Menschen sitzen auf dem Steubenplatz während des Protests gegen den geplanten Abriss des Fachhochschulgebäudes in Potsdam (Quelle: imago/Martin Müller)
Video: Brandenburg aktuell | 13.07.2017 | Theresa Majerowitsch

Nach der Besetzung - Polizei sichert geräumte Fachhochschule in Potsdam

Abriss-Gegner hatten am Donnerstag die Potsdamer Fachhochschule besetzt. Nun wird das bereits weitgehend leerstehende Gebäude aus DDR-Zeiten von der Polizei gesichert. Doch damit ist der Protest nicht beendet.

Nach der Räumung der Fachhochschule Potsdam sichert die Polizei das Gebäude. Nach Angaben des Polizeipräsidiums vom Freitag sind die Beamten auch wegen der andauernden Veranstaltung von Abriss-Gegnern vor dem Gebäude präsent.

Bis zum späten Donnerstagabend hatten 200 Polizisten rund 40 Besetzer aus dem Gebäude geleitet. Herausgetragen werden musste niemand. Die Polizei leitete Verfahren wegen Hausfriedensbruchs gegen 29 der Besetzer ein, die sich zuletzt in der Mensa aufhielten.

Pfefferspray und mehrere Verletzte

Einige der Besetzer, die für den Erhalt der Fachhochschule protestierten, hatten das Gebäude bereits zuvor verlassen. Im Vorfeld war es zu einer Rangelei zwischen Polizisten und Besetzern gekommen. Ein Beamter wurde nach Angaben der Polizei leicht verletzt, war aber weiter im Dienst. Auch Pfefferspray sei zum Einsatz gekommen. Die Besetzer-Gruppierung "Bitte stehen lassen" erklärte, bei der Räumung seien mehrere Menschen verletzt worden.

Die Grünen in Potsdam kritisierten die Besetzung: "Die Gestaltung der Potsdamer Mitte ist ein seit über 20 Jahren währender demokratisch legitimierter Prozess mit zahlreichen Formen der Bürgerbeteiligung." Diese Entwicklung sei nicht von reichen Westdeutschen angestoßen worden. Die Linkspartei dagegen verurteilte den geplanten Abriss.

"Es ist das letzte Mittel"

Das Bündnis "Stadtmitte für Alle" hatte zu einem Protestcamp vor dem Gebäude gegen die "Abrisspolitik" der Stadt aufgerufen. Am Donnerstagnachmittag folgten Dutzende der Aufforderung. Teilweise brachten sie Sofas mit. Nach eigenen Angaben wollten die Protestierenden bis zum Sonntag ausharren.

Ein Sprecher des Bündnisses sagte dem rbb, man wolle eine einjährige Zwischennutzung des Gebäudes als offenes Haus erreichen. In dieser Zeit solle in einem zivilgesellschaftlichen Prozess darüber entschieden werden, was mit diesen öffentlichen Flächen geschehen soll. Auf jeden Fall sollten sie in öffentlicher Hand bleiben. Das Bündnis kritisiert auch den geplanten Abriss anderer DDR-Bauten in der Stadt.

Wohn- und Geschäftshäuser mit historischen Fassaden

Die Stadt will das Gebäude der Fachhochschule, das zu DDR-Zeiten entstand, abreißen lassen. Stattdessen sollen dort Wohn- und Geschäftshäuser teils mit historistischen Fassaden gebaut werden. Kritiker dieser Pläne befürchten hohe Mieten in den Neubauten und sprechen von Verdrängung weniger zahlungskräftiger Menschen aus der Potsdamer Innenstadt.

Außerdem kritisieren sie, dass zu viel Geld in neue Gebäude nach historischem Vorbild gesteckt und dass bedeutende DDR-Architektur zerstört werde. Auch ein Wohnblock in der Innenstadt, der so genannten Staudenhof, soll abgerissen werden. Er hat derzeit noch einen Bestandsschutz bis 2022.

