Die Rechtsanwältin Seyran Ates und Mitglieder ihrer Gemeinde in der Kirche St. Johannes, die eine liberale Moschee wird (Quelle: dpa/Soeren Stache)/
Video: Abendschau | 16.06.2017 | Christian Titze

Liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eröffnet in Berlin - "Ich will in der Moschee Mensch sein"

Die Frauenrechtlerin und Juristin Seyran Ateş hat am Freitag in Berlin-Moabit ihre liberale islamische Moschee eröffnet. Ateş hat dort Großes vor. Sie will nichts weniger, als das Bild des Islam in der Öffentlichkeit verändern. Von Frauke Oppenberg

Mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit ist am Freitag die erste liberale Moschee in Deutschland eröffnet worden.

Frauen und Männer beten hier künftig gemeinsam in einem Raum, auch das Vorbeten wird von Männern wie Frauen übernommen, ebenso die Predigten. Das ist bisher so in keinem muslimischen Gotteshaus in Deutschland möglich.

Gegründet hat diese neue Moschee die Frauenrechtlerin und Juristin Seyran Ateş. "Wir brauchen eine historisch-kritische Auslegung des Koran", sagte die 54-Jährige im rbb. "Eine Schrift aus dem 7. Jahrhundert darf und kann man nicht wortwörtlich nehmen. Wir stehen für eine Lesart des Koran, die sehr ausgerichtet ist auf die Barmherzigkeit und auf die Liebe Gottes, vor allem auch auf den Frieden."

Ates will öffentliches Bild des Islam ändern

Seyran Ateş möchte mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee sowohl den Dialog innerhalb des Islam als auch zwischen den Religionen fördern. Ihr sind alle muslimischen Rechtsschulen willkommen: Sunniten, Schiiten, Aleviten und Sufis. Aber vor allem will die Menschenrechtlerin das Bild vom Islam in der Öffentlichkeit verändern. "Es ist Zeit, dass die moderaten, liberalen Muslime endlich auch Gesicht zeigen", findet Seyran Ateş. Seit dem 11. September 2001 und den Anschlägen auf das World Trade Center habe sie immer wieder die Frage gehört: "Wo sind denn die friedlichen Muslime? Warum gehen sie nicht auf die Straße und protestieren gegen den Terror der Islamisten? Ich empfinde das genauso. Ich frage mich auch, wo sie sind."

Islam kennt keine repräsentierenden Organe

Entstanden ist die Idee, eine liberale Moschee zu gründen, als Seyran Ateş von 2006 bis 2009 Mitglied der Deutschen Islamkonferenz (DIK) war. Als so genannte "Einzelperson" des öffentlichen Lebens hatte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble die Frauenrechtlerin in das Gremium geholt. In dieser Zeit sei ihr klar geworden, dass vor allem der Staat und die Politik organisierte Ansprechpartner bräuchten. Das stehe zwar im Widerspruch zum Selbstverständnis im Islam, der keine repräsentierenden Organe kenne, aber sie sei zu der Überzeugung gekommen, dass sich liberale Muslime ebenfalls zusammentun müssten, wenn sie wahrgenommen werden wollten.

Ates: "Kein anderer hat es gemacht."

Nur 15 Prozent der Muslime in Deutschland seien in den Moschee-Verbänden wie z.B. Ditib organisiert, so Ateş. Kaum mehr besuchten die Freitagsgebete der konservativen Gemeinden. Sie selbst war noch nie in einer deutschen Moschee, wie sie erzählt. "Mich hat es schon als Kind gekränkt, dass Männer und Frauen beim Beten getrennt wurden", empört sich die Anwältin, "dabei sind wir doch vor Gott alle gleich. Ich will in der Moschee Mensch sein."

Lange hatte Ateş gehofft, dass jemand anderes ihre Idee aufgreifen und eine liberale Moschee gründen würde. "Mir wäre es Recht gewesen", sagt die Anwältin, die als Frauenrechtlerin schon häufig Morddrohungen erhalten hat, "ich wäre glücklich darüber, wenn ich jetzt nicht wieder den Kopf dafür hinhalte müsste, aber es hat kein anderer gemacht."

