Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide (Bild: imago/Jürgen Ritter)
Audio: Inforadio | 10.05.2017 | Martin Adam

Oberschöneweide im Wahljahr 2017 - Hier herrscht die Zwischenzeit

Oberschöneweide ist ein "Achterbahn-Kiez": Industriestandort, nach der Wende abgestürzt, und jetzt kommen die jungen Künstler. Alteingesessene schwanken zwischen Aufschwung und Verdrängung. Und das Vertrauen in die Politik hält sich in Grenzen. Von Martin Adam

Heiß und schwarz tropft die Flüssigkeit über den Siebträger mit dem Kaffeepulver in die zierliche Porzellantasse. Sofort duftet der kleine Kellerraum nach Kaffee. Die alte Maschine, die Delia durch Zufall gefunden hat, funktioniert. Der Rest ihres Cafés ist allerdings noch Baustelle. In drei Tagen will sie eröffnen.

Delia Fröhlich (links)

Delia Fröhlich ist 27 Jahre alt - vor sieben Jahren zog sie zum Studium nach Berlin. Sie entschied sich für Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide.

Drei Jahre später gründete sie mit Freunden 'das Bett': "Das ist eigentlich ein Coworking-Space", erzählt sie. "Ursprünglich waren wir eine Gruppe von Studenten von der HTW Berlin, die einen Atelierraum gesucht haben. Gefunden haben wir ein ganzes Haus, und dann hat sich das alles so entwickelt."

Das Haus ist ein Häuschen in einem Hinterhof, einen Garten gibt es auch. Früher war hier eine Brauerei, heute kann man sich im Kesselraum einen Schreibtisch mieten und in Zukunft hoffentlich die Nachbarn kennenlernen. Denn das Café, das Delia Fröhlich gerade in ihr Gemeinschaftshaus baut, soll die Hemmschwelle senken, sagt sie, damit sich bald alle eingeladen fühlen.

"Mit der Politik ist es wie bei Tinder"

Mit Politik hat Delia Fröhlich wenig am Hut. "Man hat immer das Gefühl, es wird einem etwas verkauft", sagt Delia. Es gehe wenig um einen inhaltlichen Austausch oder darum, selbst gefragt zu werden: "Du weißt immer schon, worauf das Ganze hinausläuft. Das ist so wie bei Tinder, da weiß man das auch. Worüber reden wir dann noch?"

Draußen auf der Wilhelminenhofstraße haben viele noch nie von dem Kreativhaus gehört. Hier fährt seit Jahrzehnten die Straßenbahn einmal quer durch Oberschöneweide: Auf der linken Seite sanierte Wohnhäuser, auf der rechten Industriegebäude aus gelbem Klinker. Drumherum Wuhlheide und Spree, das macht Oberschöneweide fast zu einer Insel.

Video zum Thema

Alte Industriekulisse in Berlin-Oberschöneweide

                                                                                          Video: Inforadio | Jens Butterwegge  

Mitten auf dieser Insel betreibt Susanne Reumschüssel ihr Museum 'Industriesalon'. Sie hat es in einer Halle des ehemaligen Transformatorenwerks eingerichtet, damit nicht vergessen wird, dass Oberschöneweide mal das größte innerstädtische Industriezentrum Europas war, wie sie sagt: "Es war eines der legendären Gründerzentren der AEG, also der Elektropolis Berlin. 1895 ging das hier los."

Susanne Reumschüssel

Hier haben über 20.000 Menschen ihren Job verloren

Kurz vor der Wende, 1989, arbeiteten n Oberschöneweide 25.000 Menschen, erzählt Susanne Reumschüssel. Dann wurden viele Industriebetriebe abgewickelt, was folgte, ist bekannt. "Letztlich haben über 20.000 Menschen ihren Job verloren", erzählt die Museumsbetreiberin.

Manche Oberschöneweider, sagt Susanne Reumschüssel, könnten bis heute nicht an den Hallen vorbeilaufen, ohne an dieses Trauma erinnert zu werden. Bis vor zehn Jahren sei hier alles grau gewesen, die Häuser unsaniert, auf den Straßen die Nazis. Jetzt herrsche die  'Zwischenzeit', glaubt sie - zwischen untergegangener Industrieblüte und ungewisser Zukunft.

Bemaltes Haus in Oberschöneweide (Bild: rbb/Martin Adam)

Die Zukunft hat 2006 begonnen, als die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) ins alte Kabelwerk Oberspree gezogen ist. Seitdem kommen Studierende an die Wilhelminenhofstraße, essen Bio-Burger zu Berlin-Mitte-Preisen - und verändern auch das Geschäft von Kerstin Fröhlke, die Wolle, Kurzwaren und seit fünf Jahren auch Schreibwaren verkauft: "Die habe ich, weil die Studenten halt danach gefragt haben." Früher habe sie 80 Prozent ältere Kunden gehabt, erzählt Röhlke. jetzt habe sie nur noch ungefähr zehn Prozent Ältere: "Die anderen sind nur noch junges Volk. Das macht den Kiez hier auch aus."