Mehrere Demonstranten haben am Donnerstag mit Transparenten am Gebäude der Fachhochschule Potsdam gegen den Abriss des Plattenbaus protestiert. (Quelle: rbb/Dominik Lenz)
Besetzer vor der Fachhochschule in Potsdams Mitte

Bürgerentscheid wurde von Gericht als unzulässig erklärt

Der Landesverband Brandenburg von Mehr Demokratie e.V. ist der Meinung, dass es zu einer Besetzung nicht hätte kommen müssen: "Mit einem Bürgerentscheid hätte der aktuelle Streit um die Potsdamer Mitte entschieden werden können", heißt es in einer Mitteilung. Ein Gericht hatte ein Bürgerbegehren gegen den Abriss der FH für unzulässig erklärt: Der Text des Bürgerbegehrens sei ungenau und teilweise irreführend gewesen, hieß es zur Begründung.

Fachhochschule spricht von "verhärteten Fronten"

Die Polizei hatte vor ihrem Eingreifen am Donnerstag eine Entscheidung der Fachhochschul-Führung abgewartet. Die erklärte am Nachmittag, sie suche zunächst das Gespräch mit den Demonstranten. Allerdings sprach Eckehard Binas, Präsident der Fachhochschule, von verhärteten Fronten. Am Abend stellte die Fachhochschul-Leitung dann den Räumungsantrag.

Der Nachrichtenagentur dpa sagte Binas kurz vor der Räumung, die Fachhochschule habe alles getan, um eine Eskalation zu verhindern: "Wir waren im großen Umfang diskussionsbereit." Es sei den Besetzern aber um Rahmenbedingungen gegangen, die durch die Hochschule überhaupt nicht erfüllbar seien. "Die Forderung, den Raum dauerhaft als öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen, können wir gar nicht erfüllen", so Binas.

Der Bürgermeister von Potsdam, Burkhard Exner, erklärte: "Inhaltlich kann ich das sicher verstehen, dass man diese Diskussion führt. Aber es gibt Entscheidungen, die sind zu beachten, und wir haben die auch zu akzeptieren." Über die Gestaltung der Potsdamer Innenstadt mit dem als Landtag wiederaufgebauten Stadtschloss gibt es seit Jahren einen heftigen Streit.

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    "... Wer hat hier keinen Sinn für Architektur?"

    Die Stadtverwaltung, gleich ob vor oder nach der Wende.
    Die Bürger haben ihn. Hasso Plattner begreift sich als einer von ihnen, Günther Jauch auch. Und Bürger diskutieren hier, nicht die Potsdamer Stadtverwaltung. Diese Bürger finden heute aufgrund anders veranlagter Medien, als dass es Staatsmedien wären, mehr Gehör und mehr Verbreitung.

  2. 15.

    Ich glaube auch, dass über alle beschworenen Systemgegensätze hinweg drei Viertel der städtebaulichen Vorstellungen nahezu identisch waren. Nur mit ein klein wenig Zeitverzögerung und mit anderslautender Begründung. Im einen, dass der Autoverkehr rollen müsse undi ihm nichts im Wege stehen dürfe, im anderen lt. Handbuch der sozialistischen Stadtgestaltung, waren es "gewaltige´Straßen und Plätze für Aufmärsche, Gedenkkundgebungen und Militärparaden."

    'Dass beides vom Ergebnis nahezu gleich war, kann nach zwei Richtungen aufgelöst werden:
    1. Als Nullsummenspiel, dass derartige bauliche Missgriffe Ost gegen West verrechnet werden, dass nichts verändert werden soll,
    2. dass nichts gegeneinander verrechnet wird, alles vielmehr für sich betrachtet wird. Am konkreten Ort. Und dass das Unpassendste eben zuerst gehen muss. Gleich wo. Dazu gehört zweifellos die Potsdamer FH.

  3. 14.

    Ich denke, es wäre gut, das Ganze systemunabhängig zu diskutieren. Dass spezifisch DDR-Architektur abgerissen werden solle, haben sich die wenigsten auf das Schild gehoben, die übergroße Mehrheit derjenigen, die die Hinwendung zur historischen Stadtmitte befürworten und einleiten, tun dies aufgrund ihres erworbenen Wissens und ehrlicher Anschauung:

    Mit vordergründig gerasterten Gebäuden ist das Zentren einer Stadt nicht zu gestalten. Wem natürlich das Zentrum, das Innerste der eigenen Stadt, ästhetisch egal ist, wird das hinnehmen´.

