Eine Frau sitzt in Berlin mit Hab und Gut und ihren zwei Hunden am Straßenrand. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)

Weibliche Obdachlose - Als Frau "auf der Platte" leben

Obdachlosigkeit ist männlich, heißt es. Doch auch für rund 2.500 Frauen in Berlin ist sie Realität. Das Leben auf der Straße ist für sie besonders gefährlich - und nicht alle Notunterkünfte sind für sie ideal.

Wie viele es sind, will niemand sagen. Weil sie keiner zählt. Weil keiner weiß, wer sie sind. Weil keiner weiß, wo sie schlafen. 2.500 Frauen sollen laut einer Pressemitteilung der Caritas aus dem März 2017 in Berlin auf der Straße leben –  doch wie viele andere Zahlen zum Thema Obdachlosigkeit handelt es sich auch hier nur um eine Schätzung.

Ebenso wie die Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.: Waren nach dieser in den 1990er-Jahren noch rund 15 Prozent der Obdachlosen in Deutschland weiblich, liegt der Frauenanteil inzwischen bei 28 Prozent (aktuellste Zahlen von 2014). Das bedeutet: rund 86.000 Frauen bundesweit sind von Wohnungslosigkeit betroffen.

Die typische Obdachlose gibt es nicht

Eine exakte Zahl festzulegen ist auch deshalb schwierig, weil es die obdachlose Frau nicht gibt. Denn Frauen landen nicht nur aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße, sie bleiben dort häufig auch nicht für immer und leben in verschiedenen Formen der Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Weil sich die Lebenssituationen so gravierend voneinander unterscheiden, lassen sie sich nicht einfach als eine Gruppe betrachten. Dennoch teilen wohnungs- und obdachlose Frauen viele Probleme: Es fällt ihnen schwer, einen geregelten Alltag zu führen. Häufig haben sie Gewalt erlebt.

 

Ein beachtlicher Anteil der wohnungslosen Frauen zeigt laut einer Erhebung von 2015 des Frauenwohnheims der Gebewo FrauenbeDacht psychische Auffälligkeiten: Bei 51 von 83 Bewohnerinnen lag die Diagnose einer psychischen Erkrankung vor, 30 wurden als psychisch auffällig eingeschätzt. Die Hälfte der Frauen hatte erhebliche Schwierigkeiten im Alltag, konnte beispielsweise ihre Post nicht bearbeiten. Häufig sind auch Suchterkrankungen ein Problem. Nur ein Drittel der Frauen war voll erwerbsfähig.

Zweckbeziehungen: Sex gegen Schlafplatz

Viele Frauen, die ihre Wohnung verlieren, versuchen nicht aufzufallen. Sie wechseln zwischen Notunterkünften, Frauenhäusern und Obdachlosenheimen und kommen gelegentlich bei Bekannten unter. Verdeckte Obdachlosigkeit heißt das. So geraten Frauen immer wieder in Zweckbeziehungen, in denen sie gegen Sex einen Schlafplatz erhalten oder zu ehemaligen Partnern zurückkehren, die sie misshandeln. In einer Statistik tauchen diese Frauen nicht auf.

Porträt: Blümchen

Obdachlose Blümchen (Foto: Evangelische Journalistenschule)

Schlafplätze kann man zählen

Was sich zählen lässt, sind Schlafplätze und Übernachtungen. Die Berliner Kältehilfe wertet die Zahlen der Übernachtungsplätze in Notunterkünften für die jährlichen Kälteperioden aus. In der aktuellen Statistik lässt sich ein Anstieg der Übernachtungen von Frauen beobachten. Während der Kälteperiode 2015/2016 wurden 14.215 Übernachtungen von Frauen in Notunterkünften gezählt. Ein Jahr später waren es bereits 15.166 Übernachtungen. Wie viele Frauen auf der Straße leben, lässt sich daraus aber nicht ableiten.