Mit eigenem Geld auf die Beine gestellt

Also hat Seyran Ateş vor einem Jahr damit begonnen, ihre Idee selbst in die Tat umzusetzen. In der evangelischen Johanniskirche in Berlin-Moabit fand sie einen geeigneten Raum für ihre Moschee. Ein ehemaliger Theaterraum im dritten Stock eines Nebengebäudes aus Backstein wurde zum 90 Quadratmeter großen, hellen Gebetsraum. Finanziert hat die Juristin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee zunächst aus eigener Tasche. "Jetzt erst kommen so langsam Spenden", so Ateş erfreut. "Ich bin ganz glücklich darüber, dass jetzt viele dazu stoßen und ich beweisen kann, dass ich nicht alleine bin mit diesem Gedanken. Das ist ein super Gefühl."

Die Moschee in Alt-Moabit

Beitrag von Frauke Oppenberg

Kommentar

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26 Kommentare

  1. 26.

    Ich bewundere Mut. An jedem Projekt lässt sich Zuspruch und Kritik finden.
    Ich fühlte Zuversicht und Hoffnung! Möge sich alles gut entwickeln in Tolleranz und im Miteinander für eine gute Zukunft für uns unsere Kinder und Enkel.

  2. 25.

    Winfried, Glauben Sie allen Ernstes, dass nur Akademiker sich mit religiösen Texten befassen? Können Sie erläutern, wie Sie darauf kommen? Schon vor Jahrhunderten hatten besonders arme Menschen, oder generell Menschen, denen es schlecht ging, Trost in der Bibel gesucht. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber viele Jahre lang war die Religiösität in landwirtschaftlich geprägten Regionen (Bauern, Wanderarbeiter, Tagelöhner - die "LIDL-Kassierer" von damals) deutlich stärker, als z.B. in Städten.

    Außerdem will ich Sie ja nicht beunruhigen, aber hier sitzen bei LIDL oftmals Studenten an der Kasse, die das als Nebenjob zur Finanzierung ihres Studiums machen.

    Und da Sie, aber vielleicht interpretiere ich Sie auch nur falsch?, offenbar generell etwas gegen ("fremdfinanzierte") Studenten haben: Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass auch Ihr Arzt mal ein Student war.

  3. 24.

    Na dann googeln Sie mal, Sie scheinen auch nicht sehr interessiert zu sein mal die Tagesschau oder andere neutrale Nachrichtensender zu sehen, wie kann man dies wirklich nicht wissen, aber in dieser zeit wird mir jetzt auch klar wieso CDU & SPD noch so viele Prozente haben es sind halt alles Unwissende.

  4. 23.

    Bitte um Aufklärung, von welchen Morden andersgläubiger in der Türkei sprechen Sie?
    Ich habe bis zu ihrem Kommentar nie ertwas von Morden von andersgläubigen in der Türkei gehört!
    Wie kommen Sie darauf, bitte um Quellen.

  5. 22.

    Die Bibel ist, wie auch gleichartige Bücher, z.B. der Koran, eine "never-ending-story", gemacht
    für Leute die das reale Leben, z.B. an der Lidl-Kasse, nur aus der akademischen "Stuhlkreis" Sicht
    kennen. ... Heißt, sich mit derartiger Literatur auseinanderzusetzen, ist i.d.R. "fremdfinanziert".

  6. 21.

    Die BIBEL antwortet:
    1. Timotheus 2, 12-14
    Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen.

    Paulus, Epheser 5, 22-24
    Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen.

  7. 18.

    Eine Reformation des Islams, im Sinne einer Anpassung an die heutige Zeit, wäre m.E. dringend nötig. In diesem Sinne ist dieses Projekt wirklich erfreulich.