    Frankfurt am Main hat die ästhetisch anspruchslosen Klötze des Technischen Rathauses abgerissen und m. W. gab es niemanden, der diesen Bauten auch nur eine Träne nachgeweint hätte. Der Rückbau überbreiter Fahrbahnen hin zu einem wirklich stadtverträglichen Maße bliebe halbherzig, wenn die "bauliche Begleitung" dessen unberücksichtigt bliebe.

    Auch das unpassende HK-Gebäude und das Bahnhofs-EKZ werden gehen. In ca. 20 o. 30 J.

  4. 13.

    Stimmt! Das ICC steht ja ebenfalls im innersten Zentrum der Stadt, an einem historisch wie städtebaulich sensiblen Ort, sein Bau hat gewachsene Stadtstruktur zerstört, es fügt sich nicht in die Umgebung ein, und wenn es weg ist, können dort wieder kleine Häuschen errichtet werden (wie sie an dieser Stelle seit Jahrhunderten standen), und es wird ein Ort von hohem Wohnwert und noch höherer Aufenthaltsqualität entstehen, so zwischen Stadtautobahn, Ringbahn und Messedamm.

  5. 11.

    Die 1970er Jahre waren keine Glanzzeit der Architektur, weder im Osten noch im Westen. Man schaue nur nach Potsdams Partnerstadt Bonn, wo die Rheinaue verschandelt wurde mit dem Post Tower und dem Langen Eugen. (Man hat ja auch dem neulich gesprengten Bonn-Center keine Tränen nachgeweint.) Genau wie diese Bauten ist die Fachhochschule eine optische Zumutung. Sie war gedacht als Teil eines sozialistischen Forums, dass, Gott sei Dank, nie zu Ende gebaut wurde. Sie hat keinen Platz mehr in der historischen Stadtmitte und verdient ihren Abriss. Um einen bekannten Denkmalschützer zu zitieren: "Wer DDR-Architektur mag, soll nach Marzahn."

  6. 10.

    ** Nach 25 Jahren ist es dann nur selbstverständlich, dass die Gebäude marode sind und wie ein Schandfleck wirken. Ähnlich sah es 1989 mit den Häusern in der Brandenburger Straße aus.
    Zum Abschluss vielleicht noch das auf den Weg: Ohne die Spenden von Hasso Plattner wäre das Stadtschloss ohne jeglichen Stuck und Zierrat errichtet worden. Wer hat hier keinen Sinn für Architektur?

  7. 9.

    In den vorangegangenen Kommentaren wird ständig von Starrsinn gesprochen, weil Menschen sich dafür einsetzen, dass eine Hand voll markanter Gebäude, die zu DDR Zeiten errichtet wurden bleiben. Es handelt sich hier mitnichten um eine "...austauschbare Bebauung...", denn sowohl das FH-Gebäude, als auch der Rechnungshof, das Cafe Minsk und das mittlerweile abgerissene Haus des Tourismus haben wesentlich mehr liebe zu architektonischer Vielfalt aufzuweisen, als die grauen Quader namens Blu oder Bibliothekaneubau. Auch andere Nachwendebauten, wie das IHK Gebäude und die Wilhelmgalerie, stellen mitnichten eine "...behutsame Vereinigung der beiden Teile der Potsdamer Innenstadt..." dar.
    Geschichteverklärung passiert heute, nach dem gleichen Muster, wie zu DDR-Zeiten. Man will keine Erinnerung an diese Zeiten erhalten, deshalb hat man auch nichts, ja wirklich nicht mal einen Tropfen Farbe in diese Gebäude investiert.
    **

  8. 8.

    Bitte beruhigen Sie sich erstmal. Und dann noch einmal genau lesen: Aus diesem "Gebäude der Bildung" ist selbige bereits fast vollständig ausgezogen, hat also eine neue Unterkunft gefunden.