 

Die Auslastung von reinen Frauenunterkünften betrug in der Kälteperiode 2016/2017 etwa 60 Prozent. Auffällig ist, wie wenige Frauen gemischte Unterkünfte nutzen. Dort betrug die Auslastung der Plätze nur zwölf Prozent. Auf ein Überangebot an Übernachtungsplätzen für Frauen lässt sich dennoch nicht schließen. "Die Hemmschwelle für Frauen, in Notübernachtungen zu schlafen, ist sehr hoch. Vor allem, weil sie nicht wissen, inwiefern sie von den Männern separiert untergebracht werden", sagt Rebecca Aust, Leiterin des Frauenwohnheims FrauenbeDacht. Einige der Unterkünfte liegen auch in Stadtteilen, die weniger von obdachlosen Frauen frequentiert werden, weil sie die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht bezahlen können.

In den Wintermonaten stehen Frauen in sieben Notunterkünften 77 Betten zur Verfügung. Danach nimmt diese Zahl drastisch ab: Nur drei Notunterkünfte für Frauen haben das ganze Jahr geöffnet. 31 Betten können obdachlose Frauen in Berlin von April bis Oktober nutzen.

 

Im Dezember 2016 hat in Berlin die Notunterkunft Evas Obdach eröffnet. Sie wird betrieben vom Sozialdienst katholischer Frauen e.V. und bietet obdachlosen Frauen das ganze Jahr über zehn Schlafplätze. Wenn Ende März viele Notunterkünfte schließen, ist Evas Obdach fast immer voll ausgelastet. Oft müssen die Mitarbeiterinnen Frauen wieder wegschicken. Dabei sei das Leben für Frauen auf der Straße besonders gefährlich, sagen Elke Ihrlich und Natalie Kulik von Evas Obdach.

Porträt: Punky

Obdachlose Punky (Foto: Evangelische Journalistenschule)

Neben den sieben Notunterkünften, in denen obdachlose Frauen die Nacht verbringen können, gibt es in Berlin sieben Wohnheime für wohnungslose Frauen, in denen Frauen meist in Doppelzimmern, in manchen Fällen auch in Einzelzimmern untergebracht werden. Sie sind das ganze Jahr über geöffnet, Frauen können hier für längere Zeit unterkommen. Im Schnitt, sagt die Leiterin von FrauenbeDacht, Rebecca Aust, bleiben sie sechs Monate.

Aust ist besonders stolz darauf, dass in ihrem Wohnheim ausschließlich Einzelzimmer angeboten werden. Nachts bleibt eine ehrenamtliche Betreuungshilfe oder eine Studentin der sozialen Arbeit oder Psychologie bei den Frauen. Insgesamt ist dies bei vier der sieben Wohnheimen der Fall.

Fehlende Mindeststandards für qualitative Arbeit

Die Unterkunft setzt auf multiprofessionelle Beratung: Neben Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen stehen den Frauen hier auch psychologische Fachkräfte zur Seite. Bewohnerinnen von FrauenbeDacht werden etwa durch die externe "Psychologische Beratung für wohnungslose Frauen" unterstützt. Diese Betreuung wird nicht in allen Wohnheimen für obdachlose Frauen angeboten - aus Kostengründen.

"Es gibt zwar Leitlinien für die Größe der Räume, doch für qualitative Arbeit fehlen die Mindeststandards", sagt Aust. Nach ihrer Erfahrung zahle es sich aus, wohnungslose Frauen psychologisch auch in den Wohnheimen zu betreuen und nicht nur ein Bett zur Verfügung zu stellen – so schütze man sie langfristig vor Verelendung. Für viele Frauen seien die klassischen Eingliederungshilfen, wie psychologisch betreutes Wohnen, zu hochschwellig, bemängelt die Sozialarbeiterin. Sie seien beispielsweise unter Umständen nicht in der Lage, Termine einhalten zu können.