    Ich frage mich nur, wie erfolgreich man wohl sein wird? Wenn man sich die Fotos von der Eröffnung ansieht, sind nicht allzu viele Menschen gekommen. Und unter diesen sehr viel Presse und viele vermutlich nicht-muslimische Neugierige. Liberale Moslems waren es wohl leider nur eine Hand voll. Werden es mit der Zeit mehr werden? Oder bleibt das hier ein Kleinprojekt einer gewissen abgeschotteten Avantgarde, das nie Zulauf von der Masse bekommen wird, weil die sich dafür einfach nicht interessiert? Das wäre meine Befürchtung.

  8. 17.

    Herzlichen Glückwunsch zu der mutigen Umsetzung dieses Projektes! Ich gebe Ihnen recht, es war höchste Zeit eine liberale Moschee zu gründen, die sicherlich mehr und mehr Zulauf finden wird und hoffentlich irgendwann ganz normale Realität überall in Deutschland wird. Wenn ich Sie klonen könnte, ich würde es tun, denn Deutschland braucht Frauen wie Sie!
    Alles erdenklich Gute.

  9. 16.

    Na dann würde ich schon mal vorsorgen und den Glauben wechseln bzw, zum Islam übertreten, dann sind Sie auf jedenfall auf der sicheren Seite aber evangelisch ???sehen Sie sich doch die Morde alleine in der Türkey an anders Gläubigen an.

  10. 15.

    Wen ich (nicht wirklich), Allen voran,vermisse, das Ehepaar Dilek und Kenan Kolat.
    Oder habe ich da etwas übersehen ?

  11. 14.

    Die Nachricht über diese neue Moschee in Berlin erfüllt mich mit großer Freude. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass sich dieser Gedanke ausbreitet unddass es bald in der ganzen Welt solche Moscheen gibt und diese wachsen.
    Sabine Lell
    (evangelisch)

  12. 13.

    Ich stimme den Jubelrufen nicht zu! In einer Zeit, in der Islamisten das Gotteslob "Allahu akbar" als antichristlichen Schlachtruf gebrauchen, Christen verfolgen, töten, ja sogar unmenschlich, barbarisch ermorden ist die Einladung einer Moschee unter das Dach einer evangelisch-christlichen Kirche unangebracht und das falsche Zeichen für christliche Toleranz. Jeder kennt den Spruch: "Die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber". Ich gehöre der Gemeinde an, die mit der Moschee-Unterbringung in unserer Kirche überrascht wurde. Es gab keine Befragung der Gemeindemitglieder, ob sie diese Aktion tolerieren bzw. stützen. Selbst führende Gemeindevorstandsmitglieder sind dagegen, was aber offensichtlich niemand anficht. Aber was will man schon von einer Kirche erwarten, deren oberster Führer Bedford-Strohm (aufgefordert) freiwillig und unterwürfig in Jerusalem sein Glaubenssymbol, das Kreuz, abnimmt. Ohne Verteidigung ihrer christlichen Identität ist das keine Kirche mehr.

  13. 12.

    es gibt eine liberale moschee, ohne unterstützung der hier lebenden muslime, geführt von einer frau, die niemand anderen gefunden hat, der es machen wollte und auch nicht mehr mitglied der DIK ist. dialoge soll es geben zwischen sunniten, schiiten, aleviten, sufis, ergänzt mit juden, protestanten und katholiken, frauen und männer zusammen.

  14. 11.

    Gleichfalls auch meinen Glückwunsch dazu.
    Ich hoffe auf viel Zuspruch, so etwas braucht wohl Zeit.

  15. 10.

    Das finde ich toll, endlich tut sich Mal was.
    An alle friedliches Muslime: Jetzt erst Recht "Arsch huh un Zäng usenander"




  16. 9.

