeblafft wurde: "Können Sie vielleicht mal zur Seite gehen?!"

    Es kam dann zum Äußersten: Das Fräulein mußte seine Fahrt für zwei Sekunden unterbrechen und wieder ansetzen, bevor es fröhlich weiter über den Gehweg rasen konnte. Unverantwortlich, diese Busbenutzer und Fußgänger!

    (Nein, es gab dort keinen Radweg.)

  13. 5.

    Warum nicht gleich Fußgänger Pflichtversichern, mit Helmen ausstatten und Kennzeichen anpappen; Strafverfolgbarkeit muss schließlich gewährleistet sein, andernfalls sind Verkerhrsteilnehmer eben nicht auf Augenhöhe zu Behandelt und müssen diskriminiert sprich entrechtet werden! Weiter so!!!

  14. 4.

    Sie haben meine vollste Unterstützung. Erst wenn Radfahrer pflichtversichert werden, ein Kennzeichen als Nachweis und für die Möglichkeit der Strafverfolgung aufweisen und eine Helmpflicht gilt, bin ich bereit diese als faire Verkehrsteilnehmer zu akzeptieren. Ich halte mich an gesellschaftliche Regeln und bin mir sicher, dass diese Maßnahmen zu einem Miteinander auf Augenhöhe führen könnten. Und eine bitte an alle Verkehrsteilnehmer:Lasst Eure gestaute Aggressivität nicht auf der Straße raus. Danke

  15. 3.

    Die "neutralen" Beobachter schreiben schon wieder wie schlimm doch die Radfahrer sind... Die Kommentare zu dem Thema sind ja fast so schlimm wie zu AfD, Flüchtlingen und sonstigen hysterischen Themen. :)

  16. 2.

    Mich wundert schon sehr,was unsere lieben Fahrradfahrer so alles kritisieren und fordern.
    Als neutraler Beobachter,ich bin sowohl Autofahrer als auch Fahrradfahrer, muss ich immer wieder feststellen,dass sich keine anderen Verkehrsteilnehmer so rücksichtslos und rowdyhaft benehmen,wie die Radfahrer.
    Für die allermeisten gibt es keine Ampeln,man fährt völlig ungeniert bei Rot, Verkehrszeichen werden permanent mißachtet, auf Gehwegen fährt man ganz selbstverständlich.
    Daher verlange ich erstmal die Einhaltung der STVO von allen Radlern. Einführung von Kennzeichen für alle Räder. Erst dann,kann man auch mal eine Forderung stellen.

  17. 1.

    Hier wird mal wieder eine Millionenstadt mit Kleinstädten verglichen. Absurd! Will man Berlin zu einem Biotop machen? Wenn schon ein Vergleich, dann mit Paris, London oder Moskau...

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