Berliner Sehitlik Moschee (Quelle: imago/Rolf Zöllner)
Audio: Inforadio | 19.05.2017 | Torsten Mandalka

Vorwürfe gegen Islamverband - DITIB soll weltoffene Kräfte systematisch ausgrenzen

Es rumort beim Islamverband DITIB: Nachdem der Jugendvorstand geschlossen zurückgetreten ist, weitet sich die Affäre aus. Dokumente deuten darauf hin, dass weltoffene Kräfte innerhalb des Verbandes systematisch ausgegrenzt werden. Von Torsten Mandalka

Angefangen hatte alles mit einem Facebook-Post. Ende vergangenen Jahres machte der BDMJ, der Bund der muslimischen Jugend - so heißt die Jugendorganisation der DITIB - einen Vorgang in der Berliner Sehitlik Moschee öffentlich. Ender Cetin, der Vorsitzende des Moscheevereins sollte nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt werden. Die Weisung sei vom zuständigen aus der Türkei entsandten Religions-Attaché ergangen.

Der geschasste Ender Cetin - der im öffentlichen Leben der Hauptstadt längst kein Unbekannter mehr ist - war offenbar in Ungnade gefallen, weil er einen zu offenen Dialog auch mit Vertretern der nicht-muslimischen Welt pflegte. In der deutschlandweit bekannten Moschee fanden unter seiner Ägide zahlreiche Veranstaltungen statt - auch zu politischen Themen: De-Radikalisierung, Integration, Frauenrolle im Islam und so weiter.

Vertrauen der Jugendlichen erschüttert

Die jungen Leute fanden das gut. Deswegen schrieben sie auf Facebook: "Die DITIB-Jugend solidarisiert sich mit Ender Cetin und seinem Vorstand. Keiner hat das Recht, demokratische Wahlen zu verhindern oder negativ zu beeinflussen."

Offener Protest dieser Art aber scheint innerhalb der DITIB ein Sakrileg zu sein. Wenig später war der Facebook-Post wieder enfernt. Er hat auch nichts genützt: Ender Cetin ist seit Anfang des Jahres nicht mehr Vorsitzender der Sehitlik-Moschee.

Ein Informant, den wir unter konspirativen Bedingungen in einem Berliner Café treffen, erzählt uns, was dann weiter geschah: Spätestens mit der Spitzel-Affäre rund um spionierende DITIB-Imame sei das Vertrauen der Jugendlichen in ihren Verband endgültig erschüttert gewesen. Eine offene Auseinandersetzung über all diese Fragen habe es nicht gegeben, schließlich seien Jugend-Vorstandsmitglieder auch noch versetzt bzw. gefeuert worden. Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Die acht BDMJ-Vorstandsmitglieder traten geschlossen zurück, sprachen in ihrem Rücktrittsschreiben von massiven Behinderungen und einer "von Misstrauen geprägten Stimmung".

Drehende Winde aus Ankara

Die DITIB selbst nimmt zu diesen Vorwürfen nur in einer kurzen Mitteilung Stellung: Es gebe Fehlinformationen, die Arbeit des Jugendverbandes sei nicht beeinträchtigt. In einem internen Schreiben der DITIB-Jugenddirektorin vom 15. Mai an die Jugendverbände der Länder heißt es jedoch:

"Dass der persönliche Mailverkehr und die Rücktrittserklärung an die Öffentlichkeit gelangte, ist weder juristisch noch moralisch in Ordnung. (…) Der DITIB-Verband wird seine ethischen und rechtlichen Prinzipien beachten, alle Aktivitäten fortsetzen und alle gegenteiligen Strömungen nicht erlauben."

Für den Grünen-Bundestags-Abgeordneten Volker Beck, der die DITIB-Spitzel-Affäre ins Rollen gebracht hatte, ist all das symptomatisch: Die DITIB agiere schon seit längerem als "closed shop". Auch der Dialog von Politikern mit Gemeindemitgliedern werde nach Möglichkeit unterbunden, alles werde gesteuert. "Das ist nicht das, was ich erwarte: dass islamische Vereine sich auch zur Gesellschaft hin öffnen und in einen Dialog treten."

Beck fordert inzwischen, der Staat müsse die Mitwirkungsrechte der DITIB in Gremien wie der deutschen Islamkonferenz ruhen lassen. Sowohl für die Spitzel-Affäre als auch für den Vorgang um die DITIB-Jugend hat er nur eine Erklärung: Die DITIB habe sich nicht neu erfunden, sondern der Wind aus Ankara habe gedreht. "Die DITIB war immer eine Organisation der Dyanet, der Religionsbehörde in Ankara."

Beck: "Widerspruch zu bundesdeutschen Verfassungsgrundsätzen"

Dass die Behörde auch in Deutschland das Sagen hat, findet der Grüne extrem problematisch. Die vereinsrechtliche Konstruktion der DITIB habe von Anfang an den bundesdeutschen Verfassungsgrundsätzen widersprochen: "Dass eine religiöse Veranstaltung eine Tochtergesellschaft einer staatlichen Behörde aus dem Ausland ist, geht nicht zusammen mit irgendeinem Verständnis der Trennung von Staat und Religion. Da wird Religion in den Dienst genommen für staatliche Machterhaltung."

Das sehen inzwischen auch die oppositionellen Kräfte in der DITIB so. Viele haben resigniert, sind drauf und dran, die DITIB zu verlassen. Kann sein, dass daraus jetzt etwas Neues entsteht - Ausgründungen religiöser und kultureller Institutionen, die unabhängig von Ankara sind. Für den deutschen, den europäischen Islam wäre das dann sogar ein Hoffnungsschimmer. Und gleichzeitig der Gang der DITIB in die Bedeutungslosigkeit.

Beitrag von Torsten Mandalka, Redaktion Investigatives & Hintergrund

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1 Kommentare

  1. 1.

    Das glaube ich gerne.Natürlich wird das von der Türkei gelenkt .

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