 

Wohnungs- und obdachlose Frauen sind eine besondere Gruppe mit spezifischen Bedürfnissen. Nur gendergerechte Einrichtungen werden dem gerecht. Das erklärt auch, warum gemischte Einrichtungen oft von Frauen gemieden werden. So ist die Nachfrage nach Plätzen in Wohnheimen wie FrauenbeDacht deutlich höher als nach Schlafplätzen in Notunterkünften. Im Jahr 2015 haben sich 345 Frauen auf eine Unterbringung im Wohnungslosen-Projekt FrauenbeDacht beworben.

In den 45 Zimmern konnten auf das Jahr verteilt 83 Frauen untergebracht werden. In der Regel müssen sie mit Wartezeiten von zwei Monaten rechnen und für eine Kostenübernahme sorgen. Die Bewohnerinnen der Unterkunft in Berlin-Wedding sind zwischen 18 und 75 Jahre alt. Die Unterbringung ist zudem deutlich teurer als in einer Notunterkunft: sie liegt je nach Standard des Wohnheims zwischen 14 und 40 Euro. Mit 32,77 Euro liegt FrauenbeDacht im oberen Preissegment.

Armutsrisiko für Frauen höher als für Männer

In den kommenden Jahren könnte es zu einem Anstieg weiblicher Wohnungs- beziehungsweise Obdachlosigkeit kommen: Frauen im Rentenalter haben laut statistischem Bundesamt in Deutschland ein höheres Armutsrisiko als Männer. Ein wichtiger Grund dafür ist die mangelhafte Rentenvorsorge, die sich aus den Beschäftigungsverhältnissen vieler Frauen ergibt. Sie pausieren während ihres Berufslebens häufiger zugunsten von Kindern, arbeiten oft in Teilzeit oder in prekären Jobs. Einen Anstieg von älteren Frauen unter den Obdachlosen beobachtet auch Sozialarbeiterin Natalie Kulik von Evas Obdach: "Aufgrund der hohen Mieten und geringen Renten kommt es dazu, dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, die Miete nicht mehr aufbringen können und wohnungslos werden."

Um dem Problem der weiblichen Obdachlosigkeit in Zukunft politisch entgegenwirken zu können, müssen also nicht nur Schlafplätze geschaffen, sondern vor allem die Ursachen bekämpft werden.

Sendung: Inforadio, 08.06.2017, 06:20 Uhr / Kulturradio, 09.06.2017, 19:04 Uhr

Beitrag von Marlene Brey, Milena Hassenkamp, Theresa Liebig, Rachelle Pouplier (Evangelische Journalistenschule)

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2 Kommentare

  1. 2.

    Meine Spenden gehen grundsätzlich an " Evas Haltestelle ". Die kümmern sich um obdachlose Frauen. Sehr wertvolle Einrichtung, Spenden lohnen sich.

  2. 1.

    Ich bin dem Sozialdienst katholischer Frauen sehr zu Dank verbunden, weil sie mich in einer akuten Notsituation betreuen. Durch die Hilfe des skf gemeinsam mit dem Studentenwerk habe ich schnell nach kurzer Wohnungslosigkeit eine Wohnung fuer 6 Monate Zwischenmiete gefunden. Als Studentin des Sicherheitsmanagements will ich gerne zur Sicherheit von Frauen und Kindern in Zukunft beitragen. Mein Vorschlag ist, auch fuer das mangelnde Bewusstesein von Krankenkassen zu sensibilisieren, inwiefern sie bei Krankheiten von Frauen zu den Ursachen von Wohnungslosigkeit beitragen. Eine Ausnahme scheint mir die Diakonie BKK zu sein. Ich habe mit dieser BKK gestern Kontakt aufgenommen und wuerde euch gerne weiter ueber meine Recherchearbeit berichten und aktiv an der Netzwerkarbeit mitwirken, wenn ich darf.

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