Kerstin Fröhlke aus Oberschöneweide (Bild: rbb/Martin Adam)
Kerstin Fröhlke

Jetzt kommen die Studenten, die Ausländer

Kerstin Fröhlke ist hier großgeworden. Vor 27 Jahren, als so viele arbeitslos wurden, hat sie ihren Laden eröffnet. Seitdem kann sie durch ihr Schaufenster zuschauen, wie sich der Kiez wandelt.

Dass sie dabei etwas mitzureden hat, glaubt Kerstin Fröhlke allerdings nicht: "Also Einfluss habe ich nicht. Da müsste ich mich mehr engagieren. Ich mache mein Kreuz, aber ich denke, ich bin ein ganz kleines Licht." So sehr sie sich junge Leute, neue Läden und mehr Leben auf der Straße wünscht, die Angst vor hohen Mieten und Verdrängung schwingt immer mit - bei ihr wie bei vielen hier.

Ein paar Hausnummern weiter sitzt Manuela Teuber in einer Bäckerei. Die Kaffeetasse in der Hand, den Blick aus dem Fenster sagt sie, dass sie dem "neuen" Oberschöneweide nichts abgewinnen könne:  "Früher, als ich noch jünger war, war das eine richtig schöne, ruhige Gegend. Jetzt ist sie leider mehr oder weniger das Gegenteil: Es wird alles modernisiert, die ganzen Studenten kommen her, die ganzen Ausländer kommen her."

Manuela Teuber (Quelle: rbb/Martin Adam)
Manuela Teuber

Es fehle an deutschen Geschäften, meint sie. Es müsste mehr Angebote für Kinder geben, mehr Jobs und höhere Löhne. Von der Politik erhofft sie sich nichts mehr. "Weil - die kommen, machen Versprechungen, versprechen dir das Blaue vom Himmel und im Endeffekt ist alles … Mehr möchte ich jetzt dazu nicht sagen."

Aus der Bäckerei heraus, unter dem alten Industriekran durch, liegen rechts die gerade eröffneten Galerien und Ateliers in den alten Reinbeckhallen. Auch der kanadische Musiker Bryan Adams hat sich hier eingekauft. Links das Kabelwerk, es produziert noch. Geradezu,  auf der Spree, liegt das ReMiLi. Früher war es ein Lastenschiff, heute ist es ein schwimmender Jugendclub, in dem aber wenig über Politik gesprochen wird. Das sei bei den Jugendlichen kein Thema - zu kleinteilig, zu uneindeutig, sagt Sebastian Thron, der das Jugendschiff leitet.

Sebastian Thron aus Oberschöneweide (Bild: rbb/Martin Adam)
Sebastian Thron

Nach Feierabend engagiert sich Thron noch ehrenamtlich. Zum Beispiel kämpft er mit anderen in einer Bürgerplattform für einen freien Uferweg. Thron zweifelt oft an der Politik: "Wir werden zu wenig ernst genommen. Ich glaube, wir werden gesehen, aber die Politik macht ihr eigenes Ding. Ich bin sozusagen einfach nur ein Sandkörnchen auf dem Hänger, der hinten draufsitzt. Aber ich glaube schon, dass auch die Sandkörnchen, die auf dem Hänger sind, irgendwie eine Macht haben." Deswegen ist für ihn klar, dass er auch dieses Jahr wieder wählen geht.

Sebastian Thron hat sein ganzes Leben in Oberschöneweide verbracht und hofft, dass er sich das weiterhin leisten kann. Gleichzeitig freut er sich über neue Nachbarn wie Delia Fröhlich und ihr Coworking-Café-Projekt 'das Bett'.

Gesellschaft gestalten ist auch Politik

Dort im kleinen Kellerraum riecht es inzwischen wieder nach Kaffee, die Maschine ist im Dauerbetrieb, das Café gerade noch pünktlich fertig geworden. Zur Eröffnung sind kaum 'alte' Oberschöneweider gekommen. Delia ist durchaus bewusst, dass ihr manche hier mit Skepsis begegnen. Denn natürlich trägt auch sie ihren Teil zur Gentrifizierung bei: "Wenn die aber hier waren, sind sie eigentlich immer total glücklich wieder gegangen. So nach dem Motto: 'Ja, ich dachte, ihr seid so blöde Studenten, die hier alles kaputtmachen. Aber das ist ja irgendwie schon ganz okay, was ihr hier macht.' Solche Sätze sind halt viel eher gefallen."

Denn zugleich bringen Leute wie Delia Fröhlich auch das langersehnte neue Leben in den Kiez. Und wenn Politik letztlich bedeute, dass Menschen ihr Zusammenleben gestalten, stellt die junge Frau fest, dann sei das hier doch auch ein politischer Ort: "Dass hier Gesellschaft gedacht wird, da glaube ich schon echt dran. Einfach so, nebenbei irgendwie."

Beitrag von Martin Adam

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