Polizisten und Feuerwehr auf dem Breitscheidplatz nach dem Anschlag am 19.12.2016 (Quelle:
Audio: Inforadio | 01.06.2017

Nach Vorwürfen der Manipulation - Polizei will sämtliche Akten zum Fall Amri überprüfen

Polizeipräsident Kandt hat intern angekündigt, dass alle Vorgänge zum Fall des Attentäters Anis Amri noch einmal unter die Lupe genommen werden sollen. Vermutlich wurden einige Akten manipuliert. Zudem wurden Einzelheiten bekannt, wie der IS Amri zur Tat drängte.

Bei der Berliner Polizei soll es umfassende Nachermittlungen bei den Vorgängen zum Fall Anis Amri geben. Das kündigte Polizeipräsident Klaus Kandt in einer persönlichen E-Mail an die Bediensteten der Polizei an.

In der Mail, die dem rbb vorliegt, schreibt Kandt, mit Hilfe der "Taskforce Lupe" müssten "Verdachtsmomente" gegen Beamte "rückhaltlos aufgeklärt werden". Dabei sollten sämtliche vorhandenen Vorgangsdaten zum Fall Amri auf Vollständigkeit hin untersucht werden.

Auch solle es eine nachträgliche Überprüfung aller Protokolle aus Abhörmaßnahmen gegen Amri geben, schreibt Kandt. Diese war zuletzt vom Untersuchungsausschuss des Landtages NRW als lückenhaft kritisiert worden.

Kandt kritisierte zugleich voreilige öffentliche Verurteilungen: "Eine Pauschalverurteilung der Polizei Berlin ist gänzlich fehl am Platze."

Dokumente nachträglich manipuliert

Der vom Berliner Senat beauftragte Sonderermittler Bruno Jost hatte bei der Aufarbeitung des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz widersprüchliche Aktenvermerke entdeckt. Demnach soll im LKA ein Dokument nachträglich manipuliert worden sein, um die versäumte Gelegenheit einer Festnahme Amris mehrere Wochen vor dem Anschlag zu vertuschen.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) machte die neuen Erkenntnisse öffentlich. Daraufhin wurde im Berliner Abgeordnetenhaus die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses auf den Weg gebracht.

Der Tunesier Amri hatte am 19. Dezember einen Lastwagen gekapert und war damit auf einem Weihnachtsmarkt in die Menschenmenge gerast. Zwölf Menschen starben, 67 weitere wurden verletzt.

IS sandte Amri pdf-Dokument zu

Nach jüngsten Erkenntnissen wurde Amri offenbar von einem oder mehreren IS-Mitgliedern gedrängt wurde, einen Anschlag in Deutschland zu begehen. Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung kamen die Behörden in ihren bisherigen Ermittlungen zu dem Ergebnis, dass Amri im vergangenen Oktober ursprünglich plante, zum sogenannten Islamischen Staat auszureisen.

Der IS aber habe gezielt darauf hingearbeitet, dass der Tunesier seine Tat in Deutschland begeht. Am 10. November des vergangenen Jahres wurde dem Tunesier demnach die pdf-Datei eines IS-Dokuments mit dem Titel "Die frohe Botschaft zur Rechtleitung für diejenigen, die Märtyrer-Operationen durchführen" übermittelt. In dem 143-seitigen Papier wird der Jihad, auch gegen Alte, Frauen und Kinder, gerechtfertigt.

Weihnachtsmarkt ab 22. November besucht

Noch unmittelbar vor seiner Tat stand Amri mit einem IS-Mitglied in Verbindung und tauschte sieben Nachrichten aus. Gegen diese unbekannte Person wird von der Bundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord und zum versuchten Mord ermittelt.
 
Bei den Aufklärungsarbeiten durch Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft konnten weite Teile der Chat-Verläufe Amris wiederhergestellt werden, heißt es von SZ, WDR und NDR. So habe er am 5. Oktober an ein mutmaßliches IS-Mitglied geschrieben: "Ich will zu Euch auswandern, sag mir, was ich tun soll. Ich bin jetzt in Deutschland."

Amri wurde aufgefordert, auf einen verschlüsselten Kanal des Messenger-Dienstes Telegram zu wechseln. Zudem hatte der Tunesier vergessen, an einem seiner Handys die Google-Ortungsfunktion auszustellen. Mit Hilfe dieser Daten konnte festgestellt werden, dass Amri ab dem 22. November begann, den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche zu besuchen, insgesamt sieben Mal vor der Tat. Am 22. November beendete Amri auch den zuvor extensiven Besuch von Porno-Seiten im Internet. Er rief nur noch islamistische Inhalte auf.

Sendung: Abendschau | 31.05.2017 | 19:30 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Nach starkem Regenfall tanzen Menschen bei Christopher Street day auf der Straße des 17. Juli (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Tausende Teilnehmer - Der Berliner CSD tanzt durch den Regen

Schwere Wolkenbrüche haben am Samstag die Parade zum Christopher Street Day in Berlin begleitet. Tausende Teilnehmer waren mit mehr als 60 Wagen vom Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor unterwegs. Der Regen trübte die Feierstimmung aber offenbar nur wenig.