    Diesen Klotz, der sich unmaßstäblich zwischen Nikolaikirche und Landtagsschloß drängt, und der dereinst von den Machthabern der SED mit der Absicht errichtet wurde, Gesicht und Struktur des historischen Potsdam auszulöschen, für eine Perle der Architektur zu halten, in deren Sanierung unbedingt viel Geld gesteckt werden sollte, bleibt Ihnen natürlich unbenommen.

  9. 7.

    Die Polizei soll li8ber auf ihre Verbrecher aufpassen, als Demonstranten wegzuräumen.

  10. 6.

    Gebäude der Bildung werden ja erst entstehen. An mehreren Ecken, so bezeichnete Leitbauten, die per Gestaltung quasi ein ganzes Bildungsprogramm beinhalten.

    Das lässt sich von der Fassade der wegziehenden FH, des früheren Instituts für Lehrerfortbildung, nicht sagen. Eine geradezu spartanische Fassade, vertretbar ggf. in Außenbezirken einer Stadt, nicht jedoch im Zentrum einer Stadt, die in einem Welterbe-Gebiet liegt. Wer will da draufschauen, dass vor Bildung das Herz höher schlägt?

  11. 5.

    Verstehe ich das richtig: Ein Gebäude der Bildung soll plattgemacht werden für eine StadtFASSADE?

  12. 4.

    Dass man den Palast der Republik weggerissen hat oder das Lanin-Denkmal am Leninplatz in Friedrichshain, das waren reine ideologische Maßnahmen nach dem Motto:

    "Von der DDR soll nichts nichts übrigbleiben"

    Da wird von lauter Borniertheit von Betonköpfen Geschichtsklitterung getrieben und ein wesentlicher Grund für Touristen, Ostdeutschland zu besuchen, einfach beseitigt.
    Da wundert man sich dann auch nicht, dass dieselben Politiker nicht viel mehr können, als Lobbyisten hinterher zu rennen.

    In Potsdam sehe ich das allerdings anders.

    Diese schmucklosen Fachhochschulbauten an diesem Ort waren einfach ein gravierender Architektonischer Frevel, vermutlich aus ähnlicher ideologischer Borniertheit dahin gestellt, wie man in Berlin DDR-Zeugnisse beseitigt hat.

    Im Grunde dieselbe Schrott-Politik.

    Es scheint auf beiden Seiten der ideologischen Demarkationslinie der selbe Charaktertyp in der Politik voranzukommen.

  13. 3.

    G 20 a la Potsdam? Wollen diese Besetzer nur Stunk machen und mal ein bisschen stänkern? Weg mit dem alten DDR Mist. Wenn ich diesen Bau schon sehe bekomme ich Würge reiz. Das hat nichts mit mit Städtebau und Architektur zu tun, das ist einfach nur Schrott!
    Gegen das Hotel hat ja keiner was aber der Rechnungshof wäre bei mir der nächste!

  14. 2.

    Wenn der Abriss der Fachhochschule beendet ist, können die Bagger von mir aus direkt am Hotel weitermachen.

    (an sich schreibe ich hier gerne längere Texte, aber manches ist eben mit einem einzigen Satz gesagt)

  15. 1.

    Es ist schon denkwürdig oder geradzu bezeichnend: Die Menschen jeder anderen Stadt würden sich alle Finger danach lecken, wenn die 1970er Jahre Monströsität in ihrem Zentrum verschwände und dasjenige an die Stelle tritt, was eine Stadt in ihrem Innersten auszeichnet: Eine kleinteilige und einmalige, nicht aber austauschbare Bebauung.

    In Potsdam scheint dies bei den jetzt Aktivisten untergegangen zu sein.

    Praktisch geht es um die behutsame Vereinigung der beiden Teile der Potsdamer Innenstadt: Zwischen dem wiedererstandenen Alten Markt mitsamt Landtagsschloss und Barberini und dem Viertel um die Brandenburger Straße. Das nämlich war nur die Erweiterung der Innenstadt. Jetzt besteht die Chance, beides zu verbinden. Das FH-Monstrum steht dem in seiner Klobigkeit entgegen. Das hat nichts mit DDR-Architektur zu tun, sondern mit städtebaulichen Missgriffen gerade der 1970er Jahre.

    Warum wohl bleiben Menschen vor bestimmten Bauten stehen und gehen an anderen achtlos vorüber?

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