    Eine liberale Moschee - Ein tolles Projekt, das Hoffnung gibt
    Eine gemeinsame liberale Moschee für Muslims aller (oft zerstrittenen) Glaubensrichtungen des Islams, kann nur begrüßt werden. Es ist ein Signal an alle Fundamentalisten im Islam, sich zu öffnen und den einzelnen! Menschen als sich frei bestimmendes Wesen mit eigener Entscheidungsfähigkeit und Selbstverantworung zu betrachten. Dieses Verständnis sollte allen Sunniten, Schiiten und Alewiten ein Maßstab für ihre Integration in Deutschland sein. Der einzelne Mensch als ein sich selbstbestimmendes Wesen hat über alle Religionen hinaus Anspruch auf freie Selbstbestimmung und Unverletzlichkeit seiner Person und seiner Persönlichkeit. Wenn es dem liberalen Islam gelingt, ein solches Menschenbild in seiner Religion zu verankern und zu verbreiten, sind die größten Probleme unserer Integrationsdiskussion schon gelöst. Leider verweigert der türkische DITIB, sich zu öffnen und zu kooperieren. Scheinbar schlägt dessen Herz anderswo.

  17. 8.

    Vielverprechend! Respekt!
    Gerade, wo sich Ditib weigert, an der morgigen Friedensdemonstration in Köln teilzunehmen, wo bei Erdogan-Treue-Schwüren sonst locker über 50.000 Ditib-Anhänger mobilisiert werden können.

    Ich wünsche der Frau und der friedlichen Gemeinde viel Erfolg und Zuspruch aller friedfertigen Moslems, die es offensichtlich auch gibt.
    Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, kein Kopftuchzwang - willkommen im 21. Jahrhundert

  18. 7.

    Wenn jetzt noch das Prinzip Jesu Christi (siehe z.B. Johannes 4, 6 ff) angewandt würde - wunderbar!

  19. 6.

    Glückwunsch!
    Zwar bin ich Atheistin, denke aber, wer glaubt, sollte das auch tun. Und ich finde es fantastisch, wie sie alle Menschen zusammen bringen wollen. Damit sich die Menschen - auch mit den diversen Religionen - respektieren, hoffentlich füreinander einstehen, sich gegenseitig helfen. Ganz einfach solidarisch sind.
    Mit herzlichem Gruß
    Claudia omoregie

  20. 5.

    Wieso muss so jemand mit eigenem Geld arbeiten. Das ist aus meiner Sicht der beste nächste Schritt für die Weltreligion Islam. Der Aufklärungsgedanke. Eine kritische Auseinandersetzung. Kein Fanatismus der auf jahrhunderte alten Texten basiert. Diese Frau würde ich mit Integrationspreisen, und vor allem Fördermitteln überhäufen bis Sie eine goldene Moschee auf dem Alexanderplatz bauen kann.

  21. 4.

    Liberale Moschee ??? betet da in Zukunft Herr Lindner & seine FDP, was es alles gibt, na der Verein hat sicher noch gefehlt, was hätten wir nur ohne diesen gemacht ??

  22. 3.

    Auch ich kann mich R. Günder nur anschließen. Allerdings erkenne ich zwischen diesen Worten und dem Artikel keinen Zusammenhang. Ein gewaltverherrlichendes Buch, in dem ich als Fau zum Acker erklärt werde, ist nichts Gutes.

  23. 2.

    Sehr geehrte Frau Ates,

    ich kann mich R.Günder nur anschließen.

    Alles Gute für die Zukunft, viel Erfolg, gutes Gelingen - und keinerlei Probleme jeglicher Art, von welcher Seite auch immer egal ob extrem rechts oder islamistisch/terroristisch.

    Mit freundlichen Grüßen aus Thüringen
    Lyn

  24. 1.

    Sehr geehrte Frau Ates, ich finde es großartig, was Sie tun und wünsche Ihnen und der Gesellschaft, dass Ihr Mut und Ihre Taten viele Menschen ermutigen, es Ihnen nachzutun und sich zu zeigen. Nehmen wir Gutes von Gestern und tragen es weiter ins Heute für ein friedliches Morgen ohne Ihr-schlecht-wir-gut-Botschaften. Alles Gute für die Eröffnung und für die Zukunft, mit herzlichen Grüßen, R. Gündert

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